Putins Werdegang

Catherine Belton: „Putin wollte einfach nur reich werden“

Die britische Journalistin Catherine Belton gewährt Einblicke hinter die Kulissen des russischen KGB-Staates, in dem es wie in einer Räuberhöhle zugeht.
Vladimir Putin
Foto: IMAGO / ITAR-TASS | Großmachtphantasien und Geldgier: Das System basiert auf simplen Instinkten.

Einen der Grundirrtümer der jüngeren Zeitgeschichte hat der US-Politologe Francis Fukuyama Anfang der neunziger Jahre auf die griffige Formel gebracht: „Das Ende der Geschichte.“ Mit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums und dem Ende des Kalten Krieges habe das Konzept der liberalen Demokratie und damit der westliche Kapitalismus prinzipiell triumphiert, meinte Fukuyama. Es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis dieses Gesellschäftsmodell seinen Siegeszug weltweit vollende.

Drei Jahrzehnte später steht fest, dass sich der westliche Way of Life als politische Matrix keineswegs so selbstverständlich in aller Welt durchsetzt. Laut Bertelsmann Stiftung gibt es immer weniger Demokratien. Stattdessen bringen sich in den Einflusszonen Chinas, der islamischen Welt und Russlands zusehends autoritäre Herrschaftsformen gegen liberale Staatsmodelle in Stellung. Auch in der westlichen Hemisphäre selber wächst die Skepsis am eigenen System. Waren es früher traditionell Protestbewegungen der politischen Linken, die den Zweifel an den USA und dem Westen überhaupt in die gesellschaftliche Mitte trugen, so bilden längst Opponenten am rechten Rand den zweiten Arm einer Zange, in der sich freiheitliche Gesellschaften immer mehr unter Druck und in der Defensive empfinden.

„So schildert der ehemalige Putin-Vertraute und Kreml-Bankier Sergej Pugatschow,
der Putin einst zur Macht verhalf und später in Ungnade stürzte,
den inneren Zirkel der KGB-Veteranen im Kreml wie eine Räuberbande,
die unter Putin den Staat zur Beute machten“

Nun scheint sich mit Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine insbesondere in Deutschland eine Art Erwachen wie aus einem Schlafwandel zu vollziehen. Drei Jahrzehnte seit der deutschen Wiedervereinigung und dem Zusammenbruch der Sowjetunion klaren durch den Dunst unserer historischen Ignoranz zusehends auf: Unsere Abhängigkeit von sowjetischem, später russischem Erdöl und Gas, unser pazifistischer Dünkel und Vernachlässigung der Bundeswehr, unser Selbstbetrug, das postsowjetische Russland sei ein europäischer Partner in der eschatologischen Schlussgeraden der Geschichte, wie sie Fukuyama verkündet hatte. Aus all diesen Illusionen schrecken wir derzeit verkatert empor.

Zur Orientierung in dieser Morgendämmerung einer neuen machtpolitischen Wirklichkeit hat die britische Journalistin Catherine Belton ein dickleibiges Buch vorgelegt: „Putins Netz. Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste.“ Auf gut 700 Seiten erzählt die langjährige Moskau-Korrespondentin für die „Financial Times“, wie der Kalte Krieg hinter den Kulissen weiterging, während es sich der liberale Westen in seinem vermeintlichen Triumph gemütlich machte. Tatsächlich dürfte der Überfall Russlands auf seinen Nachbarstaat von ähnlich epochaler Dimension sein wie der 11. September 2001. Hatten wir im Westen bis zur Attacke auf die New Yorker Türme die islamische Welt ignoriert, so dämmert uns seit dem 24. Februar 2022, dass wir vom Gären in der orthodoxen Hemisphäre keine Ahnung haben.

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Jahrelang brachte der KGB Vermögen ins Ausland um zu überwintern

In jahrelanger akribischer Recherchearbeit hat Belton ein Puzzle zusammengesammelt, um uns Einblick zu verschaffen in die hermetische Welt des Kreml. Sie beschreibt zu Beginn, wie bereits in den achtziger Jahren den Leuten beim KGB klar war, „dass der Kommunismus auf ökonomischem Gebiet dem Westen hoffnungslos unterlegen war“. Also sorgten sie vor und verschoben „enorme Vermögen der Sowjetunion über die KGB-kontrollierten befreundeten Firmen ins Ausland“, nach Liechtenstein, Singapur und anderswo. Damit sollte die Weiterarbeit des KGB gesichert werden. „Das war der Auftakt zur Plünderung des sowjetischen Staates und auch der Auftakt eines Bündnisses zwischen dem KGB und der organisierten Kriminalität.

