Atheismus

Gegen Atheismus hilft nur echte Religion

Fünf Erklärungshilfen, die von atheistischen Irrwegen befreien und vor der Entkernung des Christentums durch Aufgabe von Glaubensinhalten warnt.
Gott als Architekt der Weltordnung, wie William Blake ihn sah
Foto: IMAGO / United Archives International | Wer muss sich vor wem verantworten? Das bleibt die Grundfrage. Unser Bild zeigt Gott als Architekt der Weltordnung, wie William Blake ihn sah und damit auf die Offenbarung hinwies.

Atheismus ist eine ernsthafte Angelegenheit. Das ist jedenfalls zu hoffen, weil sonst der Aufwand, der darum betrieben wird, verschwendet wäre. Winfried Schröder, Philosoph in Marburg, ist einer der führenden deutschen Atheismus-Forscher. Wenn er zum Thema schreibt, lohnt sich das Lesen und Mit-Bedenken unbedingt. Er behandelt das Thema mit dem Ernst, der ihm angemessen ist, referiert unaufdringlich die gesamte Sekundärliteratur, tut dies aber mit abgeklärtem, gelegentlich ironischem Blick. So gerät die Lektüre zum Vergnügen, was man nicht von jedem philosophischen Buch sagen kann.

Wer sich vor wem verantworten muss – der Atheismus vor den Gottgläubigen oder der Glaube an einen Gott angesichts des Leids in der Welt – ist mehr als eine Präliminarfrage. Schröder: „Ist die Annahme der Existenz eines allmächtigen und allgütigen Gottes überhaupt ernsthaft in Betracht zu ziehen, solange das Theodizeeproblem ungelöst ist?“ Dieses Problem ist aber nicht zu lösen, wenn man den Vorgaben dessen treu bleibt, was der Autor den Standardtheismus nennt. Dieser setzt auf eine transzendente göttliche ,Ursache von allem‘, die die Prozesse im Kosmos lenkt. Diese philosophische Form von Metaphysik kennt keine Offenbarung – etwa in Gestalt heiliger Bücher – die zusätzlichen Sinn-Aufschluss liefern.

Atheismus hat keine lange Geschichte

Lesen Sie auch:

Das, was man ,rationale Theologie‘ oder ,theologia naturalis‘ nennt, ist der Versuch, mit ,bloßer Vernunft‘, ohne jeden Rekurs auf religiöse Offenbarung, wahre und begründete Aussagen über Gott, seine Existenz und seine Eigenschaften zu treffen. Wie etwa Richard Swinburne hält auch Schröder dieses Unterfangen für möglich, wobei man über die Existenz und basale Eigenschaften Gottes wie Allwissenheit und Allmacht nicht hinauskomme. Fazit: „Aussagen über die Bedingungen der Erlösung oder über das Schicksal der Menschen nach dem Tode können allenfalls aus übernatürlicher Offenbarung bezogen werden.“

Schröder informiert darüber, dass Atheismus noch keine übermäßig lange Geschichte habe, jedenfalls als „verfasster“ Teil der Philosophie. Das anonyme Traktat „Theophrastus redivivus“ von 1659 stehe am Anfang, aber auch Jean Meslier, der 1729 verstorbene französische Landpfarrer, der ein umfangreiches Manifest hinterließ, das Religions- und Herrschaftskritik miteinander verband und seinen Autor als rabiaten Atheisten zeigte, gehöre in die Ahnenreihe.

