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Wenn Armut produktiv wird

Wie die Franziskaner die Wirtschaftsethik im Mittelalter prägten: Neue Reihe: „Die soziale Revolution des Poverello“ – Teil 1.
Wenn Armut produktiv wird
Foto: Wiki Commoms | Giotto zeigt den Verzicht des heiligen Franziskus auf seinen Besitz. Das franziskanische Armutsideal prägte später auch das wirtschaftsethische Denken des Ordens.

Der fröhliche Heilige Franz von Assisi fasziniert die Menschen seit Jahrhunderten. Im Oktober jährt sich sein Todestag zum achthundertsten Mal. Seine radikale Entscheidung für das Evangelium, seine Botschaft des Friedens und der Mitmenschlichkeit, sein tiefer Respekt vor der Umwelt überzeugt. Doch das franziskanische Erbe birgt noch eine weniger bekannte Revolution, nämlich eine wirtschaftliche. Ab dem 13. Jahrhundert stieß die franziskanische Bewegung ein völlig neues Nachdenken über Marktaktivitäten und Finanzwesen an. Die ökonomischen Debatten jener Zeit fanden verstreut in den verschiedensten Schriftstücken statt, in theologischen Summae, in Beichthandbüchern, Predigten, Bibelkommentaren und Rechtsquellen. Doch genau diese Textfülle schuf für das Nachdenken über den Markt neue Begriffe und gab den rasanten wirtschaftlichen Prozessen der Epoche eine Sprache.

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Die franziskanische ökonomische Tradition entstammt einer Epoche, die entscheidend zu den vorpolitischen normativen Grundlagen des modernen Staates beigetragen hat. Das Denken dieser Zeit hat die ökonomischen Traditionen Europas nachhaltig geprägt; es ist ein zentrales geistiges Fundament unserer europäischen Wirtschaftskultur. Es bleibt ein faszinierendes Paradoxon der westlichen Geschichte, dass ausgerechnet jene Franziskaner, die dem materiellen Besitz radikal abgeschworen hatten, tiefe Reflexionen über Reichtum, Märkte und Kapital entwickelten.

Moralische Implikationen ökonomischen Handelns

Als Europa von einem epochalen Wandel erfasst wurde – als der Fernhandel florierte, die Kreditwirtschaft expandierte und die städtischen Märkte wuchsen –, erwiesen sich brillante Denker wie Bonaventura, Petrus Iohannis Olivi, Duns Scotus, Francesc Eiximenis und Bernardin von Siena als Experten der wirtschaftlichen und politischen Praxis. Sie entwickelten Konzepte, die ihrer Zeit weit voraus waren, etwa die subjektive Wertlehre, das Prinzip des gerechten Preises oder die Legitimität des kaufmännischen Gewinns.

Damit bereiteten sie nicht nur dem modernen Wirtschaftsvokabular den Weg, sondern sie legitimierten auch die moralische Dimension des Marktes und die unverzichtbare gesellschaftliche Rolle der Kaufleute. Doch galt ihr Hauptinteresse nicht der abstrakten Analyse marktwirtschaftlicher Gesetze, sondern den moralischen Implikationen ökonomischen Handelns. Wirtschaftliche Fragen wurden von ihnen konsequent in einen normativen und religiösen Kontext gestellt. Für sie musste wirtschaftliches Handeln zwingend von Gerechtigkeit geleitet sein – ein Ansatz, der tief in ihrer Moraltheologie sowie in ihrem voluntaristischen Freiheits- und Armutsverständnis wurzelte.

Der franziskanische Armutsstreit 

Vor diesem Hintergrund brach mitten im 13. Jahrhundert der berühmte franziskanische Armutsstreit aus, dessen wunder Punkt der sogenannte usus pauper, der arme Gebrauch, war. In dieser ordensinternen, hochschulpolitischen und kirchlichen Zerreißprobe ging es um nichts weniger als die richtige Auslegung der Ordensregel des Franz von Assisi. Diskutiert wurden die theoretischen Grundlagen und die praktischen Auswirkungen des hinterlassenen Armutsideals: Wie stand es um den Nutzen irdischer Güter? Und wie um den individuellen und gemeinschaftlichen Eigentumsverzicht?

