Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Der Papst in Spanien

Eine Katechese aus Steinen, Farben und Licht

Bei der Weihe des Christus-Turms der Sagrada Família in Barcelona würdigt Leo XIV. die spirituelle Tiefe des Meisterarchitekten Antoni Gaudí.
Papst Leo segnet Christusturm der Sagrada Família
Foto: IMAGO/Lorena Sopena (www.imago-images.de) | Mit der Weihe des hohen Christus-Turms durch Papst Leo hat die Sagrada Família ihre Krone erhalten, ist aber noch nicht vollendet.

Als Benedikt XVI. am 7. November 2010 in Barcelona die von Antoni Gaudí als „Sühnetempel zur Heiligen Familie“ konzipierte Kirche und ihren Hauptaltar weihte, stand der Christus-Turm noch nicht. Aber schon damals war die „Sagrada Família“ ein Bauwerk, das einen staunen lässt, wie der deutsche Papst bekannte. In einer Zeit, so Papst Benedikt in seiner Predigt, „in der der Mensch sich anmaßt, sein Leben hinter Gottes Rücken aufzubauen, so als hätte er ihm nichts mehr zu sagen“, zeige „dieser heilige Ort von bezaubernder Schönheit“, dass Gott der wahre Maßstab des Menschen sei, dass das Geheimnis wahrer Originalität darin bestehe, zum Ursprung zurückzukehren, der Gott ist.

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Und wieder ist ein Papst zu diesem „heiligen Ort“ zurückgekehrt. 2017 hatte man begonnen, den Christus-Turm zu bauen, mit 172,50 Metern Höhe der höchste Kirchturm der Welt und einem begehbaren Kreuz an der Spitze, das aus Deutschland stammt. Genau am 100. Todestag Gaudís hat Leo XIV, ihn jetzt geweiht. Ein denkwürdiges Schauspiel: Wie schon in Madrid war die Fahrt Papst Leos im gläsernen Papamobil durch die Straßen Barcelonas ein wahrer Triumphzug. So kam er also mit Verspätung an. Vom spanischen Königspaar vor der Sagrada Família empfangen, suchte Leo XIV. erst die Krypta der Kirche auf und betete vor dem Grab Gaudís.

Zum Gottesdienst war auch der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez gekommen. Den Altarraum der Basilika füllten Kardinäle, Bischöfe und Priester. Nach dem Gottesdienst dann die eigentliche Weihe. Nachdem die nicht enden wollende Schar der Bischöfe die eigens errichtete Tribüne auf dem Vorplatz der Kirche gefüllt hatte, erschien auch der Papst, jetzt mit Mozzetta und Stola bekleidet. Und die große Frage: Wie weiht man einen Turm, dessen Spitze sich in 172 Metern Höhe befindet? Mit Weihwasser-Schleudern? Papst Leo ließ es beim Weihegebet bewenden und besprengte die Anwesenden – das spanische Königspaar eingeschlossen – mit Weihwasser. Ein krachendes Feuerwerk sollte den Abend für die vielen Gläubigen und Schaulustigen beenden.

„Man kann nicht an Jesus glauben und Kriege führen“

In seiner Predigt hatte Leo XIV. die in einer Mischung aus neukatalanischer Gotik und Jugendstil erbaute Kirche wie Papst Benedikt „ein sichtbares Zeichen des unsichtbaren Gottes“ genannt. Mit der Menschwerdung in Jesus Christus sei Gott dann zum Immanuel, „zur Quelle der Gnade und der Vergebung, des Heils und des neuen Lebens“ geworden, sagte Papst Leo und fügte an: „Meine Lieben, wir können nicht an Jesus glauben und Krieg führen. Wir können nicht an Jesus glauben und Unschuldige töten. Wir können nicht an Jesus glauben und diejenigen im Stich lassen, die leiden, die weinen, die vor der Not fliehen.“

