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Wer ist hier der Antichrist?

Tech-Milliardär Peter Thiel ist fasziniert vom Antichristen und sieht in Papst Benedikt XVI. einen zögerlichen Verbündeten. Was dabei völlig fehlt, ist ein Blick in den Spiegel .
Peter Thiel
Foto: Imago/China Foto Press | Fasziniert vom Antichristen: Peter Thiel im Jahr 2015 bei einem Auftritt in Peking.

Antichrist, Endzeit, Weltgericht – wer ist nicht gleich ganz Ohr, wenn diese Worte fallen? Der schaurigen Faszination, die diese Ausdrücke auslösen, erliegen Christen wie Nicht-Christen gleichermaßen. Beim US-amerikanischen Tech-Milliardär Peter Thiel, der jüngst als Preisträger des Axel Springer Awards 2026 bekanntgegeben wurde, scheint der Antichrist zu einer Art intellektuellem Lebensthema geworden zu sein.

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Nachdem Thiel sich bisher fast nur in geheimen, vor ausgewähltem Publikum gehaltenen Vorträgen zum Thema geäußert hatte – zuletzt in Rom –, hat er nun im amerikanischen Magazin „First Things“ zusammen mit seinem Koautor Sam Wolfe einen Essay über den Antichristen veröffentlicht. Eine besondere Rolle spielt darin der 2022 verstorbene Papst Benedikt XVI. Thiel und Wolfe legen durchaus kenntnisreich dar, wie präsent bei Joseph Ratzinger, der später zu Papst Benedikt werden sollte, das Bewusstsein war, in der Endzeit zu leben.

Dieses Bewusstsein habe, so Thiel und sein Koautor, vor allem mit der Faszination Ratzingers für das Denken des heiligen Bonaventura zu tun, über den er seine Habilitationsschrift verfasst hatte. Dass wir seit der Himmelfahrt Christi schon in der „letzten Stunde“ (1 Joh 2, 18) leben, mag selbst viele Katholiken überraschen, ist aber biblisch fundiertes Glaubensgut und auch vom Katechismus der katholischen Kirche festgehalten (Nr. 670). Dennoch sieht Thiel in Ratzingers bonaventurischem Denken über die Endzeit eine Besonderheit, ja Verschärfung im Vergleich zum historischen theologischen Mainstream, wie er durch Thomas von Aquin verkörpert wird.

Wie Thiel betont, sind Bonaventura und Thomas vereint in der Ablehnung einer anderen, eindeutig häretischen Gestalt des 13. Jahrhunderts, nämlich Joachim von Fiore (1130–1202). Joachims zentrale geschichtstheologische These lautete, dass auf das Reich des Vaters mit Christus ein Reich des Sohnes gefolgt sei, was wiederum schon bald von einem letzten, friedvoll-vollkommenen Zeitalter – dem Reich des Heiligen Geistes – abgelöst werden würde. Zuvor aber müsse noch die Heimsuchung durch den biblisch verheißenen Antichristen (der nicht der Teufel, sondern ein weltlich-verkehrter Scheinmessias ist) durchstanden werden, dessen Auftreten Joachim auf das Jahr 1260 berechnete.

Während sich Thomas von Aquin strikt an die Aussage Jesu gehalten habe, niemand – nicht einmal die Engel noch der Sohn – kenne Tag und Stunde, sei bei Bonaventura das Bewusstsein einer Naherwartung wahrzunehmen. Eine solche Naherwartung diagnostizieren Thiel und Wolfe nun auch bei Ratzinger und ganz besonders beim späten Papst Benedikt.

Eine pikante These

Pikant ist nun vor allem auch die These der Autoren, Papst Benedikt hätte einen alten Weggefährten und Widersacher als potenziellen Kandidaten für den Antichristen ausgemacht: Hans Küng. Der liberale Theologe, Tübinger Professorenkollege von Ratzinger und Begründer des Weltethos-Projekts verlor 1979 – also während des Pontifikats von Johannes Paul II. – für seine Abweichungen vom Lehramt schließlich seine Lehrbefugnis. Thiel und Wolfe tragen einige Indizien zusammen, dass Ratzinger in Küng Züge des Antichristen erkannte, wie ihn der russische Religionsphilosoph und Autor Wladimir Solowjew in seiner „Kurzen Erzählung vom Antichrist“ aus dem Jahr 1900 beschrieben hat.

Die Parallelen sind nicht von der Hand zu weisen: Das von religiösem Indifferentismus geprägte Eine-Welt-Ethos Küngs ähnelt doch sehr jener Friedens- und Einheitsideologie des solowjewschen Antichristen, der in der Erzählung durch ein Buch mit dem Titel „Der offene Weg zu Frieden und Wohlfahrt“ zu Weltruhm kommt. Der Wiener Theologe Jan-Heiner Tück erklärte gegenüber dem Portal katholisch.de, es handle sich trotz solcher grundsätzlicher Übereinstimmungen um „eine kühne Konstruktion“.

