Wenn die Päpste Namenstag haben, ist Feiertag im Vatikan und die Arbeit ruht. Wenn sie aber den Geburtstag feiern, nimmt der Kurienalltag weiter seinen Lauf, als wäre es ein ganz normaler Tag. Nach dem Motto: Jedes Viech hat seinen Geburtstag, aber nur der katholische Christ feiert Namenstag.
Wenn Papst Leo heute 71 Jahre alt wird, ist das alles andere als ein runder Geburtstag und kein Anlass für längere Würdigungen. Eher ein Hinweis, wie schnell doch die Zeit vergeht: Zum zweiten Mal kann man Leo XIV. im Vatikan zum Geburtstag gratulieren, der Reiz der „ersten Male“ eines neu gewählten Papstes ist inzwischen verflogen.
Kleine Brötchen und eine große Enzyklika
Anders der Vorgänger: Franziskus hatte bis zu seinem zweiten Geburtstag als Papst im Vatikan am 17. Dezember 2024 eine Menge Staub aufgewirbelt: Nach der Errichtung einer Parallel-Kurie in Santa Marta packte er das heiße Eisen einer Reform der vatikanischen Dikasterien an, schuf einen den Papst beratenden Kardinalsrat, ließ von auswärtigen Beratern das Finanzgebaren des kurialen Apparats durchleuchten, setzte mit dem historischen Lampedusa-Besuch ein deutliches Signal, verlagerte mit Kardinalsernennung die Gewichte der Kirche an deren Peripherien und schickte sich mit einer Doppelsynode zu Ehe und Familie an, mit dem unbequemen Thema der Kommunionzulassung von zivil Wiederverheirateten die halbe Kurie in Aufregung zu versetzen. Dass er ganz nebenbei das am Albaner See gelegene Castel Gandolfo als päpstliche Sommerresidenz aufgab, hat Papst Leo inzwischen ebenso „nebenher“ wieder rückgängig gemacht. Ansonsten backt der Papst aus Nordamerika eher kleine Brötchen. Einzige Ausnahme: Die Enzyklika „Magnifica humanitas“ über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz wurde zu einem großen Erfolg, die einen erstaunlichen Widerhall in Politik, Wissenschaft, Bildung und der kulturellen Welt verzeichnen konnte.
Hatte Franziskus in den ersten anderthalb Jahren seines Pontifikats Staub aufgewirbelt, so versucht Papst Leo eher, die Wogen zu glätten. Spätestens mit den Synoden zur Ehepastoral, denen das Schreiben „Amoris laetitia“ folgte, hatte der Jesuitenpapst polarisiert, nicht nur im Vatikan, sondern im Kardinalskollegium und Weltepiskopat insgesamt. Aber gerade die Kurie war zweigeteilt. Alle waren gleich, aber diejenigen waren dann doch gleicher, die einen direkten und vertraulichen Draht zu Franziskus hatten. Dem hat Leo XIV. einen Riegel vorgeschoben: Er lässt jeden seinen Job machen und schafft keine parallelen Strukturen. Jede Diskussion über Stilfragen unterbindet er, indem er sich als Papst, auf den man schaut, immer so kleidet und die Umgangsformen pflegt, wie es im Rom der Päpste stets die Regel war.
Eine Personalpolitik ohne Knalleffekte
Erstaunliche Ernennungen hat es unter Papst Leo noch nicht gegeben. Die Nachfolge von Kardinal Michel Czerny war eine hausinterne Lösung. Neuer Substitut im Staatssekretariat wurde ein Vatikandiplomat, der bisherige Substitut wurde dafür Nuntius in Italien und löste einen Nuntius ab, der dafür an die Spitze der Präfektur des Päpstlichen Hauses wechselte: eine Rochade mit betriebseigenem Personal. Dass Papst Leo auch (Ordens-)frauen auf höchste Kurienposten beruft, schließt nahtlos an seinen Vorgänger an und vermeidet den Eindruck, hier gebe es einen Bruch. Allein die neue Chefin des Mediendikasteriums ist eine Personalie, die aufhorchen ließ. Aber die mexikanische Journalistin und Präsidentin von „EWTN News“, Maria Montserrat Alvarado, tritt erst zum 1. November ihren Dienst an. Dass es dann ein Erdbeben im Medienbetrieb des Vatikans geben wird, ist – ersten Kontakten der „Neuen“ mit der Leitung des Hauses zufolge – eher auszuschließen.