Die Franziskaner differenzierten dabei gewissenhaft zwischen dem bloßen Gebrauchsrecht und dessen eingeschränktem, armen Gebrauch sowie dem eigentlichen Eigentumsrecht (dominium). Petrus Olivi unterschied exemplarisch zwei Formen von dominium, also des Verhältnisses zu materiellen Dingen: das Ideal der höchsten Armut (altissima paupertas) und das gewöhnliche Privat- oder Gemeineigentum. Diese zweite Art von dominium war im Vergleich mit der höchsten evangelischen Armut eine unvollkommene Herrschaftsform; sie kam im Eigentumsbesitz und bei der Aneignung von Gütern zum Tragen.

Die vollkommene Armut hingegen erforderte neben dem vollständigen juristischen Verzicht auf alle Eigentumsrechte zwingend den sogenannten armen Gebrauch. Das bedeutete konkret: Es reicht nicht aus, Dinge bloß formell nicht zu besitzen; auch der tatsächliche Konsum, etwa Nahrung oder Kleidung, musste im Alltag restriktiv auf das lebensnotwendige Mindestmaß beschränkt werden.

Die bewusste Distanz zur Welt 

Olivi begründete die Wahl zwischen Armut und Besitz mit der menschlichen Willensfreiheit. Der Verzicht auf Eigentum war dabei keine logische oder theologische Spitzfindigkeit, sondern der Eckpfeiler universeller Geschwisterlichkeit. Dieser Konflikt spiegelte die fundamentale Frage wider, wie evangelische Vollkommenheit inmitten einer kommerziellen und finanziellen Revolution gelebt werden konnte. Für die Nachfolger von Franz von Assisi bedeutete die bewusste Wahl der Armut jedoch keineswegs weltfremde Isolation; sie wirkte im Gegenteil aktiv auf die Gesellschaft.

Durch den freiwilligen Verzicht auf Eigentum gewannen die Franziskaner einen völlig neuen, unverstellten Blick auf das Beziehungsgeflecht zwischen Menschen, dem Geld und Sachgütern. Diese bewusste Distanz zur Welt erwies sich als echter Innovationstreiber. Sie spornte die Franziskaner an, ein tieferes Verständnis des Wirtschaftslebens zu entwickeln und den logischen Zusammenhang von Gewinn, Preisbildung und dem sozialen Nutzen kaufmännischer Aktivitäten präzise zu ergründen.

So schufen sie die theoretische Basis für eine Wirtschaftskultur, die den Markt nicht als individualistische Arena, sondern als Ort sozialer Begegnung verstand. Das Modell, das die Franziskaner der damaligen Gesellschaft vorschlugen, war für ihre Zeit revolutionär: Wer sich, wie die Minderbrüder, für die freiwillige Armut entschied, verzichtete komplett auf Eigentum und alle damit verbundenen Rechte. Wer hingegen den Weg des Reichtums wählte – wie etwa die aufstrebenden Kaufleute –, für den bedeutete „Armut“ etwas anderes: den Verzicht auf die reine, sterile Akkumulation. Geld sollte nicht gehortet werden, sondern es sollte zirkulieren, um dem Gemeinwohl zu dienen.

Meister der Interdisziplinarität

Retrospektiv erwiesen sich die franziskanischen Intellektuellen als Meister der Interdisziplinarität, indem sie in ihrer Analyse ökonomischer Fragen fachkundig kanonische, zivilrechtliche und philosophische Perspektiven miteinander verknüpften. Das Besondere an ihrer Vorgehensweise war, dass sie die Existenz der neuen Märkte nicht von vornherein verurteilten. Stattdessen bemühten sie sich darum, die ökonomische Wirklichkeit und die ihr zugrunde liegende Logik von innen heraus zu verstehen.

