Am Montag haben studentische Aktivisten einen Auftritt des früheren Bundesaußenministers Joschka Fischer in der Hildesheimer Liebfrauenkirche gestört. Wie die „Hildesheimer Allgemeine Zeitung“ (HAZ) berichtet, unterbrachen sie die Veranstaltung mit Sprechchören und Transparenten. Mehrere Demonstranten wurden von der Polizei aus der Kirche geführt. Gegen drei Beteiligte wird wegen Widerstandshandlungen ermittelt.
Fischer sprach auf Einladung des Instituts für Geschichte der Universität Hildesheim im Rahmen der Hildesheimer Finanz-, Wirtschafts- und Währungsgespräche. Thema der Veranstaltung war die Rolle Deutschlands in einer neuen Weltordnung. Während der Diskussion sprach sich Fischer unter anderem für eine Rückkehr zur Wehrpflicht aus. Angesichts der militärischen Bedrohung durch Russland führe daran kein Weg vorbei, sagte der frühere Außenminister. Zugleich warnte er vor einem möglichen Rückzug der USA aus ihrer bisherigen Sicherheitsrolle in Europa. Wie die HAZ berichtet, warfen die Aktivisten dem ehemaligen Grünen-Politiker vor, sich für militärische und nukleare Aufrüstung einzusetzen, und bezeichneten ihn als „Kriegstreiber“.
Laut der Webseite der Universität Hildesheim wird die Liebfrauenkirche seit dem Sommersemester 2025 für Veranstaltungen genutzt. Seit der Sperrung des Audimax dient sie als Ausweichort für Lehrveranstaltungen und größere Veranstaltungen der Hochschule. Neben Vorlesungen und Klausuren finden dort auch weitere Universitätsveranstaltungen statt. So wurden nach Angaben der Hochschule im November 2025 in der Liebfrauenkirche Deutschlandstipendien sowie weitere Förderstipendien an Studenten verliehen. Nach Angaben der Bildungseinrichtung wurden vor der Entscheidung für die Liebfrauenkirche verschiedene Alternativen geprüft, darunter das Stadttheater, Kinosäle und Hotels. Ausschlaggebend für die Wahl seien unter anderem organisatorische Gründe gewesen.
Nutzung durch Universität nicht unumstritten
Doch die Nutzung der Liebfrauenkirche durch die Universität ist nicht unumstritten. Wie die HAZ im April 2025 berichtete, seien nach Angaben des für die Liebfrauengemeinde zuständigen Pfarrers Marcus Scheiermann auch Stimmen gegen Vorlesungen in dem Gotteshaus laut geworden. Zugleich verwies der Geistliche auf die enge Verbindung zwischen Pfarrei und Hochschule. So nutze die Universität seit rund zehn Jahren Räume im Pfarrhaus. Zudem habe sie den Vorplatz der Kirche erworben.
Auf Anfrage der Tagespost verwies das Bistum Hildesheim auf die bestehende Nutzungsvereinbarung zwischen der Pfarrgemeinde Liebfrauen und der Universität Hildesheim. Darin sei festgelegt, „den besonderen sakralen Charakter des Kirchenraumes, insbesondere des Altarbereichs, sowie der Sakristei zu beachten“. Zudem dürfe der Kirchenraum nicht „für Zwecke oder Handlungen“ genutzt werden, die „gegen die Grundsätze der katholischen Glaubens- und Sittenlehre gerichtet sind“.
Die Veranstaltung mit Joschka Fischer ordnet das Bistum als Teil einer universitären Veranstaltungsreihe des Instituts für Geschichte ein. Zugleich betont die Bischöfliche Pressestelle, die Pfarrgemeinde stehe mit der Universität „im konstruktiven Austausch darüber, welche Veranstaltungen in der Kirche stattfinden können und welche eher nicht geeignet sind“
Eine Teilnehmerin der Veranstaltung schilderte gegenüber dieser Zeitung, dass die Podiumsdiskussion unmittelbar vor dem Altar stattgefunden habe. Die Referenten hätten mit dem Rücken zum Altar gesessen und von dort aus zum Publikum gesprochen. Das Allerheiligste habe sich während der Veranstaltung im Tabernakel befunden. „Das Ewige Licht hat gebrannt“, sagte sie.
„Da wird keine Rücksicht darauf genommen, dass das eine Kirche ist“
Auch bei anderen Veranstaltungen der Universität Hildesheim in der Liebfrauenkirche werde das Allerheiligste nicht an einen anderen Ort gebracht. Zudem werde ihrer Einschätzung nach der sakrale Charakter des Kirchenraumes nicht ausreichend berücksichtigt. „Da wird keine Rücksicht darauf genommen, dass das eine Kirche ist“, betonte sie.
Als weiteres Beispiel verwies sie auf die „Vollversammlung der Studierenden“ vom 21. Januar 2026. Nach ihrer Darstellung seien dabei Tische, Mikrofone und weitere technische Ausstattung im Altarbereich aufgebaut worden. Ein der Tagespost vorliegender Screenshot einer Instagram-Story des Accounts „asta_stupa_unihildesheim“ zeigt einen Tisch mit Laptop sowie ein Rednerpult im Altarbereich.
Besonders erschüttert zeigte sich die Teilnehmerin von den Protesten während des Fischer-Auftritts. Nach ihrer Schilderung hätten sich die Aktivisten zunächst unter die Besucher gemischt. Während der Veranstaltung seien mehrere Personen aufgestanden und hätten lautstark gegen den früheren Außenminister protestiert. Einige hätten sich zudem im Mittelgang zu Boden fallen lassen. Die Polizei habe die Demonstranten anschließend aus der Kirche geführt. Auch vor dem Gotteshaus hätten die Proteste mit Lautsprecherdurchsagen und Musik angehalten. „Das hat alles übertroffen, was ich bisher in einer Kirche erlebt habe“, sagte sie. DT/jna
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