Bei seinen Auslandsreisen tarierte Papst Leo sorgfältig aus. Den Ländern an der Peripherie wie den vier afrikanischen Staaten im April dieses Jahres oder zuvor dem Libanon stehen Reisen zu klassischen Zielorten gegenüber: Spanien und jetzt Frankreich. Lateinamerika wird folgen. In Rom selber hat Papst Leo den synodalen Weltprozess nicht angerührt. Die zwei außerordentlichen Konsistorien endeten nicht mit Paukenschlägen. Sie halfen aber dem Papst, „seine“ Kardinäle in aller Welt besser kennenzulernen.
Der Konflikt mit Donald Trump
Ausgewogen sind auch die inhaltlichen Schwerpunkte der Verkündigung des Papstes. Eine vor allem um den heiligen Augustinus kreisende Vätertheologie kombiniert er mit dem Griff in den Zitatenschatz aller Vorgänger der modernen Zeit, Leo XIII. eingeschlossen. Darüber hinaus ist Leo XIV. zu einem konstanten Mahner für den Frieden geworden. Sein Gruß „Der Friede sei mit euch“ vom Wahlabend auf der Loggia des Petersdoms war wie eine Stimmgabel für das beginnende Pontifikat.
Nach dem Beginn des Irakkriegs sah es so aus, als seien der Papst und der amerikanische Präsident aneinandergeraten. Anlass war die Bemerkung von Leo XIV. vor Journalisten bei der Rückfahrt von Castel Gandolfo nach Rom, dass es nicht akzeptabel sei, ein ganzes Volk in die Steinzeit zurückzubomben. Donald Trump nahm es nicht sportlich und attackierte den Papst mehrfach. Dieser wolle, dass der Iran die Atombombe baue, verdrehte er die Aussage seines Landsmannes. Leo war schließlich dazu gezwungen, den mitreisenden Journalisten in Afrika eigens deutlich zu machen, dass seine Aufrufe zu Frieden und Solidarität nicht auf den amerikanischen Präsidenten gemünzt seien, sondern für alle gelten. Es ist aber unbezweifelbar, dass der Papst zu einem Gegenpol der Art und Weise geworden ist, wie Trump die Rolle der Vereinigten Staaten im Konzert der Mächte versteht. Leo steht für einen Multilateralismus, der für Offenheit, Solidarität und Integration steht, nicht für Abschottung und nationale Eigeninteressen.
Keine spektakulären Entscheidungen
Als bedächtiger Mahner ist Leo XIV. damit zu einem Kirchenführer geworden, der ernst genommen wird. Kein Missgriff hat bisher einen Schatten auf sein junges Pontifikat geworfen. Würde er morgen im Deutschen Bundestag sprechen, würde es sich keine Fraktion erlauben, dem Auftritt fernzubleiben. Und wer immer noch glaubt, dass Leo XIV. in strittigen Fragen spektakuläre Entscheidungen fällen würde, die weiter spalten, kann noch lange warten. Stichwort Liturgie. Heute vor 19 Jahren, am Fest Kreuzerhöhung, trat das von Franziskus später wieder einkassierte Motu proprio „Summorum pontificum“ in Kraft. Doch Papst Leo belässt es erst einmal bei dem Nachfolgedokument „Traditionis custodes“. Bald beginnt in Rom die Zusammenkunft aller Vorsitzenden der Bischofskonferenzen der Welt mit dem Papst zum Thema „Amoris laetitia“. Auch da darf man nicht erwarten, dass Leo mehr tun wird als glätten und auf das Positive zu verweisen, das dieses postsynodale Schreiben von vor 20 Jahren in sich birgt.
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