„Wir haben es hier (...) mit radikal revolutionären Umdeutungen des Christentums zu tun,
die den Kern des Glaubensbestandes angreifen, der beinahe 2000 Jahre lang Geltung besaß“

Zu der gerne geäußerten Vermutung, der moderne Atheismus sei ein Kind der französischen Aufklärung, weist Schröder nach, dass die meisten dieser Schule, Robespierre und Voltaire vorneweg, Deisten, nicht Gottesleugner waren. Ebenfalls nicht gelten lässt der Autor die gerne von Atheismus-Gegnern verbreitete Behauptung, Atheist könne man nur sein, wenn man zugleich Materialist ist. Zwar hat eine solche Haltung prominente Vertreter – Holbach im 18. Jahrhundert, Ludwig Büchner, Feuerbach und Marx hundert Jahre später – doch verweist der Autor auf eine Reihe ontologisch neutraler Varianten des Atheismus. So wie die Existenz des Leids in seinen vielfältigen Ausdrucksformen zum „Fels des Atheismus“ wird, an dem jedes Reden von einem gütigen Gott verstumme, so ist die Frage nach der Entstehung des Lebens als Schwachstelle im atheistischen Gedankengebäude anzusehen.

Biologie und Biochemie alleine haben bisher nicht erklären können, wie Leben entstand, so dass Argumente, „die von der lebenermöglichenden Feinabstimmung der Naturkonstanten (fine-tuning) auf die Existenz eines planenden Schöpfergottes schließen“ nicht leicht von der Hand zu weisen sind. Die atheistische Seite hilft sich dann etwa mit der ,Multiversen-Theorie‘: „Danach existieren zahllose Universen mit ganz unterschiedlichen, zumeist lebensfeindlichen Naturkonstanten, von denen eines – unser Universum – lebensfreundliche Naturkonstanten aufweist“. Hier braucht es keinen göttlichen Urheber des fine-tuning, alles sei Zufall: Sagen die einen, aber die anderen glauben nicht an Zufall.

Pantheismus in den Köpfen schwärmerischer Dichter

Lesen Sie auch:

Auch des Pantheismus‘ wird gedacht, wobei der Autor darauf hinweist, dass viele, die man zu dessen Jüngern erklärt habe (etwa Spinoza), gar nicht dazugehören. Schröder erklärt seine Skepsis gegenüber dieser Spielart, kann sich dabei auf Leibniz berufen, der in einem Brief an John Toland von einem unseriösen und nichtssagenden Wortspiel sprach und hält fest; „dass der im Wortsinn verstandene Pantheismus kaum von professionellen Philosophen, sondern vornehmlich von Dichtern und schwärmerischen Denkern im Grenzbereich von Religion und Philosophie vertreten wurde“, von Köpfen wie Lessing, Herder, Goethe und Novalis also. Wenn er dann auf Tolands Spätwerk eines pantheistischen Missale mit „rot-schwarz gedruckter Liturgie“ verweist, samt sakralen Wechselgesängen und Hymnen auf das göttliche Universum, schimmert Spott durch.

Einen Ratschlag für das Christentum hat Winfried Schröder auch: Zu seinen „Basics“ zu stehen nämlich. Denn wenn Paul Tillich alle klassischen Gottesattribute aufgibt und vom Höchsten nur sprechen kann als „das, was uns unbedingt angeht“, ist der Weg nicht weit zum jüngst in den Niederlanden entstandenen „ietsism“. Holländisch „iets“ bedeutet „irgendetwas“, „und so steht ,ietsism‘ für eine nicht-säkulare, religiöse Einstellung zu einem unbestimmten außerweltlichen ,Etwas‘, einem irgendwie ,Sinnstiftenden‘, das an die Stelle des traditionellen Gottes tritt“.

Nicht geheuer: ein abgespecktes Christentum

Ist das nun Theismus oder Atheismus? Einerlei, „bei dem Versuch, diesen Pudding an die Wand zu nageln, müssen Atheisten, wie es scheint, den Hammer aus der Hand legen“. Auf das Christentum bezogen, ist dem Autor ein „abgespecktes und reduziertes Christentum“ nicht geheuer, „eine verwässerte Spiritualität, die so vage ist, dass sie mit nichts mehr im Widerspruch steht und infolgedessen gar nichts aussagt“. Dann werde Gott zur Worthülse, deren Inhalt abhandengekommen ist.

