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Söder singt sich an die Spitze

Der CSU-Chef geht mit einem Freddy-Quinn-Song viral. Will er an die Spitze der Charts und Merz als Kanzlerkandidaten verdrängen?
Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder beweist Sängerqualitäten
Foto: IMAGO/Ben Kriemann (www.imago-images.de) | Markus Söder singt und grillt und sendet subtile Botschaften. Will er Kanzler werden oder will er es lieber nicht?

Ob Friedrich Merz schon Gesangsunterricht nimmt? Markus Söder geht mit seiner Interpretation von einem Freddy-Quinn-Song in der ARD-Talkshow „Inas Nacht“ seit Tagen in den sozialen Netzwerken viral. „ Mit 14 Jahren fing er als Schiffsjunge an. Er war der jüngste, aber er war schon ein Mann. Ein Mann wie ein Baum und stark wie ein Bär, so fuhr er das erste Mal übers Meer“, brummt der bayerische Landesvater fränkisch-sonor.

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Und dann der Refrain, vielleicht auch ein bisschen biografisch? „Sie hieß Mary-Ann und war sein Schiff. Er hielt ihr die Treue, was keiner begriff. Es gab so viele Schiffe so schön und groß. Die Mary-Ann aber ließ ihn nicht los.“ Söder trat zwar erst mit 16 in die CSU ein, treu geblieben ist ihr der mittlerweile 57-Jährige bis heute. Aber ob seine „Mary Ann“ wirklich die Partei ist? Vielleicht schon eher die Politik allgemein oder noch genauer: der politische Wille zur Macht.

Hinweise am Rande des Grills

Quinn, der den Song 1956 veröffentlichte, schaffte es mit ihm zwar nicht in die Charts. Dafür aber Ralf Bendix (man kennt ihn vor allem als Sänger des „Babysitterblues“ und Entdecker von Heino), der erklomm mit dem gleichen Lied ebenfalls 1956  Platz fünf der Rangliste und konnte sich dort 20 Wochen halten. Für Söder – das ist klar – gibt es natürlich nur Platz 1, und mindestens müssen 108 Wochen drin sein, sprich vier Jahre. Dass der CSU-Vorsitzende den Traum vom Kanzleramt nicht aufgegeben hat, macht er heute dort deutlich, wo sich der Durchschnittsdeutsche wahrscheinlich noch wohler fühlt als in einer Seemannskneipe, in der launige Shantys erklingen: am Grill.

Sasses Woche in Berlin
Foto: privat / dpa | Woche für Woche berichtet unser Berlinkorrespondent in seiner Kolumne über aktuelles aus der Bundeshauptstadt.

In der Reihe „Politikergrillen“ des Senders „Welt“, die heute ausgestrahlt werden soll, stellt er fest, dass die Kanzlerkandidatur „aus Sicht eines Bayern eine spannende Aufgabe sein könnte“. Zwar fügt er sofort hinzu, dass eine solche Entscheidung von den beiden Unions-Schwestern gemeinsam im Herbst getroffen werde und Merz der klare Favorit sei. Aber wenn Merz ihn bitten würde, dann seien das natürlich andere Umstände. Die Tatsache, das dieser Grill-Talk schon am Freitagmorgen diversen Medien eine Meldung wert war, beweist: Ein möglicher Bundeskanzler Markus Söder ist etwas, was die Nation umtreibt. 

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Das liegt nicht nur, aber auch an den Entertainer-Qualitäten, die er jetzt wieder bewiesen hat. Auch sonst liegt er mit seiner Devise „Mein Programm bin ich“ ganz im Trend. In Frankreich Emmanuel Macron und Marine Le Pen, in Italien Giorgia Meloni und natürlich in Deutschland Sahra Wagenknecht: Die starken Persönlichkeiten sind es, die um sich eine Gefolgschaft bilden. Die Loyalität gilt dann weniger irgendwelchen Spiegelstrichen im Parteiprogramm, sondern der Grundstimmung, die der jeweilige politische Anführer verkörpert. In den USA zeigt das Drama um Joe Biden und die Demokraten, was passiert, wenn die Nummer eins diese Qualitäten nicht liefert.

Time to say goodbye

Aber was könnte Friedrich Merz veranlassen, Söder tatsächlich zu bitten? Es scheint im Moment schwer vorstellbar. Aber vielleicht könnte irgendwann die Einsicht kommen, dass Söder es schafft, ohne dabei allzu aufgesetzt zu wirken, mit dem Normal-Volk zu kommunizieren. Selbst wenn Angela Merkel bei der bevorstehenden Vorstellung ihrer Memoiren Evitas „Don’t cry for me Argentina“ anstimmt, sie wird keine Herzen im Sturm erobern. Sollte Christian Lindner auf die Idee kommen, den NDW-Klassiker „Ich will Spaß, ich geb‘ Gas“ zu interpretieren, würde das zwar zur FDP passen, aber es höchstens auf die Playlist von ein paar Start-Up-Unternehmern bringen. Von Olaf Scholz ganz zu schweigen. Dem geben eher seine Genossen bald ein Ständchen: „In Hamburg sagt man Tschüüs“. 

Wäre Söder so hinterfotzig, wie es ihm viele unterstellen (wir denken an Horst Seehofers „Schmutzeleien“), würde er jetzt Friedrich Merz die Noten von „Time to say goodbye“ schicken. Wir freuen uns aufs Platzkonzert. 

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