Ein Kniefall des Papstes am Grab eines Laien hat Seltenheitswert: Leo XIV. hat das Grab des Ehrwürdigen Dieners Gottes Antoni Gaudí (1852–1926) an dessen 100. Todestag besucht und den Christusturm der Sagrada Família in Barcelona eingeweiht. Wer war der fromme Architekt, für den ein Seligsprechungsverfahren läuft? Zwei Porträts von Kathrin Benz und Esther von Krosigk beleuchten Leben und Werk des eigenwilligen Künstlers, der als Vertreter des katalanischen Modernismus eine kometenhafte Karriere machte und 40 Jahre lang an seinem bis heute unvollendeten Hauptwerk, der Sagrada Família, arbeitete. Beide Autorinnen füllen auf ihre Weise eine Marktlücke: Es gibt bis dato kein Standardwerk über Gaudí in deutscher Sprache. Zudem macht die Quellenlage es Kunsthistorikern und Journalisten nicht leicht: Gaudí war kein großer Briefschreiber, und ein Großteil seiner Skizzen verbrannte im Spanischen Bürgerkrieg.
Kathrin Benz hat manche Passagen ihres Buchs als historischen Roman, andere als Reisebericht angelegt. Mit viel Sinn für Details zeichnet sie die Lebensstationen und Arbeitsaufträge Gaudís nach. Der exzentrische Charakter des Protagonisten und seine legendären Kräche mit Auftraggebern und bedeutenden Vertretern der Kirche garantieren Unterhaltungswert. Gaudí begegnet dem Leser aber auch als verletzliche Seele: sozialer Aufstieg und Pech in der Liebe, ergreifende Gottsuche, gesellschaftliche Konflikte und Sinnerfüllung in der Arbeit – in diesem Leben verdichten sich die Sehnsüchte und Erfahrungen zahlloser Menschen. Je intensiver Gaudís geistliches Leben wurde, desto stärker strafte ihn die künstlerische Avantgarde ab: Picassos verächtliches Wort, Gaudí und die Sagrada Família sollten sich zum Teufel scheren, dokumentiert, dass dieser Architekt niemanden kalt ließ. Inspirationsquelle für die Sagrada Família war nicht nur Gottes schöne Natur.
Ein exzentrischer, verletzlicher Charakter
Auch die Heiligen beeinflussten Gaudí. Stimmig stellt Kathrin Benz dar, wie die Texte des heiligen Johannes vom Kreuz Gaudí während einer Krankheit beschäftigten und später für die Gestaltung der Passionsfassade inspirierten. Zahlreiche Abbildungen im Band, auch von weniger bekannten Bauwerken Gaudís, entschädigen den Leser für das nachlässige Redigat und Recherchefehler, etwa bezüglich der Universität von Comillas und des Museums im Bischofspalast von Astorga. In der Passage über den berühmten Schlussstein in der Krypta der Sagrada Família wird die Menschwerdung Gottes mit der Unbefleckten Empfängnis verwechselt.
Interessant für den deutschen Leser sind die Zeitzeugenberichte deutscher Barcelonabesucher, die Gaudí persönlich kennenlernten: Ein „hochbegabter und begnadeter Neuerer, der der Zeit in vielem wohl vorausgeeilt war, der aber von mächtigen Wellen lebendiger Tradition getragen wurde“, heißt es in den Erinnerungen eines Bauhaus-Schülers. In Gaudís Kritik des Kölner Doms sowie seiner kritischen Sicht auf die nordeuropäische Gotik und deutsche Architektur spiegelt sich der hochgebildete, überaus nationalstolze Katalane. Das Highlight des Buchs ist die Darstellung der Baugeschichte der Sagrada Família nach Gaudís Tod. Trotz der wirtschaftlichen Misere Spaniens in der Nachkriegszeit und Widerständen aus Künstlerkreisen setzten sich die Gläubigen durch und gründeten schließlich einen Förderverein für die Seligsprechung des katalanischen Architekten.
Kompakter fällt die Monografie von Esther von Krosigk über den Katholiken Gaudí und die Verehrung, die ihm von Christen entgegengebracht wird, aus. Fokussiert auf die Seligsprechung, beschreibt die Autorin anschaulich, wie Gaudí Nachfolge Christi im Allgemeinen und seine Berufung im Besonderen verstand. Zwei lesenswerte Interviews bezüglich der Kanonisierung Gaudís runden das Porträt ab. Überzeugend legt die Autorin dar, dass der Architekt zeitlebens seinem Kinderglauben treu blieb und sich der Frömmigkeit der einfachen Menschen zugehörig fühlte. „Ich kann alles denken, was der heilige Thomas von Aquin dachte, nur dass es in meinem Fall Jahrhunderte dauern würde“, so Gaudís selbstironische Selbsteinschätzung. Dem Leser begegnet ein Wandler zwischen den Welten: Seine geistlichen Vorbilder fand der geniale Architekt in den kastilischen Mystikern des Goldenen Zeitalters – Teresa von Ávila und Johannes vom Kreuz – beruflich gehörte er zur Avantgarde und wurde zum Aushängeschild des katalanischen Modernismus, als fürsorglicher Baustellenchef trat er für seine Arbeiter ein und setzte die noch junge katholische Soziallehre um. Er besuchte kranke Mitarbeiter und entfaltete am Arbeitsplatz katechetische Aktivitäten: „Wir brauchen das Böse in den Dingen nicht zu fürchten, aber das Böse der Seele, das muss man verhindern“, sagte er einem engen Kollegen. Liturgische Quellen erschloss er sich in Klöstern, privat war er ein treues Pfarrkind.
Er erhoffte Erlösung für seine beruflichen Opfer
Dass Gaudí in seiner Studienzeit noch nicht als glühender Katholik galt, er aber durch Leid und den Verlust geliebter Menschen innerlich reifte, macht ihn sympathisch. Dem Leser begegnet keine religiöse Naturbegabung, im Gegenteil: Übertriebene Fastenkuren und Zornausbrüche empfehlen Gaudí geradezu als Vorbild für alle, die sich heute auf ihrem geistlichen Weg verirren, aber den Mut haben, sich korrigieren zu lassen.
Auch die hervorragende Monografie lässt Gaudí geradezu als Zeitgenossen erscheinen: Er erkannte die Schönheit Gottes in der Schöpfung, verabschiedete sich in Krisenzeiten vom Wohlstand und überwand persönliche Enttäuschungen durch eine tiefere Freundschaft mit Christus. Ein Hoffender, dem weder Prestige noch materieller Reichtum, sondern Erlösung als Frucht seiner beruflichen Opfer vorschwebte – welcher Grenzgänger könnte ein zeitgemäßeres Vorbild sein?
Kathrin Benz: Antoni Gaudí, Der Architekt Gottes, Die Biografie, Herder, Freiburg, 2025, kartoniert, 384 Seiten, EUR 30,–
Esther von Krosigk: Antoni Gaudí und seine Seligsprechung, Leben, Werk und Spiritualität des ehrwürdigen Dieners Gottes, Media Maria, Illertissen, gebunden, 205 Seiten, EUR 19,95
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