Mehr Erhard wagen

Lob kann eine gefährlichere Wirkung haben als Tadel: Sogar von Sarah Wagenknecht wird Ludwig Erhard als Vorbild beschworen. Von Sebastian Sasse
60 Jahre Bundesrepublik - Ludwig Erhard
Foto: dpa | Er würde staunen: Ludwig Erhard wäre überrascht, wer sich heute auf ihn beruft. Sogar Sarah Wagenknecht von der Linken. Allerdings bedeutet das natürlich nicht, dass sie tatsächlich auch seinen Ideen folgt.

Lob kann eine gefährlichere Wirkung haben als Tadel: Sogar von Sarah Wagenknecht wird Ludwig Erhard als Vorbild beschworen. Für welche Inhalte kann dann aber der Gründervater der Sozialen Marktwirtschaft noch stehen, wenn selbst die Linke ihn für sich reklamiert? Für viele ist der zigarrenrauchende erste Wirtschaftsminister die gemütliche Personifikation von Wohlstand schlechthin. Sie vergessen dabei, dass „das Wirtschaftswunder“ gar kein Wunder war, sondern dahinter vielmehr klare ordnungspolitische Prinzipien standen. Die Ludwig- Erhard-Stiftung – der Name ist Programm – möchte gerade das wieder in Erinnerung rufen. Versteht sie sich doch geradezu als Gralshüterin des Erhard'schen Werkes. Ein guter Anlass dazu: Vor 70 Jahren setzte Erhard den Anfang, indem er, damals noch innerhalb der sogenannten Bizone für Wirtschaft zuständig, die „Währungsreform“ initiierte. Plötzlich war wieder Markt möglich. Roland Tichy, Vorsitzender der Stiftung, machte bei einem Symposium, das nun zu diesem Thema in Berlin stattfand, deutlich: Erhard sei der „Destruktor“ eines Systems gewesen, das die Kräfte der Individuen gelähmt hatte. Er habe sie wieder freigesetzt: Mit dem freien Markt fanden die Wettbewerber ein Feld, wo sie sich miteinander messen konnten: Konkurrenz zum Wohle des Kunden. Erhard sei so etwas wie ein „Putschist der Marktwirtschaft“ gewesen mit dem „Mut zu Veränderung“. Seine Lehre sei „die Idee der ständigen Erneuerung der Wirtschaft“. Eine Einsicht, die natürlich auch heute gelte.

Gewinnstreben ist Motor für Innovation

Tichy hebt so heraus, welche Bedeutung Erhard der persönlichen Tatkraft des Einzelnen zugeschrieben hat – hier zeigt sich auch eine klare Parallele zum Prinzip Personalität der katholischen Soziallehre. Doch genau der Mut, diese Freiheit zur Veränderung zu nutzen und selbst etwas zu unternehmen, daran mangelt es in der Gegenwart – zumindest in Deutschland.

Doch dann bekommt jemand das Wort erteilt, der sich ausgesprochen unternehmungslustig zeigt: Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier (CDU) legt, noch bevor er sein Rednerpult erreicht hat, sein Jackett ab und krempelt sich dann, am Mikrofon angekommen, publikumswirksam die Ärmel hoch. Und auch in seiner Rede klingt stets die Botschaft mit: Seht her, meine ganze Kraft, meine ganze Leidenschaft setze ich ein, um eine Renaissance der Sozialen Marktwirtschaft im Sinne Erhards zu ermöglichen. Symbolisch zumindest hat Altmeier tatsächlich schon einen Akzent gesetzt: Den größten Saal seines Ministeriums hat er nach Erhard benannt. Und sonst? Altmeier wagt durchaus Aussagen, die ihm zwar hier vor dem Stiftungspublikum Beifall bringen, ansonsten aber eher gegen den Meinungsmainstream stehen. Beispiel Profit: „Wir haben das Gewinnstreben diffamiert“, stellt Altmeier fest. Dabei müsse klar sein, wenn Innovation gewünscht wird: „Der Einzelne darf nicht nur seinen Vorteil suchen, sondern er muss.“ Altmeier streicht heraus, dass nur ein solche innovative Wirtschaft die stabile Stellung des Standortes Deutschland sichern kann. Freilich, so markt-begeistert Altmeiers Rede auch wirkt, so sehr sie an Erhard anknüpft, anders als dieser plädiert der Minister, wenn es hart auf hart kommt, doch für ein Veto-Recht der Politik. Zwar nur in Ausnahmefällen, das schon, aber es könnte Punkte geben, an denen auch der Staat gestaltend eingreifen müsse.