Wenn man den Christus-Turm bewundere, so der Papst weiter, erhebe man seine Augen zu Jesus Christus, der „uns die Wahrheit Gottes und die Wahrheit über uns selbst offenbart. Wenn wir auf Christus blicken, können wir die Welt mit neuen Augen sehen: Der Turm des Kreuzes wird dann zum Banner der Nächstenliebe, denn so liebt Gott uns, indem er ein Werkzeug des Todes in ein Zeichen der Hoffnung verwandelt“. Das Kreuz Jesu sei zum Banner der Nächstenliebe geworden. Und der Turm mit dem Kreuz „strahlt am Tag, indem er das Sonnenlicht reflektiert, und glänzt in der Nacht, indem er die Stadt wie ein Leuchtturm hin zum Mittelmeer erhellt“. Die aus Keramik und Glas gefertigte Spitze wird nachts angestrahlt und reflektiert das Licht kilometerweit sichtbar in die Dunkelheit hinaus. Es war die theologische und architektonische Vision Gaudís, dass das Licht Christi als Leuchtfeuer in die Welt strahlen soll.

Kunst und Schönheit als Kanäle der Evangelisierung

Als ein tiefgläubiger Architekt habe der ehrwürdige Diener Gottes Antoni Gaudí die Räume der Sagrada Família mit dem Wunsch entworfen, „die Geheimnisse des Lebens des Herrn zu erzählen“, fuhr Papst Leo in seiner Predigt fort. Auf diese Weise habe er uns eine geistliche Pilgerreise vorgeschlagen, die zur Begegnung mit Christus führe, der für uns geboren wurde, gestorben und auferstanden sei. Neben Gaudí gedenke man heute auch all der Förderer und Wohltäter, der Künstler und Arbeiter, die am Bau eines architektonischen Meisterwerks mitgewirkt hätten, „das auch eine beredte Katechese aus Steinen, Farben und Licht ist“. In ihrer Weisheit erneuere die Kirche so die „Biblia pauperum“ der alten Kathedralen, „die an sich schon sehr reichhaltige Botschaften der Evangelisierung sind. In dieser Zeit der Bilder wird noch deutlicher, wie sehr Kunst und Schönheit herausragende Kanäle der Evangelisierung sind.“

Die Schönheit dieses Gotteshauses ermutige alle, so schloss Papst Leo seine Predigt, „von unserem Meister und Herrn immer mehr die Kunst zu lernen, nach seinem Evangelium zu leben. Während wir unseren Blick zu ihm, dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn, erheben, verpflichten wir uns, das Gesicht derer emporzuheben, die im Staub liegen“. So zeige man, dass die Sagrada Família die höchste Kirche der Welt ist, „aber nicht, um in weltlichen Ranglisten führend zu sein, sondern um die Schritte des pilgernden Volkes Gottes in dieser Region Katalonien zu leiten, mit dem Kreuz, das den Weg erhellt wie eine brennende Lampe in Erwartung der Wiederkunft des Bräutigams“.

Unvollendet, als Zeugnis für eine Sehnsucht

Mit der Weihe des hohen Christus-Turms hat die Sagrada Família ihre Krone erhalten, ist aber noch nicht vollendet. Den Abschluss der Arbeiten dürfte man erst im kommenden Jahrzehnt feiern. Auch das hatte Leo XIV. zu Beginn seiner Predigt angesprochen: Die Basilika sei weit mehr als nur ein Denkmal, „sie ist bis heute ein Bauwerk im Entstehen“. Aber es handle sich um ein Projekt, das Gott verwirkliche. „Seine Unvollkommenheit ist kein Mangel, denn sie zeugt von einer Sehnsucht; sie bedeutet nicht ein Fehlen von etwas, sondern drückt ein Versprechen aus, das wir konsequent einhalten wollen. Unsere Dankbarkeit wird so zu einer Verpflichtung, während wir am Plan Gottes mitwirken, das heißt an dem Bauwerk, zu dem er uns selbst beruft. Da wir Tempel des Heiligen Geistes sind, fällt dieses Werk mit unserem Leben zusammen, das Gott als ein Meisterwerk versteht, das wir gemeinsam verwirklichen sollen.“

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Guido Horst Antoni Gaudí Leo XIV.

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