Würzburg

Léon Bloy: Der zornige Prophet

Katholizismus war ihm „die einzig mögliche Form religiösen Lebens“: Der zornige Prophet Léon Bloy als Pilger des Absoluten.
Léon Bloy, Schriftsteller
Foto: IN | Für Léon Bloy bestand die Welt aus den Heiligen und den Bourgeoisen.

Es kann nur gewarnt werden vor diesem Autor und diesem Buch. In Frankreich – nirgendwo sonst hätte Léon Bloy (1846–1917) geboren werden können – wurde zu seinen Lebzeiten der Absinth, die „grüne Fee“, noch mit bis zu 80 Prozent Alkohol hergestellt. Außerordentliche Delirien, ein im Wahn begangener Mord gehörten zu den Folgen, die zu einem in der Verfassung verankerten Verbot führten. Das später wieder aufgehoben wurde – der wilde Schriftsteller dagegen ist immer noch ein Quasi-Unlesbarer.

Er wütet, protestiert, schimpft drauflos – gegen die Gottlosen, die Protestanten, die Politiker, besonders die Besitzbürger, immer wieder gegen die eigenen Leute: die schwachen Priester, lauen Katholiken und gegen sich selbst, weil er wieder getrunken hat, weil er mit zu wenig Andacht an der Messe teilgenommen hat.

Bloy war Brachialkatholik mit romanhaftem Leben, der sich, wenig erfolgreich als Schriftsteller, die Mission wählte, seinen Zeitgenossen die übernatürliche Wahrheit geradezu ins Gesicht zu schleudern, dabei die eigene Armut mystisch verklärte und so zu einer Prophetengestalt wurde, die Einfluss auf so unterschiedliche Geister wie Franz Kafka, Carl Schmitt, Ernst Jünger oder Michel Houellebecq ausübte, und der von Papst Franziskus in seiner ersten Predigt zitiert wurde.

Alexander Pschera, Publizist, Übersetzer und Mitarbeiter dieser Zeitung, hat die Titanenaufgabe übernommen, uns das Werk des Franzosen in einem gigantischen Band, der vor allem aus den Briefen und Tagebüchern schöpft, nahezubringen. Das Ergebnis ist ein Ereignis für Gottsucher, Gottesleugner und Romanisten aller Lager. Es ist zugleich Zeugnis eines christlichen Existenzialismus avant la lettre wie auch Epochenkommentar zur fiebrigen Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Man liest es am besten nach Art einer Anthologie, auszugsweise, etwa an den thematischen Überschriften orientiert, die der Herausgeber dankenswerterweise eingebaut und zwischen die er seine eigenen Überlegungen zu diesem monstre sacré platziert hat.

Wo immer man den Band aufschlägt, man bleibt an einem Satz hängen, man ärgert sich vielleicht – und kommt doch nicht umhin, der absoluten Ehrlichkeit und dem Wahrheits-Drang dieses Wüterichs Respekt zu zollen. Der natürlich auch eine andere Seite hatte: Der Hass auf das Deutschtum, mit dem ihn eine komplizierte Beziehung verband, die Pschera am antagonistischen Verhältnis zu Nietzsche festmacht, hinderte nicht eine menschliche Reaktion. So, als er von einem bretonischen Bauern hörte, dem die deutschen Gefallenen im Ersten Weltkrieg leid taten: „Auch wenn es nötig war – es ist immer das Kind von irgendjemanden.“ Die Freundin, die die Szene mitbekam, berichtet: „Bloy begann zu zittern, konnte nicht mehr sprechen, und seine großen Augen waren voller Tränen. Die Tränen von Bloy, die er allen zeigte, waren für mich ein Zeichen seiner Stärke.“

Bloy plädierte für die absolute Theokratie

Wie sollte es auch anders sein bei jemandem, der von sich selber sagte: „Wenn man mir von Patriotismus spricht, dann weiß ich nicht, was man damit sagen will. Mein Vaterland ist zuallererst die römische Kirche, und ich verstehe mich als Soldat Christi.“ Nach schwierigen Anfängen und der Erkenntnis, dass er nicht zum Mönch gemacht war – wenn er auch immer mit Sehnsucht auf die Trappisten und Kartäuser schaute – musste Bloy 1886 bekennen: „Ich bin zu diesem stupiden Schreibberuf verdammt, der gewiss nicht meine wahre Berufung ist. Ich wurde als Krieger geboren, als Kreuzritter, wenn sie so wollen, in einer Zeit, in der der Krieg unwürdig und die Kreuzzüge unmöglich sind.“ Die französische Republik bewegte sich unter dem Einfluss der Freimaurer immer stärker auf die Etablierung des Laizismus zu, der 1905 im Trennungsgesetz verkündet wurde, nachdem vorher schon die meisten Orden verboten worden waren.