Ihren Überlegungen lag eine erstaunlich argumentative Struktur zugrunde, die sich bewusst auf empirische Daten einließ. Die Franziskaner waren daher keineswegs reine Moralprediger. Den franziskanischen Theologen ging es um eine kluge Doppelstrategie, denn sie wollten sowohl eine Ethik für das Individuum als auch eine Moral für die Gemeinschaft erarbeiten, um die sozialen Beziehungen grundlegend zu verbessern. Erst die theologische Idee der Armut schuf Raum für eine wirtschaftliche Analyse.

Doch ging es den Mönchen dabei nie um rein technokratisches Wirtschaftswissen. Ihr Antrieb war ein anderer: Sie wollten verstehen, welche konkreten sozialen und ökonomischen Folgen das theologische Menschenbild ihres Ordens für die wirkliche Welt hatte. Letzten Endes zeigte sich hier, dass zwischen dem theologischen Armutsverständnis und der sozioökonomischen Reichtumsfrage kein unlösbares Paradoxon bestand, sondern dass es einen inneren Zusammenhang und eine logische Kontinuität gab.

Eine Wahlverwandtschaft der Mönche

Man kann daher mit Recht von einem spezifisch franziskanischen Ansatz der Wirtschaftsethik sprechen, der aus dem Geist der Armutsbewegung heraus eine neue sozioökonomische Ordnung entwarf. Im Sinne der Perspektive von Max Weber lässt sich hier eine regelrechte „Wahlverwandtschaft“ erkennen zwischen der anthropologisch-ethischen und der theologisch-rechtlichen Konzeption des Franziskanerordens und den von seinen Theologen erarbeiteten wirtschaftsethischen Auffassungen.

Die franziskanische Wirtschaftsethik zeichnet sich im Kern dadurch aus, dass sich die Ordensbrüder selbstbewusst und absichtsvoll in die damalige Gesellschaft integrierten und mit hellwachen Augen auf das pulsierende städtische Leben mit seinen dynamischen Anforderungen schauten. Gleichzeitig betonten sie den klaren Vorrang des Individuums und seiner freien Willensentscheidung, entwickelten ein völlig neues Verständnis des Verhältnisses zu weltlichen Dingen und schufen eine untrennbare Verbindung zwischen individuellem Gewinn und der utilitas publica – nämlich die in die Zukunft weisende Feststellung, dass privater Reichtum einen legitimen sozialen Nutzen für das Gemeinwohl stiften kann.

Akualität franziskanischer Einsichten 

Warum also sollte die franziskanische Wirtschaftsethik des Mittelalters die Menschen im 21. Jahrhundert noch interessieren? Geht es lediglich darum, eine historische Forschungslücke zu schließen? Oder liegt ihr Wert nicht eher darin, Orientierung in einer Gegenwart zu bieten, die von Kriegen, den Herausforderungen der Globalisierung und sozialen Umbrüchen geprägt ist? Sich auf eine solche Tradition zurückzubesinnen, ist keineswegs rückwärtsgewandt; es lässt sich, ganz im Gegenteil, von ihr lernen, dass die Gestaltung einer menschenwürdigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zwingend an klaren sozialen Zielen ausgerichtet sein muss.

Franziskanische Einsichten könnten weltweit soziale Inklusion und Teilhabegerechtigkeit fördern. Bis heute hängen Wohlstand und Armutsbekämpfung elementar von inklusiven politischen und ökonomischen Institutionen ab. Dies gilt für den Rechtsstaat ebenso wie für die Integration der ärmsten Entwicklungsländer in die Globalisierung durch faire internationale Abkommen.


Der Autor ist Privatdozent an der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

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