Vergangenheitsbewältigung

Monica Black: Wir sollten auf die verdrängten  Geister hören

Das Böse ist mehr als ein Betriebsunfall der Realität. Die US-Historikerin Monica Black hat deutsche Schuldkomplexe nach der Nazizeit untersucht. Wir können von ihr einiges für die Gegenwart lernen.
Films-Fans der Ghostbusters
Foto: Johannes Schmitt-Tegge (dpa) | Wenn man in die Vergangenheit der Völker eintaucht, scheint man auf erstaunlich viele historisch bedingte Geister stoßen zu können.

Wenn einer mit einer Schusswaffe herumläuft und wahllos Menschen erschießt, sprechen wir von einem Amoklauf. Erst im Mai waren in den USA wieder zwei Amokschützen unterwegs. In Buffalo, New York, erschoss der 18-jährige Paydon Grendon zehn Menschen in einem Supermarkt. In Uvalde, Texas, tötete der ebenfalls 18-jährige Salvador Ramos in einer Grundschule 19 Kinder und zwei Erwachsene. Ramos kam beim Feuergefecht mit der Polizei ums Leben. Grendon konnte verhaftet werden.

„Glauben wir ernsthaft, dass all die Seelen, die zum Zwecke der Selbstbefreiung von Frauen,
wie es Feministinnen behaupten, vorzeitig ihr ungeborenes Leben lassen mussten,
sich nirgendwo in kollektiven Alpträumen bemerkbar machen? “

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Gewiss liegt es nahe, die freizügigen US-Waffengesetze zu verschärfen, wie es, turnusmäßig bei diesen Anlässen, die liberale Hälfte Amerikas fordert und die konservative Hälfte hartnäckig anlehnt. Doch selbst ein striktes Waffenverbot dürfte solche Gewaltexzesse in Zukunft kaum verhindern. Zum einen, weil in den USA mehr als 300 Millionen Feuerwaffen im Umlauf sind, also mehr Schießeisen als Einwohner, und sich daher noch etliche Generationen von jungen Männern zu Amokläufen rüsten können. Zum anderen, weil zu wenig darüber nachgedacht wird, warum in den USA seit 1988 mindestens 126 Menschen bei Amokläufen an Schulen zu Tode kamen.

Amok ist ein Lehnwort vom malayischen amuk, welches wütend, rasend bedeutet. Die Raserei bezeichnet ein Besessensein, Außersichsein. Wer Amok läuft, ist aus dem gemäßigten Mittelmaß herauskatapultiert in einen Ausnahmezustand, in dem fremde Kräfte das Kommando führen. Wie lange diese Entrückung schon vor der Tat einsetzt, ist unterschiedlich. Von Paydon Grendon wird berichtet, er sei bereits im Juni 2021 auffällig geworden, weil er als Berufswunsch angab: "Selbstmordattentäter".

Kommen Geister der Vergangenheit zutage?

Kurzum: Bei der Analyse amerikanischer Alltagsgewalt beschreiben die geläufigen Agitationsfloskeln von Rassismus und Hass bestenfalls Symptome, nicht aber die Ursachen. Womöglich müssen wir unseren Blick erweitern, über die enge rationale Betrachtung hinaus, und die Bedeutungen von Amok im Sinne von Raserei und Besessenheit viel ernster nehmen. Was, wenn dieses Land, das sich "God’s own country" nennt, von mehr Dämonen der Finsternis bewohnt wird, als gemeinhin angenommen? Was, wenn die Gespenster der ausgerotteten Ureinwohner, die uns als Indianer geläufig sind, und der geknechteten schwarzen Sklaven die Nachfahren der Täter bis heute heimsuchen und sich Mal um Mal in jungen Männern zu wütenden, amokförmigen Eruptionen zu versammeln? Wohlgemerkt, wir wollen hiermit weder die schändlichen Mordtaten der Amokschützen noch deren individuelle Schuld kleinreden.

Zweifellos mutet der Versuch, das Böse in einen Zusammenhang zu bringen und es trotzdem nicht durch Sinnstiftung gutzuheißen, zunächst exzentrisch an. Und doch hat sich die US-Historikerin Monica Black an ein ganzes Buch mit solchen Spekulationen gewagt, wobei sie sich nicht der nordamerikanischen Dämonologie gewidmet hat, sondern den Spukgestalten nach dem Zivilisationsbruch im 20. Jahrhunderts, also dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust. Die 53-jährige Professorin an der University of Tennessee in Knoxville erzählt in ihrem jüngst erschienenen Werk "Deutsche Dämonen. Hexen, Wunderheiler und die Geister der Vergangenheit im Nachkriegsdeutschland" (Klett-Cotta), wie das sogenannte Wirtschaftswunder in Westdeutschland von bizarren Vorkommnissen flankiert wurde.

