Klimawandel

Verzicht versus Hybris

Terraforming, Paraterraforming, Geoengeneering – Ein Blick auf technologische Bewältigungsstrategien derUmwelt- und Klimakrise.
KINA - Rot, staubig und sehr weit weg: Der Mars
Foto: NASA/dpa | Auf der Suche nach neuem Lebensraum. Der Erkundungs-Rover Opportunity von der NASA auf dem Mars.

Der Klimawandel und seine Folgen bedrohen das menschliche Leben auf Erden. Es wird Zeit für eine Umkehr. Das ist eine Herausforderung. Wie Erlösungsbotschaften kommen vor diesem Hintergrund technozentrische Strategien auf, die uns suggerieren, wir müssten uns nicht ändern. Wir ändern einfach das, was uns Probleme bereitet: die Welt, in der wir leben. Wir lösen die Umweltprobleme nicht durch Umdenken, Veränderung der Lebensgewohnheiten oder gar Verzicht, sondern technologisch, ganz im Paradigma des Denkens, das die Probleme aufbrachte: Naturbeherrschung durch funktionalistische Gestaltung. Das kann sich auf unsere Erde beziehen (Geoengeneering), das kann sich aber auch auf andere Planeten richten (Terraforming) oder als Universallösung für hier und dort inszeniert werden (Paraterraforming).

Aufbruch zum Mars oder Venus

Es klingt wie Science Fiction – und ist es wohl auch: Wird unser Planet unbewohnbar, suchen wir uns eben einen neuen. Terraforming ist der trotzige Umkehrschluss aus der Einsicht, wir hätten keine zweite Erde im Kofferraum und müssten deswegen kürzertreten. Nein, müssen wir nicht, so die Terraformer, denn es gibt sie doch, die zweite Erde. Wir müssen sie eben nur suchen. Das heißt: Wir müssen nach Planeten suchen, die erdähnliche Bedingungen aufweisen, um unter diesen Voraussetzungen eine schöne, neue Welt zu schaffen. Kandidaten für das ambitionierte Vorhaben gibt es bereits – Venus und Mars stehen prinzipiell zur Verfügung; zumindest gendergerecht ist es also, das Terraforming.

Allerdings meint „erdähnlich“ nur die physiologischen Bedingungen, unter denen menschliche Existenz möglich ist – „echtes menschliches Leben“ (um eine Formulierung von Hans Jonas aufzugreifen) braucht mehr, damit es gelingen kann. Denken wir an das, was unser Leben auf Erden lebenswert macht, so ist schwer vorstellbar, dass erdähnliche Bedingungen hinreichen, um das, was man allgemein „Kultur“ nennt, auch außerhalb unseres Heimatplaneten zu realisieren.

Nicht genug erforscht

Neben dieser Fundamentalkritik am Projekt „Terraforming“ melden sich auch Zweifel hinsichtlich der naturwissenschaftlichen Basis der Durchführbarkeit dieses Gedankenexperiments. Es fehlt zunächst an grundlegenden Daten. Weder Venus noch Mars sind so weit erforscht, dass sich seriöse Aussagen über die Bewohnbarkeit durch Menschen machen ließen. Zudem müsste für den Aufbau der technischen Vorrichtungen zur Schaffung bzw. Verbesserung der Atmosphäre auf dem Planeten der Wahl so viel Material hochgeschickt werden, dass allein für einen ersten Teil der Lieferung die gesamten Energievorräte der Erde in Anspruch genommen werden müssten. Ganz abgesehen von den Kosten des Transports. 30 Millionen Dollar kostet der Transport einer Tonne Material auf die internationale Raumstation ISS. Wenn es (konservativ geschätzt) zehnmal soviel kosten würde, eine Tonne Material auf den Mars zu verbringen, und man für ein ordentliches Doppelhaus 500 Tonnen Material braucht, stellt sich dann auch rasch die Frage nach der Wirtschaftlichkeit des Terraforming.

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Bleiben wir also auf der Erde. Nur ist diese – mal ein düsteres Szenario vorausgesetzt – unbewohnbar geworden. Die ganze Erde? Nein, es gibt ein nach wie vor bewohnbares Habitat, das künstlich geschaffen wurde. Man hat rechtzeitig eine Schutzhülle konstruiert, die eine künstliche Atmosphäre abgibt. Innerhalb derer kann das menschliche Leben weitergehen, ohne die negativen Effekte der kaputten Umgebung.

Zwischenstation für die Besiedelung fremder Planeten

Soweit die Theorie. Dass auch hier in der Praxis gravierende Probleme bestehen, ist nicht von der Hand zu weisen. Wie lässt sich gewährleisten, dass die schützende Haut um das verbliebene Stück bewohnbarer Erde „dicht“ bleibt? Zudem: Wie wirkte sich das Leben in einem derart begrenzten Territorium auf die Psyche des Menschen aus? Zwar wäre eine solche „Biosphäre“ wohnlicher als ein unterirdischer Schutzbunker, doch die räumliche Beschränkung drückte sicherlich nach einiger Zeit auf das Gemüt.