„Auch wenn es eigentlich das Ziel von Atheisten ist, den Theismus zu widerlegen, könnten sie mit dem selbst erklärten Bankrott, auf den die Preisgabe seiner Kernaussagen hinausläuft, schon halbwegs zufrieden sein“. Schröder schließt sich dem von ihm zitierten Benedikt XVI. an, der 2011 in Erfurt präzise formulierte: „Ein selbstgemachter Glaube ist wertlos. Der Glaube ist nicht etwas, was wir ausdenken und aushandeln.“ Eine Offenbarungsreligion, wie das Christentum sie darstellt, sei eben gerade nicht selbstgemacht, „sie wird von ihren Anhängern als Kundgabe Gottes verstanden“.

Eine Warnung an die christliche Religion

Schröder fragt nach dem „soteriologischen Angebot“ des Christentums und meint es ernst, wenn er den Modus der Entsorgung des Glaubensgutes kritisiert: „Wir haben es hier (man denke nur an die Preisgabe der Erbsünden- und Satisfaktionslehre oder der Lehre von der Ewigkeit der Höllenstrafen) mit radikal revolutionären Umdeutungen des Christentums zu tun, die den Kern des Glaubensbestandes angreifen, der beinahe 2000 Jahre lang Geltung besaß.“

Hier wird aus unverdächtigem Munde der christlichen Religion eine Warnung zugerufen – im gegenwärtigen Pontifikat wohl weniger von Interesse –, deren Berechtigung aber angesichts leerer Kirchen und Seminare mehr als handgreiflich ist. Aufgabe der Philosophie ist es, dem Menschen beim Denken zu helfen, Aufgabe der Kirche ist es, ihnen Gott zu geben – so wie er sich uns gezeigt hat. Winfried Schröder hat sein äußerlich schlankes, innen überreiches Buch nicht auf diese Erkenntnis hin geschrieben. Aber das ist ein Ertrag dieses elegant formulierten, sehr viel Wissen verarbeitenden Traktates, das zum ersten Mal eine veritable Kritik des Atheismus vorlegt.


Winfried Schröder: Atheismus – Fünf Einwände und eine Frage. Felix Meiner Verlag, Hamburg 2021,
144 Seiten, ISBN 978-3-7873-3957-0, EUR 19,90

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Eine Welt ohne Glaube ist eine gespenstische Welt, die zerbrochen wird von Nationalismen und egoistischem Individualismus. Europas Chance wäre eine Hinwendung zu einem poetischen Christentum.
07.05.2022, 07  Uhr
Stefan Groß-Lobkowicz
Themen & Autoren
Urs Buhlmann Atheisten Baruch Spinoza Glaube Gottesleugner Gottfried Wilhelm Leibniz Gotthold Ephraim Lessing Johann Gottfried Herder Johann Wolfgang von Goethe Karl Marx Ludwig Feuerbach Novalis Paul Tillich Philosophie Theismus Theodizee Urs Buhlmann Voltaire

Kirche

Weil der deutsche Katholizismus trotz Auflösungserscheinungen Wortführer in der Gesellschaft bleiben will, wird der Glaube beschwiegen. Der Missionsauftrag bleibt auf der Strecke.
25.05.2022, 19 Uhr
Christoph Böhr
Der Moskauer Patriarch beschädigt mit seiner Kriegstreiberei nicht nur sein eigenes Image, sondern die Glaubwürdigkeit der christlichen Verkündigung.
25.05.2022, 11 Uhr
Stephan Baier
Am Samstag können Sie sich zusammen mit der Tagespost-Volontärin Emanuela Sutter über Ihre Erfahrungen mit dem Katholikentag und über Themen rund um die Tagespost unterhalten.
25.05.2022, 12 Uhr
Redaktion
Religionsunterricht weiter gut besucht. Kirchensteuer wird kritisch gesehen. Für katholische Schulen wäre eine zweckgebundene Spende eine gute Alternative.
25.05.2022, 08 Uhr
Vorabmeldung