Herr Pfarrer Gras, welche Aufgaben übernehmen Sie in der Pilgerseelsorge in Santiago de Compostela? Und: Was genießen Sie als Seelsorger vor Ort besonders?
Die deutschsprachige Pilgerseelsorge arbeitet in Teams von üblicherweise drei Personen, unter ihnen ein Priester für dessen spezifische Aufgaben: tägliche deutsche Messe und tägliches Angebot in der Kathedrale zu Beichte bzw. Einzelgesprächen.
Außerdem bieten die anderen Mitglieder des Teams Erreichbarkeit im mehrsprachigen offiziellen Pilgerzentrum zu offenen Gesprächsrunden über die Erfahrungen auf den Caminos und abends einen geistlichen Rundweg durch den Kreuzgang der Kathedrale an. Für mich als Priester sind die Einzelgespräche besonders wertvoll: sehr viele Beichten auf Englisch, Spanisch und Deutsch. Aber auch immer wieder Gespräche mit Menschen, die sich sozusagen selbst auf die Spur kommen wollen. Die Erfahrungen auf dem Weg prägen viele in ganz besonderer Weise. Gerade in der normalen Pfarrseelsorge wird das Sakrament der Beichte oft schlicht nicht wahrgenommen; die Bereitschaft hierzu ist in Santiago auch durch Anonymität und Wegerfahrungen sehr viel höher als gewöhnlich. Von dieser Kathedrale geht viel Gutes aus.
Wie erleben Pilger Santiago als Gnade?
Gnade ist ja unverdiente Selbstmitteilung Gottes. In der Tat fallen mir hierzu Menschen ein, die eigentlich nur „mal weg“ wollten und auf dem Weg Episoden ihres Lebens neu und anders entdecken. Die Decke des gewohnten Alltags (Handy, Termine, Routine) wird weggezogen und dann kommen Gedanken und Erlebnisse zum Vorschein, die man im Alltag im wahrsten Sinne des Wortes übergeht. Ich denke an einen Menschen, der seit Jahrzehnten nicht mehr gebeichtet hat und um Hilfestellung bat. Das werden oft ganz besondere Gespräche. Es gibt auch Ehepaare, die den Weg miteinander gehen und sich wiederentdecken; ein Paar pilgerte den Weg als Hochzeitsreise. Und natürlich gibt es Menschen in Lebensumbrüchen auf der Suche nach Orientierung. Am originellsten war wohl ein indischer nichtchristlicher Professor, der zu verstehen versuchte, warum Menschen pilgern und was meine Aufgabe als Priester dabei sei. Santiago ist ein internationaler und manchmal auch interreligiöser Ort.
Fällt es Zweiflern und Skeptikern an einem Ort wie Santiago de Compostela leichter als zu Hause, an die Botschaft Jesu zu glauben?
Aus dem, was ich höre, liegt die Dynamik, die geistliche Kraft, des Jakobswegs oft in den Zeiten, die Menschen alleine und unter Einsatz ihrer körperlichen Kräfte zurücklegen. Es gibt aber auch solche, denen das Erlebnis der spanischen mittäglichen Pilgermesse wertvoll wird. Jeden Zweifler und Skeptiker wird man nicht überzeugen können. Aber Santiago macht den ein oder anderen in guter Weise nachdenklich.
Mit der Maxime „Der Weg ist das Ziel“ wurde der Jakobsweg von etlichen Pilgerorganisationen betont niederschwellig verkauft. Wie würden Sie die geistliche Sehnsucht der Pilger beschreiben?
Ich erlebe als Priester in Santiago Menschen, die aufblühen, wenn sie die Figur des Apostels Jakobus berühren oder umarmen. Im Spanischen gibt es das Wort vom „Compañero“, ganz wörtlich ist das nicht nur ein Weggefährte, sondern jemand, mit dem man sein Brot („pan“) teilt. Diese Sehnsucht nach gelingender geistlicher und eucharistischer Gemeinschaft erlebe ich besonders deutlich. Hinzu kommt die bei vielen immer wiederkehrende Frage nach dem Ziel des eigenen Lebenswegs.
Jedes Jahr erscheinen Statistiken über steigende Pilgerzahlen in Santiago de Compostela. Wie erleben Sie den Andrang? Sollte man zum Apostelfest nach Santiago pilgern oder besser auf die Nebensaison ausweichen?
Santiago boomt seit Jahren. Mittlerweile gibt es über eine halbe Million Pilger pro Jahr. Ich erlebe Santiago sehr verschieden. Man kann „light“ pilgern mit Gepäcktransport und Hotels auf dem Weg – oder ganz klassisch. Ich will keine der beiden Formen ausschließen; das ist auch eine Typenfrage. Was den Andrang zu besonderen Zeiten angeht, bin ich skeptisch. Ich bin kein Massenmensch. Aber ich habe Menschen kennengelernt, die von Großveranstaltungen tief bewegt waren. Wie sagte ein junger Pilger zu mir über seine Erfahrungen: „Als ich ein Amen hörte, das von 40.000 Menschen gleichzeitig gesprochen wurde, habe ich unglaubliche Kraft gespürt.“

Pfarrer Stephan Gras ist Limburger Diözesanpriester und hat in diesem Jahr zum dritten Mal für zwei Wochen in der deutschsprachigen Pilgerseelsorge in Santiago de Compostela mitgearbeitet. 18 Jahre lang war er in einer spanischsprachigen katholischen Gemeinde in Deutschland tätig und sechs Jahre in der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Barcelona.
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