Schließlich setzt Altmeier noch in ganz anderem Zusammenhang einen Punkt für die Freiheit: Roland Tichy ist nicht nur Vorsitzender der Stiftung, der ehemalige Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“ und jetzige Herausgeber des eigenen Magazins „Tichys Einblick“, gehört zu den profiliertesten Kritikern der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. Und damit auch ihres früheren Kanzleramtsministers Altmeier, der schließlich diese für sie koordiniert hat. Und in der Tat, einige Mitarbeiter hätten ihm davon abgeraten, an der Veranstaltung teilzunehmen, so der Minister. Doch das habe er abgelehnt. Immer wenn er einen kritischen Artikel von Tichy über ihn habe lesen wollen, sei er im Internet nur bis zur Bezahlschranke vorgestoßen. „Ich habe also nichts Kritisches von Ihnen über mich gelesen“, scherzt er. Tichy wiederum lobte, dass Altmeier ein Zeichen für freie Meinungsäußerung und einen fairen Umgang miteinander gesetzt habe. Das sei in Zeiten von „Hate-Speech“ besonders wichtig.

Digitale Start up-Szene erst in den Anfängen

Kritik am Minister gab es dann aber doch. Altmeier hatte die Digitalisierung zum Schlüsselfeld für die wirtschaftliche Dynamik in Deutschland erklärt – eine Passage, die in diesen Monaten wohl in fast jeder wirtschaftspolitischen Rede zu finden ist. Als Beleg dafür, dass die Bundesregierung diese Herausforderung begriffen hat, führte er den Breitband-Ausbau an, den man vorantreibe. Hört sich erst einmal gut an, aber steht das schon für digitale Innovation? Hier meldete Thomas Falk in seinem Vortrag massive Zweifel an. Er ist Geschäftsführer der eValue AG, die in Start up-Unternehmen in der Digital-Branche investiert. Wenn er 1 000 Unternehmen im Jahr begutachte, stammten lediglich um die 20 Prozent aus Deutschland, der Rest aus den USA. „Es fehlt an Risikofreude.“ Das von der Bundesregierung vorangetriebene „schnelle Internet“ sei lediglich eine Infrastruktur-Voraussetzung. Wenn Deutschland die Digitalisierung gestalten wolle, würden Unternehmen gebraucht, die die Inhalte entwickeln, die über das Netz vertrieben werden. Es sei kein Zufall, dass Facebook, Google oder Amazon in den USA sitzen. Mittlerweile habe sich zwar in Berlin so etwas wie eine digitale Gründer-Szene entwickelt. Aber das könne eben erst der Anfang sein.

Themen & Autoren
CDU Konferenz Kunstwerke Ludwig Erhard Peter Altmeier Putschisten Soziale Marktwirtschaft Wirtschaftlicher Markt Währungsreformen

Weitere Artikel

Nach der Aufhebung von „Roe v. Wade“ wollen sowohl Abtreibungsbefürworter wie Lebensschützer die Zuckerberg-Plattform für ihre Seite beanspruchen.
27.09.2022, 15 Uhr
Maximilian Lutz
Der Soziallehre-Nestor Oswald von Nell-Breuning prägte den markigen Topos „Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand“, den jetzt Friedrich Merz wieder in die Debatte bringt.
01.11.2022, 11 Uhr
Lars Schäfers
In China gibt es neben starken planwirtschaftlichen Elementen, auch privatwirtschaftliche Firmen, private Eigentumsrechte und Wettbewerb.
27.09.2022, 11 Uhr
Elmar Nass

Kirche

Kiew diskutiert ein Verbot der mit Moskau verbundenen Orthodoxie in der Ukraine. Ein gezieltes Vorgehen gegen Kollaborateure in ihren Reihen wäre dem Rechtsstaat angemessener.
09.12.2022, 19 Uhr
Stephan Baier
Bernardo Silvestrelli war von 1878 bis 1907 Generaloberer der Kongregation vom Leiden Jesu Christi.
09.12.2022, 05 Uhr
Claudia Kock