Mit Papst Leos Urlaubsgewohnheiten können sich viele Christen auf dem Globus identifizieren: Seine spontane Wallfahrt in die Benediktinerabtei Montecassino und der Besuch am Grab des heiligen Benedikt liegen im Trend: Klöster und heilige Stätten ziehen Wallfahrer und Pilger aus allen kirchenpolitischen Richtungen und Generationen an. Die regionalen Heiligtümer verzeichnen ebenso steigende Besucherzahlen wie die traditionellen Heiligen Städte.
Das Jakobusfest in dieser Woche wird schon im Vorfeld überstrahlt von neuen Rekordzahlen: Nie wurden mehr Pilgerurkunden am Grab des Apostels ausgehändigt als in diesem Jahr – und ein Ende des Booms ist nicht zu erwarten. Religionssoziologen melden zwar routinemäßig Skepsis angesichts der Pilgerströme an: Natürlich steht nicht jeder, der einmal die Apostelstatue in Santiago de Compostela umarmt hat, später fest im christlichen Glauben. Keine Frage: Die Grenzen zwischen Selbsterfahrungstrip, Esoterik, Leistungsdenken und schlichtem Gemeinschafts- und Kulturerlebnis verlaufen an Orten wie Santiago de Compostela oder Rom fließend.
Wozu sind Priester eigentlich geweiht worden?
Gleichwohl bleibt die klassische Pilgerfahrt eine der authentischsten Glaubensschulen, die die katholische Kirche für Anfänger und Fortgeschrittene anzubieten hat. Vor allem in ländlichen Regionen Westeuropas, in denen die Gemeinden zusehends ausbluten, fehlt den Gläubigen zwangsläufig der sakramentale Bezug zur Kirche. Während die sozialen und gesellschaftlichen Plattformen der Kirchen noch funktionieren, die Caritas noch ihren Dienst tut und der Bastelkreis regelmäßig werkelt, werden Messpläne eingedampft und leere Beichtstühle zur Normalität.
Dieses Manko betrifft nicht nur die Laien, sondern auch die Geistlichen: Der Zusammenbruch der Beichtpraxis in vielen Gemeinden und die Einführung von sonntäglichen Wortgottesdiensten haben Auswirkungen auf die Erwartungen der Gemeinde an ihre Pfarrer. Viele können sich auf der Wallfahrt ein präziseres Bild vom Berufsprofil eines katholischen Geistlichen machen. Wozu ist er eigentlich geweiht worden? Weder Teamsitzungen noch Kindergartenverwaltung noch Pfarreikarneval gehören zum Kernbestand seiner Aufgaben, doch dafür braucht es eine neue Bewusstseinsbildung.
Dass ein Seelsorger etwa regelmäßig im Beichtstuhl auf Pönitenten wartet, weil allein die offene Tür mit dem wartenden Priester ganz unabhängig von der Nachfrage ein Zeichen ist, wird vielerorts nicht mehr verstanden – erst recht nicht, wenn Mitbrüder das Zeitfenster für die Demo gegen Rechts oder gesellschaftlich angesehenere Events nutzen.
Comeback der traditionellen Frömmigkeit
Gläubige, die sich vor Beichtstühlen in die Reihe der Wartenden einreihen, Rosenkranz beten oder einfach still vor einem Gnadenbild verweilen, sind Bildkatechesen des 21. Jahrhunderts. Auch Priester, die Werktagsmessen feiern und keinen zelebrationsfreien Wochentag einplanen, geben auf Wallfahrten ein Zeugnis ab. Die vielerorts ausgestorbenen Frömmigkeitsformen wie Sakramentsandachten oder das gemeinsame Rosenkranzgebet überleben derzeit nur in liturgischen Biotopen.
Es wäre allerdings kurzsichtig, von der Gegenwart auf die Zukunft zu schließen. Die liturgischen Präferenzen der jungen Gläubigen legen eher den Gedanken an ein Comeback der traditionellen Frömmigkeit nahe, ohne dass dies ein simples Rollback in die fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bedeutete. Wer die liturgische und sakramentale Bandbreite des katholischen Lebens erleben will, ist derzeit gut beraten, auf Wallfahrt zu gehen. Nur was man kennt, kann man auch schätzen.
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