Dennoch wäre das Paraterraforming in jedem Fall eine Zwischenstation auch für die Besiedelung fremder Planeten. In der Zeit, in der das Umfeld nach und nach für den Menschen bereitet wird, werden die Pioniere der neuen Welt irgendwo leben müssen. Dies kann in solchen gigantischen Traglufthallen möglich sein. Auch ein Megaprojekt wie die Marsbesiedelung muss eben „klein“ anfangen.

Omnipotenzphantasie der Moderne

Noch eine Stufe „kleiner“ gedacht, gelangen wir zum Geoengeneering, dem Formen der Erde im Blick auf konkrete Probleme, etwa das CO2. Die Speicherung von CO2 (CO2-Sequestrierung bzw. Carbon Dioxide Capture and Storage, CCS), also das technische Zurückhalten des Treibhausgases vor dessen Emission in die Atmosphäre durch Abspaltung am Kraftwerk und dauerhafte Einlagerung in unterirdische Lagerstätten, ist derzeit technisch noch nicht möglich. Ob eine solche Strategie überhaupt sinnvoll ist, wird bestritten – es gibt schließlich Gefahren: „Im Falle von Leckagen kann es zu schädlichen Wirkungen auf das Grundwasser und den Boden kommen“, warnt das Bundesumweltamt auf seiner Website. Schon das Entweichen kleiner Mengen CO2 „kann nachweislich schwere Schäden bei Tieren und Pflanzen hervorrufen“, fügt Tatjana Alisch in ihrem Buch „Klimawandel, Klimaschutz“ (2008) mahnend hinzu.

Dieses (heute noch utopische oder auch dystopische) Geoengineering liegt jedoch als „Plan B“ in mancher Institutsschublade. Ganz im Paradigma des neuzeitlichen Naturverfügungsdenkens, das man positiv als „Fortschrittsoptimismus“, negativ als „Omnipotenzphantasie der Moderne“ bezeichnen kann, scheint es als technologische Lösung des Klimawandelproblems in Frage zu kommen. Dieses Denken, in dem Machbarkeit und Bequemlichkeit gängige Muster sind, kritisiert Konrad Ott, Umweltethiker von der Universität Greifswald, in anthropologischer und moraltheoretischer Perspektive scharf.

In der Zeitschrift „politische ökologie“, die sich im Juli 2010 mit dem Thema „Geo-Engineering. Notwendiger Plan B gegen den Klimawandel?“ befasste, analysiert Ott Pro- und Kontra-Argumente und kommt zu dem Schluss, dass es darauf ankomme, die Dilemma-Situation zu vermeiden, die Geoengineering-Befürworter zur Grundlage ihrer konsequentialistischen Moral des „geringeren Übels“ machen. Solange das durch Vermeidungsstrategien gelingen könne, sei von solch tiefen Eingriffen in das Klima- bzw. Ökosystem abzuraten. Das Risiko sei zu groß. Hier bezieht sich Ott explizit auf Hans Jonas und sorgt damit dafür, dass die warnenden Töne seiner verantwortungsethischen Technikphilosophie in der aktuellen Geoengineering-Debatte gehört werden.

Umkehr statt „Weiter so!“

Terraforming, Paraterraforming, Geoengeneering – Irrwege einer technozentrischen Sicht auf das Umwelt- und Klimaproblem. Das lässt sich nach allem, was wir wissen, in dieser Deutlichkeit sagen. Es geht im Sinne des Umwelt- und Klimaschutzes vielmehr um eine Neuorientierung des Menschen im Verhältnis zur Natur, weg von der bedingungslosen Verfügungsmacht, hin zu einem solidarischen Verantwortungsbewusstsein, zu dem auch Verzicht gehört. Gefordert hatte ebendies auch Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato si'“ (2015).

Als katholische Christen wissen wir jedoch schon seit längerem, dass Verzicht der Schlüssel zu einem gottgefälligen Mensch-Natur-Verhältnis ist. Lange bevor der „Veggieday“ in Europas Kantinen Einzug hielt, war er in der Kirche Realität: Die Abstinenz von Fleischspeisen an allen Freitagen des Jahres (bewegliche Hochfeste, die auf einen Freitag fallen, ausgenommen) sowie an Aschermittwoch und am Karfreitag ist geltendes Kirchenrecht (Can. 1251 CIC). Lange bevor die Pflicht zum Einbau einer Photovoltaikanlage für neu errichtete Gewerbeimmobilien in Deutschland eingeführt wurde, ließ Papst Benedikt XVI. eine Solarstromanlage von der Größe eines Fußballfeldes im Vatikan aufstellen. Jedes Jahr werden damit rund 220 Tonnen Kohlendioxid-Emissionen eingespart. 2008 erhielt der Vatikan dafür den „Europäischen Solarpreis“. Und lange bevor die biophile Holistik Einzug in das Öko-Denken des postmodernen Naturschutzes hielt, sang Franz von Assisi von „unserer Schwester, Mutter Erde“.

Die Kirche hat also einiges an Erfahrung im Blick auf die demütige Neuausrichtung des Mensch-Natur-Verhältnisses und damit das Zeug, eine Vorreiterrolle im Umwelt- und Klimaschutz zu spielen, und auch die Feder zu führen bei der Kritik an jener grenzenlosen Hybris, die sich in den technologischen Strategien zur Krisenbewältigung zeigt.

 

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