Verdrängen um weiterzuleben

Noch prägnanter titelt die amerikanische Originalausgabe: "A Demon-Haunted Land". Deutschland, von Dämonen verfolgt. Inmitten der Trümmerlandschaften von zerbombten Städten und traumatisierten Seelen stierte nach 1945 das besiegte Herrenvolk vor sich hin, es setzte ein seltsames Wechselspiel ein zwischen hektischer Betriebsamkeit der Aufbaujahre und brütendem Schweigen der Entnazifizierungsära. Die Menschen verdrängten, das Leben musste ja weitergehen   weiter, als es erlaubt ist, wie Karl Kraus anfügen würde. Das eigentlich Gespenstische dieser Zeit, als "die Westdeutschen eine erfolgreiche Demokratie und Volkswirtschaft bauten", wie Black schreibt, verbirgt sich hinter ihrer Frage: "Was bedeutet es für uns alle, wenn eine Nation sich so rasch von der Errichtung von Auschwitz auf den Aufbau einer im Neonlicht glänzenden Überflussgesellschaft umstellen kann?" Verdrängungen und Beschweigungen gebären Ungeheuer. Japan beschwieg seinen Schrecken der US-Atombombenabwürfe und brachte Godzilla hervor. In Deutschland tauchten Wunderheiler und Madonnenerscheinungen auf und auf den Dörfern gab es Hexenjagden.

Zum größten Aufsehen brachte es Bruno Gröning, ein ehemaliges NSDAP-Mitglied und Charismatiker mit wallendem langen Haupthaar sowie einer Schwäche für Frauen und Alkohol, der sich erfolgreich als Pipeline für göttliche Heilenergie ausgab. Zu Zehntausenden pilgerten Blinde, Gelähmte und Besessene zu ihm, erst nach Herford, später nach Rosenheim, und warteten vor seinem Domizil oft bis vier Uhr morgens, bis sich der Meister ihnen zeigte. Unzählige Spontanheilungen sollen bezeugt sein. Monica Black  hat dazu Zeitungsartikeln, Briefe, behördliche Akten und Fotos entdeckt. In den Archiven ist die Sehnsucht der Deutschen nach Erlösung von einer übermächtigen Schuld dokumentiert.

Visionen, Wunsch nach Absolution und Hexenprozesse

Im fränkischen Dorf Heroldsbach begegnete einer Gruppe kleiner Mädchen 1949 beim Laubsammeln eine weiß gekleidete Frau, die Hände zum Gebet gefaltet. Die Mutter Gottes sei es gewesen, behaupteten die Mädchen. Drei Jahre lang wurden an die 3.000 Visionen gemeldet, auch von Josef, Engeln, Heiligen und Inkarnationen Jesu. Gut eineinhalb Millionen Menschen eilten in das Dorf, um den überirdischen Kundgebungen teilhaftig zu sein. Das Verlangen nach himmlischer Absolution von irdischem Frevel durchzitterte unterschwellig die Gesellschaft. Sogar der "Spiegel" widmete Gröning und der Madonna von Heroldsbach Titelseiten.

In den Landstrichen Schleswig-Holsteins wiederum wurde ein anderes Massenphänomen ruchbar. In den fünfziger Jahren bezichtigten sich die Dorfbewohner gegenseitig der Hexerei. In den Kneipen und Kinosälen fanden Hexenprozesse statt, die mitunter mit Verurteilungen wegen Verleumdung und Körperverletzung endeten. Erst 1961 kündigte ein Aktenvermerk der Justizbehörden das Ende der Hexen-Ermittlungen an: "Die gesamte Angelegenheit soll von hier aus zunächst als erledigt betrachtet werden."

Eine abrupte Systemänderung von Diktatur zur Demokratie

So eine Aktennotiz hätten die Deutschen am liebsten über die gesamte Nazi-Zeit anfertigen mögen. Für Monica Black steht fest, dass diese transrationalen Phänomene Symptome kollektiver Schuldkomplexe gewesen waren. "Gleich unterhalb der gesellschaftlichen Oberfläche Westdeutschlands regte sich verschwommen und in geringer Tiefe die allgegenwärtige Erinnerung an den Krieg und die Verbrechen." Dazu kam, meint Black, "die surreal abrupte Umstellung" weg von einer mörderischen Diktatur, Gesetzlosigkeit und Massensterben hin zu Demokratie und Lebensnormalität, die "sehr stark auf der Integration nationalsozialistischer Täter in die Gesellschaft beruhte".

