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Braucht es Gott für die weltliche Ordnung?

In den Vereinigten Staaten wird freimütiger über die Fundamente der politischen Ethik diskutiert. Davon lässt sich lernen.
Augustinus
Foto: gemeinfrei / wikimedia commons | Inspiriert und immer noch inspirierend: Der Kirchenvater Augustinus.

Wie in kaum einem anderen Land der westlichen Welt wird in den USA und innerhalb der dortigen politischen Ethik über den Mehrwert der Religion gegenüber rein säkularen oder offen atheistischen Visionen menschlicher Gesellschaft debattiert. Zuletzt erhielt die Debatte wieder Auftrieb angesichts der Vereidigung des neuen muslimischen Oberbürgermeisters von New York auf den Koran. Ob der der gewohnten Bibel als Unterlage und Grundlage des Amtseides ebenbürtig sein könne?

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Noch grundsätzlicher ging es um die religiös bekräftigte Treue zur öffentlichen Verwaltung, kurz: zur staatlichen Gemeinschaft. Und dies wird ja seit der Französischen Revolution mit der Inthronisierung der Göttin der Vernunft anstelle des Altarsakramentes auf dem Hochaltar von Notre-Dame in Paris stets diskutiert: Braucht es Gott im Hintergrund säkularer politischer und wirtschaftlicher Ordnung? Und wenn ja: Was ist der Mehrwert dieses Hintergrundes? Und ist es vielleicht gar nicht einmal so sehr ein Hintergrund (der zur Not auch entfallen könnte, wenn erst der Vordergrund fertig gebaut ist und von selbst, auch ohne Hintergrundbeleuchtung, glänzt), sondern vielmehr ein Horizont, ein Ziel, ein Wohin?

Die Denker, die das in den USA lebhaft diskutieren, nennen sich unverblümt augustinische Liberalisten und vertreten dementsprechend einen augustinischen Liberalismus. Das heißt: Sie vertreten wie der heilige Augustinus einst gegenüber dem heidnischen Römischen Reich die Auffassung, der Staat und seine Ordnung von Recht und Gerechtigkeit unter Zwang sei eine Folge der Erbsünde und des Hangs der Menschen zu böser Gewalt, und sogar – und jetzt wird es spannend – ein Heilmittel der Erbsünde und der zum Bösen neigenden menschlichen Natur. Indem der Staat mit Zwang das Recht dekretiert, lässt er den Menschen aber auch erkennen: Nicht vom Zwang (und vom Brot und Sozialversicherungen und korrekten Finanzämtern) lebt der Mensch.

Diese bittere und notwendende Erkenntnis muss sich Bahn brechen, damit Freundschaft und Liebe ersehnt und gelebt wird. Eine gerechte Ordnung allein kann niemals das letzte Ziel des Menschen sein. Und deswegen unterstreicht auch der heilige Thomas von Aquin im Rahmen seiner politischen Ethik: Der Mensch will mit dem Menschen befreundet sein (zugegebenermaßen nicht mit allen, das erfolgt erst nach sanftem fegefeurigem Zwang in der Ewigkeit), er begnügt sich keineswegs damit, vom Mitmenschen nicht erschlagen oder auch nur toleriert zu werden. Liebe und Freundschaft aber kann kein Staat erzwingen, wie überhaupt ja auch Tugend nicht durch Zwang, sondern durch Neigung und Einsicht bewirkt wird (weswegen der säkulare Staat folgerichtig und tragischerweise gezwungen ist zur Erlaubnis der Ehescheidung).

Das letzte Ziel des Menschen ist die fortschreitende Heilung der unsterblichen Seele, und eine gerechte Gesellschaft soll die besten Fähigkeiten der menschlichen Seele fördern und entwickeln, in Freiheit und in der festen Überzeugung: Es ist für den Menschen besser, Gott anzubeten, als sich selbst oder irgendeinen anderen Menschen. Ein Staat, der sich als frei von Religion erklärt, aber nicht die Freiheit zur Religion fördert, schafft sich ab, oder schärfer und mit Augustinus: Er mutiert unter der Hand zur effizienten Räuberbande.

Der Autor ist Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät Paderborn. 

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Peter Schallenberg Bibel Erbsünde Gott Koran Säkularisation Thomas von Aquin

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