Es gab vieles, was Léon Bloy zu kommentieren hatte und wenig, was ihm gefiel. Wie er auf die jüngsten Zuckungen von akademischen Vertretern des deutschen Kirchentums reagieren würde, die an Messen sine populo während der Corona-Krise und an eucharistischen Segnungen Anstoß nehmen, mag man sich nicht einmal vorstellen. Er schrieb schon 1891: „Dem modernen Verstand ekelt es vor dem Übernatürlichen.“

Die Frage, ob es eine katholische Literatur geben kann, die etwas anderes ist als eine Heiligen-Vita, beantwortet Bloy, so Pschera, wie folgt: „Die Wahrheit Christi bedarf der Literatur nicht, es sei denn, es ist die katholische Leidenschaft, die sich in ihr ausspricht und auslebt.“ Sein Standpunkt war also der eines intransingenten Ultra-Katholizismus, der ihn auch bei den Konservativen zum Außenseiter machen musste: Katholizismus war für ihn „die einzig mögliche Form religiösen Lebens“. Ohne rot zu werden antwortete er auf eine Zeitungsumfrage: „Ich plädiere für die absolute Theokratie, wie sie in der Bulle ,Unam Sanctam‘ von Bonifatius VIII. bekräftigt wird. Ich denke, dass die Kirche beide Schwerter, das spirituelle und das weltliche, fest in der Hand halten muss .... und dass es außerhalb ihrer weder für Individuen noch für Gesellschaften ein Heil geben kann.“ Einige Deuter Bloys, schon zu Lebzeiten, haben das für Pose gehalten, übersehen aber, dass der Denker, der Kolumbus für einen Heiligen hielt, weil er der Religion viele Seelen in der Neuen Welt dazugewonnen habe, seine Ansichten ein Leben lang aufrecht erhielt. Den hohen Preis, den er dafür zahlte – immer wieder Perioden von Armut, weil ihn niemand druckte, gesellschaftliche Ächtung – nahm er auf sich und glaubte sich gerade im Leiden von Gott geliebt: „Ich bin ein Verzweifelter voller Hoffnung, so reich an Hoffnung, dass ich das Gefühl habe, ich könnte die ganze Welt damit beschenken.“

Die Vorsehung lenkt die Wirklichkeit zum Besten

Die Hoffnung kommt vom Glauben, denn wenn Bloy in einem Meister war, dann im unbedingten, alle Hindernisse überwindenden Glauben. Dass seine Ziele nicht zu erreichen waren, wird er gewusst haben. Aber eben auch, wie Pschera festhält, dass hinter der sichtbaren Realität die unsichtbare existiert und die ganze Zeit arbeitet. Von daher die zwischen Abscheu und Bewunderung pendelnde Haltung zu Napoleon, dem er zugute hält, dem Auftrag des Schicksals entsprochen zu haben und so zur „Figur Gottes“ geworden zu sein. Für Pschera sucht der absolute Individualismus, den er Bloy wie Nietzsche attestiert, das Gegenteil von Übereinstimmung und existiert jenseits der uniformen Blöcke, zu denen die Gesellschaft zusammengeschmolzen sei: „Dieser Individualismus bewegt sich nicht innerhalb, sondern notwendigerweise außerhalb eines kollektiven Konsensrahmens, ja dieser Rahmen ist Gegenstand seiner Kritik und seines Zerstörungswillens.“ Zerstörer waren sie beide, der Deutsche wie der Franzose. Für einen anderen großen Einzelgänger, Ernst Jünger, gehörte Bloy zu den privaten Hausheiligen. Er nimmt Bloys Verständnis der Sprache als Fenster zum Absoluten auf. Jünger notierte 1944: „Bloy ist eminent menschlich in der Art, in der er im Niederen ... ansässig ist und doch zugleich das höchste, unsichtbare Gesetz erkennt... Man darf hier Kränkungen, Beleidigungen nicht scheuen. Dann wäscht man die Goldkörner aus der Seife heraus.“ Für Jünger war Bloy wichtig, weil dessen via doloris, der „Wille zum Schmerz“, ihn über den „Arbeiter“ und damit über Nietzsche hinausführte. Pschera: „Bloys Philosophie des Schmerzes ... eröffnete Jünger die Möglichkeit, Nietzsche durch Nietzsche selbst zu überwinden.“ War das für Jünger Teil seiner Annäherung an die katholische Kirche? Das muss offen bleiben. Den Werkstätten-Arbeiter, den Jünger 1932 beschwor, und den Arbeiter im Weinberg des Herrn verbindet jedenfalls, dass sie bürgerliche Konvention hinter sich lassen und bereit sind für Neues.

Wo immer man bei Léon Bloy andockt, man findet Außerordentliches, geheime Kapillaradern, die in souveräner Missachtung der gängigen Wege zur Quelle führen. Er wird nie ein Autor für die Vielen sein (das würde ihm auch missfallen), doch nun findet man viel von ihm in Alexander Pscheras Thesaurus, der damit eine außerordentliche Leistung vollbracht hat, für die ihm – wie auch dem Verlag – sehr gedankt werden muss. Es findet sich darin auch ein Kommentar zur Corona-Krise, niedergeschrieben 1886: „Sie kennen meine Vorstellung über die Vorsehung, nicht wahr? ... Ich bin überzeugt, dass Gott hinter dem geringsten Ereignis dieser Welt steht und dass so alles zum Besten steht, selbst wenn es so aussieht, als würde alles denkbar schlecht gehen.“

Léon Bloy: Diesseits von Gut und Böse – Briefe, Tagebücher, Prosa.Herausgegeben und übersetzt von Alexander Pschera. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2020, 1 240 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-95757-692-7, EUR 68,–

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