In Schleswig-Holstein, wo besonders viele ehemalige NSDAP-Genossen lebten, löste die Entnazifierung häufig Panik aus. "Niemand wusste, wer was zu wem gesagt hat", so Black. "Einen Nachbarn oder eine Nachbarin der Hexerei zu beschuldigen, bot ein Ventil für die Äußerung vielfältiger Hass- und Angstgefühle, die zugleich verdeckt, falsch etikettiert und unterdrückt blieben." Spätestens hier bekommt Blacks Buch auf einmal einen ungemein aktuellen Charakter. Hass und Angst ziehen auch heute durch unser Land. Sie entladen sich in Sozialen Medien und politischen Kampagnen, ob in digitalen Shitstorms, gesellschaftlichen Spaltungen, verengten Meinungskorridoren und Schattenkämpfen gegen Rechts. Generell gilt Hass als böse, nur nicht der Hass auf Männer. Mit ihrem Bekenntnis "Ich hasse Männer" (Rowohlt) entfachte die französische Feministin Pauline Harmange nicht etwa einen Aufruhr, sondern wurde entspannt in den Feuilletons besprochen.

Hysterische Dauererregung ermattet und macht unfroh

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Eigenartigerweise wirkt dieses Land trotz seiner hysterischen Dauererregungen eher ermattet und unfroh. Kein Wunder, dass gegenwärtig Künstler Erfolg haben, die ihre persönliche Depression vermarkten. Die Schriftstellerin Ronja von Rönne, gerade 30, leidet, seit sie 17 ist, an Depression und hat dazu den Roman "Ende in Sicht" (dtv) vorgelegt. Der Komiker Kurt Krömer, 47, war nach eigenem Bekunden dreißig Jahre lang depressiv und tourt mit seinem knapp 200 Seiten starken Bekenntnis "Du darfst nicht alles glauben, was du denkst.

Meine Depression" (Kiepenheuer & Witsch) durch die Fernsehtalkshows. Der Kabarettist Torsten Sträter, 55, hat es mit einer zeitweiligen depressiven Erkrankung zum Schirmherrn der Deutschen Depressionsliga gebracht und füllt mit diesem Thema ganze TV-Sendungen. Als Sträter im März 2021 bei "Chez Krömer" zu Gast war, erzählten sich die Entertainer gegenseitig von ihren Depressionserfahrungen und beklagten das gesellschaftliche Tabu dieser Krankheit gegenüber. In diesem Jahr erhielten die beiden für diese Sendung den Grimme-Preis.

Der Umgang mit Natur ruft eine Reaktion hervor

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Denn natürlich ist die Depression in Deutschland nicht tabuisiert, sondern gesellschaftlich etabliert. Die Depression ist nicht nur Volkskrankheit, sondern Nationalcharakter. Das Tongeschlecht der Deutschen ist nicht Dur, sondern Moll. Allzu überschwängliche Ausgelassenheit oder auch nur intellektuelle Heiterkeit gilt gemeinhin als unseriös. Dass die Sorge zentral das Dasein bestimmt, konnte sich nur ein deutscher Philosoph wie Heidegger ausdenken. Unbefangene Gemüter wie Michael Ende würden wohl sagen, dass Deutschland ein Land ist, das sein Lachen verkauft hat. In unserer Aufmerksamkeitsökonomie steht also der Trübsinn hoch im Kurs, wer ins Rampenlicht drängt, sollte sich tragisch geben. Würde Monica Black mit ihrer Methodik der Mystery Soziologie eine Gegenwartsstudie erstellen, so kämen wohl auch heute allerlei deutsche Dämonen zum Vorschein. Zu den alten Ungeheuern gesellen sich neue hinzu.

Glauben wir ernsthaft, dass all die Seelen, die zum Zwecke der Selbstbefreiung von Frauen, wie es Feministinnen behaupten, vorzeitig ihr ungeborenes Leben lassen mussten, sich nirgendwo in kollektiven Alpträumen bemerkbar machen? Sollte es wirklich ohne Aufschrei bleiben, wenn wir Generationen junger Menschen in transsexuelle Konfusionen manipulieren, ihre Pubertät pharmazeutisch blockieren und sie lebenslang zu Patienten verstümmeln?

Wir haben schon beim Weltklima feststellen können, dass unser Raubbau an der Natur eine unerbittliche Resonanz erfährt. Der menschliche Hochmut, der die göttliche Ordnung ignoriert, ist der allgegenwärtige Sündenfall.

Hören, was die Geister zu sagen haben

"Manchmal müssen wir einfach hören, was die Geister zu sagen haben", schreibt Monica Black am Ende ihres staunenswerten Buches. Mitunter lohnt es sich eben, nicht allein dem rationalen Zugang zur Realität zu vertrauen. "Denn in einer von Geistern heimgesuchten Gesellschaft ,transportiert der Geist immer die Botschaft ", so zitiert sie den Soziologen Avery F. Gordon. "Manche Fragen", sagt Black, "bedürfen, ihrem Wesen nach, einer Sensibilität für andere Wirklichkeiten."

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