Nach seiner Station in Barcelona, wo Papst Leo XIV. den berühmten Christusturm der Sagrada Família segnete – mit 172,5 nun Metern der höchste Kirchturm der Welt –, landete er am Donnerstagvormittag auf Gran Canaria. Unter Beifall und Musik wurde er am Hafen von Arguineguín empfangen, der wegen der vielen Flüchtlinge, die auf der Überfahrt von Afrika zu den Kanaren gestorben sind, nach den Worten des Ortsbischofs auch als „Hafen der Schande“ bezeichnet wird.
Dort begegnete er Mitarbeitern von Hilfsorganisationen und Helfern in der Migrantenarbeit und rief zu einem entschieden menschlicheren Umgang mit Migration auf. Ausgehend vom Evangelium vom Weltgericht (vgl. Mt 25) betonte er, das Wort Gottes werde hier am Meer konkret: „Hier kommen so viele verwundete Menschenleben an, denen fast alles genommen wurde, aber niemals ihre Würde.“ Das Evangelium reiße die Gläubigen „aus der bequemen Rolle des Zuschauers“ und stelle die Frage, ob in den Ankommenden Christus erkannt werde.
Das Meer zwischen Gefahr und Hoffnung
Mit Blick auf die gefährliche Atlantikroute, die laut dem Bischof der Kanarischen Inseln, José Mazuelos Pérez, eine „der gefährlichsten Migrationsrouten der Welt“ ist, sprach Leo von einem Meer, das in der Bibel Symbol für Chaos und Gefahr sei. Auch heute gebe es „Ungeheuer“, so der Papst, darunter Menschenhändler, aber auch die „Gleichgültigkeit vieler“. Gleichzeitig ermutigte er mit Rekurs auf das Volk Israel, das aus der Wüste geführt wurde, an den einen Gott zu glauben, der „das Chaos bezwingt, dem Bösen Einhalt gebietet und einen Weg bahnt, wenn der Tod sich durchzusetzen scheint“.
Der Papst griff zudem eine Deutung des Bischofs der Kanarischen Inseln auf, wonach sich der Ort selbst verwandeln könne. So erinnerte José Mazuelos Pérez daran: „Dieser Ort, der so viel Leid getragen hat, kann sich auch in ein Symbol der Aufnahme, der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit verwandeln. Mit Ihrem Besuch machen wir heute einen Schritt auf diesem Weg.“
Barmherzigkeit im Kleinen
Ausdrücklich würdigte der Papst die Arbeit von Seenotrettern und Caritas. Barmherzigkeit beginne oft im Kleinen; „manchmal mit ein paar Keksen und etwas Milch“, sagte er auf das Zeugnis einer Ehrenamtlichen der Caritas anspielend, „ein anderes Mal mit fünf Broten und zwei Fischen“.
Die Ehrenamtliche berichtete, man habe gelernt, „dass es nicht darum ging, alle Probleme zu lösen, sondern präsent zu sein“. Zuhören, kleine Zeichen der Nähe schenken – „ein Paar Schuhe, eine Jacke, eine Tasse Kaffee“ – oder bei der Beschaffung notwendiger Dokumente helfen: All dies sei bereits eine Form der Begleitung gewesen. Besonders prägend sei die Erkenntnis gewesen, „dass kleine Gesten, ein Lächeln oder ein Blick Hoffnung vermitteln und einem Menschen das Gefühl geben können, willkommen zu sein, selbst wenn man nicht dieselbe Sprache spricht“.
Migranten sind keine Zahl
Die Zeugnisse von Rettungskräften, Caritas-Mitarbeitern und Betroffenen hätten gezeigt, so der sichtlich bewegte Papst Leo, dass Migration keine abstrakte Größe sei, sondern konkrete menschliche Schicksale. Entscheidend sei der Perspektivwechsel: Der Migrant dürfe nicht eine Zahl oder Aktennummer sein, sondern müsse als Mensch gesehen werden.
