Berlin

Jugend in der Dauerkrise

Glaube und Religion helfen Jugendlichen nur selten, Krisen zu bewältigen. Das ergibt eine neue Trendstudie, die gestern in Berlin vorgestellt wurde.
Jugendliche
Foto: Fernando Gutierrez-Juarez (dpa-Zentralbild) | Jugendliche sitzen auf einer Brücke und beobachten den Sonnenuntergang. (Illustration zur Vorstellung der Studie «Jugend in Deutschland») +++ dpa-Bildfunk +++

Einer neuen Studie zufolge befindet sich Deutschlands Jugend im Dauerkrisen-Modus. Klimawandel, Corona-Pandemie und seit Februar der Ukraine-Krieg versetzen junge Menschen in eine permanente psychische Anspannung. Glaube und Religion werden dabei immer weniger als hilfreich empfunden, wie die Studienautoren Simon Schnetzer und Klaus Hurrelmann darlegen. 

27 Prozent leiden unter Depression

Die neue Trendstudie „Jugend in Deutschland – Sommer 2022“ zeigt, dass sich die psychische Gesundheit der jungen Generation weiterhin verschlechtert. Die häufigsten Belastungen sind Stress (45 Prozent), Antriebslosigkeit (35 Prozent) und Erschöpfung (32 Prozent). 27 Prozent der Befragten berichten, unter einer Depression zu leiden, sieben Prozent tragen sich mit Suizidgedanken.

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Die Studie zeigt, dass der Krieg in Europa mit 68 Prozent aktuell die größte Sorge junger Menschen ist, gefolgt von Sorgen wegen des Klimawandels (55 Prozent), der Inflation (46 Prozent) und der Spaltung der Gesellschaft (40 Prozent.) „Die dichte Aufeinanderfolge von tief in das Leben eingreifende Krisen setzt der Jugend zu,“ erklärt der Jugendforscher Klaus Hurrelmann bei der Vorstellung der Studie am Dienstag in Berlin. Nach zwei Jahren Einschränkungen ihres privaten und schulisch-beruflichen Alltags durch die Pandemie seien viele von ihnen psychisch angespannt. Die Bedrohung durch einen Krieg in Europa drücke als eine weitere schwere emotionale Last auf ihre Stimmung. „Viele machen sich große Sorgen um ihre berufliche, finanzielle und wirtschaftliche Zukunft“, resümiert der Ko-Studienautor.

Nicht auf eine kriegerische Auseinandersetzung vorbereitet

„Die jungen Menschen in Deutschland sind nicht auf eine kriegerische Auseinandersetzung vorbereitet und stehen auch einer Wiedereinführung des Wehrdienstes sehr zurückhaltend gegenüber“, erläutert Klaus Hurrelmann den fehlenden Enthusiasmus für politische Maßnahmen. 58 Prozent der Befragten befürworten umfassende Sanktionen gegen Russland, noch 43 Prozent sind für die Erhöhung von Militärausgaben und nur 37 Prozent befürworten Waffenlieferungen an die Ukraine.

Glaube und Religion spielen vor allem für christliche Jugendliche nur noch eine untergeordnete Rolle, wie die Untersuchung ergab. Nur 25 Prozent der befragten Christen gaben an, dass Glaube etwas Wichtiges in ihrem Leben sei, während es bei den sich als muslimisch bezeichnenden Befragten 52 Prozent sind. Junge Leute seien keine unreligiösen Menschen, „aber die christlichen Kirchen in ihrer gegenwärtigen Verfassung erreichen sie nicht“, erklärten die Studienautoren dazu. Bei der Frage, was jungen Menschen in der Krise helfe, würden an erster Stelle Familie, Freunde und soziale Umgebung genannt, während Glaube und Religion an letzter Stelle stünden. Auch bei der Frage nach der Sinngebung im Leben steht der Glaube auf dem letzten Platz, wichtiger sind den Befragten Familie (63 Prozent), „Ziele im Leben“ (54 Prozent) und Erfolg haben (48 Prozent). 

Die Trendstudie „Jugend in Deutschland“ wird seit 2020 halbjährlich erstellt mit dem Ziel, aktuelle gesellschaftliche Themen und Trends unter jungen Menschen in Deutschland zu erforschen. Die vorliegende Studie ist die vierte Folge der Serie und basiert auf einer repräsentativen Onlinebefragung von rund 1000 deutschsprachigen Personen im Alter von 14 bis 29 Jahren. Erstellt wurde sie vom Jugendforscher Simon Schnetzer in Kooperation mit dem Jugend- und Bildungsforscher Klaus Hurrelmann.  DT/fha

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