So übergingen Thiel und Wolfe etwa, „dass der Antichrist bei Solowjow durch die Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität Tübingen promoviert wurde“. Von der zweifelhaften Schlagkraft dieses Einwandes einmal abgesehen: In Solowjews Erzählung erhält der Antichrist in seiner Rolle als weltlicher Friedensfürst von der Universität Tübingen schlicht „ein Gesuch, (…) von ihr das Diplom eines Ehrendoktors der Theologie entgegenzunehmen.“ Eine Fakultät wird nicht genannt.

Doch diese Details sind nicht entscheidend. Viel wichtiger ist die Frage, worauf Thiel mit seinem Artikel eigentlich hinauswill. Klar ist: Er ist der Überzeugung, dass wir endzeitvergessen vor uns hinleben und dabei das Auftreten des Antichristen, der als Reaktion auf die Angst vor globalen Gefahren eine ebenso globale Ordnungsmacht errichtet, übersehen könnten. Benedikt XVI. wirft er vor, bei allem Bewusstsein für die Problematik letztlich zu vorsichtig und zu still agiert zu haben.

Der Antichrist ein Großkapitalist?

Außerdem habe Ratzinger den Fehler begangen, den Antichristen in der Gestalt eines Intellektuellen zu erwarten. Heute jedoch wirke „die Idee, dass der Antichrist irgendwo an einer Universität herumschreiben könnte, antiquiert und albern.“ Wenn nicht an der Universität, wo dann könnte der Antichrist heute stecken? Blättern wir dazu noch einmal in Solowjews Erzählung: Der Antichrist ist dort nicht nur ein Genie, das „durch seine philosophische, schriftstellerische und soziale Tätigkeit“ Berühmtheit erlangt, sondern wird später auch als „Großkapitalist“ beschrieben, der „in freundschaftlichen Beziehungen zu allen Kreisen der Hochfinanz und des Militärs“ steht.

Also im Grunde genauso wie Peter Thiel. Denn der ist unter anderem Mitbegründer des Zahlungsdienstleisters PayPal sowie Mitbegründer und bis heute Teilhaber des Big-Data-Analyse-Unternehmens Palantir, das vor allem als staatliches Ermittlungs- und Überwachungsinstrument eingesetzt wird. Palantir erhält Milliardenaufträge von verschiedenen US-Behörden, allen voran vom Pentagon. Wenn demnächst wirklich eine friedens- und ordnungssichernde Weltregierung nach dem Geschmack des Antichristen zustande kommen sollte, wird sie zur Lenkung der Weltinnenpolitik wohl auf Palantir zurückgreifen müssen.

Es versteht sich von selbst, dass ein Unternehmer und Investor von Format Thiels über engste Kontakte zur Finanzwelt, zu den US-Geheimdiensten und zur Elite der Weltpolitik verfügt. Mit JD Vance hat es ein besonderer Schützling Thiels sogar zum US-Vizepräsidenten geschafft. Thiel förderte Vance jahrelang, stellte ihn bei seiner Wagniskapitalgesellschaft „Mithril Capital“ an und finanzierte ihm die Wahlkampagne, mit der er schließlich Senator von Ohio wurde.

Selbstverherrlichung findet sich auch im Trans- und Posthumanismus

Und auch in einem weiteren Punkt entspricht Thiels Vita dem Profil des Antichristen. Wie der „Katechismus der katholischen Kirche“ (Nr. 675) formuliert, verkörpert der Antichrist einen „falschen Messianismus, worin der Mensch sich selbst verherrlicht, statt Gott und seinen im Fleisch gekommenen Messias“. Eine solche Mentalität der Selbstverherrlichung findet sich heutzutage am deutlichsten in den verschiedenen Spielarten des Trans- und Posthumanismus.

Als Angehöriger dieser Ideologiefamilie hat sich aber auch Peter Thiel zu erkennen gegeben, so etwa in einem Interview mit der „New York Times“ aus dem Juni 2025. Darin wehrt Thiel sich gegen den Einwand seines Gesprächspartners Ross Douthat, das Christentum lehre keine Selbsterlösung, mit dem Hinweis: So wie er „die jüdisch-christliche Inspiration“ verstehe, gehe es darum, „die Natur zu transzendieren“. Auf das Christentum berief sich Thiel auch schon zehn Jahre vorher, als er 2015 im Rahmen einer Veranstaltung des „Veritas Forums“ davon sprach, dass der „Tod ein Übel“ sei und „wir ihn nicht akzeptieren sollten“.

In der Tat ist der Tod christlich gesehen ein Übel. Zu überwinden ist er aus christlicher Sicht aber gerade nur dadurch, dass der Mensch ihn im Glauben an den Tod und die Auferstehung Jesu Christi erleidet. Einfach gesagt: Wer auf die leibliche Auferstehung hofft, muss zuerst sterben.

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Thiel, so zeigt sich, spielt in seinem Endzeit- und Erlösungsdenken zwar durchaus gekonnt mit christlichen Ideen, aber diese bleiben letztlich bloße Versatzstücke in einem transhumanistischen Weltbild, das von der Überzeugung beseelt ist, der Mensch könne aus eigenen Stücken seine Natur überwinden. Es ist kaum zu glauben, dass der milliardenschwere Investor angesichts seiner intensiven Beschäftigung mit dem Antichristen nicht erkannt haben sollte, dass dies eine nahezu perfekte Blaupause für dessen Agenda darstellt.

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