Besonders eindrucksvoll sprach der Papst einer Frau, die Opfer von Menschenhandel geworden war und ihr Zeugnis nicht selbst vortragen konnte, ihre Identität als Tochter Gottes zu. Er sagte: „Auch wenn andere deinem Körper einen Preis auferlegt haben, hat Gott nie aufgehört, dich als etwas Unbezahlbares anzusehen. Auch wenn sie dich in einer Vergangenheit des Schmerzes gefangen halten wollten, verkündet Gott weiterhin ein Versprechen der Zukunft über dich. Auch wenn man dich wie einen Gegenstand behandelt hat, möchte die Kirche dir heute sagen: Du bist eine Tochter und eine Schwester, du bist ein Segen. Dein Leben gehört Gott und bewahrt eine Würde, die dir niemand nehmen kann. Und wir wollen mit dir gehen, bis diese Wahrheit sich wieder stärker anfühlt als der Schmerz.“
Dabei sagte der Papst ausdrücklich, er verneige sich vor der Würde jedes Migranten. Menschenhandel und die Versprechen krimineller Netzwerke verurteilte er scharf. „Dieses Drama muss zu einer Gewissensprüfung werden“, sagte er: für Herkunfts- wie Transitländer, für Europa wie die internationale Gemeinschaft, die zu einer wirksamen und beharrlichen Zusammenarbeit aufgerufen sei.
Politische und kirchliche Verantwortung
Er appellierte an Politik und internationale Gemeinschaft, nach „legalen und sicheren Wegen, wirksamem Schutz, echter Zusammenarbeit gegen Menschenhändler und Integrationsprozessen“ zu suchen. Es reiche nicht, Migration nur zu verwalten oder Grenzen zu sichern: „Jedes Boot, das ankommt, bringt eine Frage mit sich: Welche Welt haben wir geschaffen?“
Die Menschenwürde, so der Papst, kenne keine Grenzen: „Sie hat keinen Reisepass und verliert ihren Wert nicht beim Überqueren einer Grenze.“ Zum Abschluss mahnte er, sich nicht an das Leid an den Küsten zu gewöhnen: „Möge die Geschichte uns nicht vorwerfen, dass wir den Schmerz derer, die leiden, zu einem alltäglichen Anblick gemacht haben.“
Die Lage auf der Atlantikroute
2024 erreichten fast 50.000 Menschen über die Atlantikroute die Kanarischen Inseln. Die Verlagerung der Migrationswege – nach der weitgehenden Schließung anderer Routen über die Türkei und Griechenland – hat die gefährliche Atlantikroute stark belastet. Zwar ist die Zahl zuletzt rückläufig, doch weiterhin sterben jedes Jahr Tausende Menschen auf dem Weg nach Europa.
Besonders herausfordernd bleibt die Situation unbegleiteter Minderjähriger. Tausende von ihnen sind in staatlichen Einrichtungen untergebracht, die zunehmend an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. Mit dem Erreichen der Volljährigkeit fallen viele aus dem Betreuungssystem heraus und sind auf neue Unterstützungsstrukturen angewiesen.
In der Nachfolge von Papst Franziskus
Mit dem Besuch der Kanarischen Inseln ist Papst Leo XIV. dem Wunsch seines Vorgängers Papst Franziskus, der selbst Sohn von Auswanderern war, nachgekommen. Dieser wollte dort auf das Schicksal der auf See Verstorbenen aufmerksam machen. Bereits auf seiner ersten Reise 2013 nach Lampedusa lenkte er mit der Frage „Kain, wo ist dein Bruder?“ die weltweite Aufmerksamkeit auf das Schicksal von Migranten.
Wie einst Papst Franziskus auf Lampedusa warf auch Leo XIV. mit Tränen in den Augen einen Blumenkranz ins Meer – als Zeichen des Gedenkens an all jene Bootsflüchtlinge und Migranten, die auf der Überfahrt ihr Leben verloren haben. Überreicht wurde der Kranz von zwei afrikanischen Migranten. Allein in den ersten fünf Monaten dieses Jahres sollen nach Angaben der NGO „Caminando Fronteras“ über 1.300 Menschen auf der Überfahrt gestorben sein oder als vermisst gelten.
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