Diese Ausweidung zuerst der Sowjetunion, dann der Russischen Föderation hält strukturell offenbar bis heute an. Dem KGB-Offizier Wladimir Putin, bis zur Auflösung des Sowjetreiches in Dresden postiert, gelang der Neuanfang in seiner Geburtsstadt Sankt Petersburg, wo unter Bürgermeister Anatoli Sobtschak das kommunale Komitee für Außenbeziehungen leitete, „das für den gesamten Handel und weite Teile der übrigen Geschäftstätigkeiten zuständig war“, so Belton. Sankt Petersburg war gleichsam das Trainingslager für Putins Präsidentenamt.

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Mafia und der ehemalige Geheimdienst KGB, heute FSB

„Eine Allianz aus Mafiamitgliedern und dem KGB“ hatte die westlichste Metropole Russlands fest im Griff und in ihrem Mittelpunkt stand Putin. In diesem Amt konnte er zur Virtuosität verfeinern, was er einst an der KGB-Hochschule in Moskau gelernt hatte: das Jonglieren mit doppelten Rollen. Während Putin „Ansprechpartner in Sachen Strafverfolgung“ war, übernahmen seine früheren Geheimdienst-Kollegen Positionen in Wirtschaft und Verwaltung und ließen das Organisierte Verbrechen für sich arbeiten. Die KGB-Leute in Sankt Petersburg, schreibt Belton, galten als ungleich gerissener und brutaler als jene in Moskau.

Es ist ein atemberaubendes Panaroma, das Belton in ihrem Buch ausrollt, gegen das sich Mario Puzos Epos „Der Pate“ ausnimmt wie ein kriminalistisches Bullerbü. Kein Wunder, dass ein Henry Kissinger der Figur Putin das Format einer Romangestalt Dostojewskis nachsagt. Als Putin 1996 nach Moskau wechselt, erst mit Verwaltungsaufgaben im Kreml betraut, 1998 auf einmal Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, 1999 Ministerpräsident und am Ende desselben Jahren Nachfolger von Boris Jelzin auf dem Stuhl des Präsidenten der Russischen Föderation, mutet dies an, als sei das alles ein Schelmenroman, als habe sich ein Felix Krull in dem Kreml verirrt.

Putins Aufstieg: ein lange geplantes Schurkenstück

In Wahrheit, so beschreibt es Belton, war es ein von langer Hand geplantes Schurkenstück. Die treibenden Kräfte hinter Putins Aufstieg waren jene KGB-Kreise, die in der Ära Jelzin bei den verschiedenen Privatisierungshandstreichen ehemals sowjetischer Staatsunternehmen das Nachsehen hatten, ausgetrickst von einer jungen Generation von Business-Desperados, die in der frühkapitalistischen Zugluft der neunziger Jahre zu wahren Höhenflügen ansetzten, mit Banken und Rohstoff-Geschäften Milliardenvermögen anhäuften und sich als Oligarchen ihren Präsidenten Jelzin als eine Marionette hielten.

Mit Putin wollte sich der KGB, den es offiziell nicht mehr gab, aber dafür umso einflussreicher ein Schattendasein in Verwaltung, Wirtschaft und Politik führte, die Macht im Lande zurückholen – und das bedeutete, die Kontrolle über die wichtigsten Banken, Medien-, Industrie- und Handelsunternehmen zu erlangen.

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Mit Angst regiert es sich besser als mit Gewalt

Nun wäre es vermutlich ein Leichtes gewesen, wenn Putin als neuer Präsident nach Gutdünken per Dekret enteignet, verstaatlicht und Vertrauensmänner eingesetzt hätte. Doch hierzu war Putin zu schlau. Er wusste, dass man mit Angst besser regiert als mit Gewalt. Deshalb setzte er mit der Causa Chodorkowski ein Fanal, um die übrigen Oligarchen einzuschüchtern. Michail Chodorkowski hatte mit Ölgeschäften Milliarden verdient und galt um die Jahrtausendwende als reichster Mann Russlands.

2003 ließ Putin ihn wegen Steuerhinterziehung verhaften. Zehn Jahre verbrachte er in einem Straflager, ehe er begnadigt wurde. Putins Botschaft an alle, die sich ihm widersetzen wollten, war unmissverständlich: Du kannst der Nächste sein! Als Angela Merkel bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt als Alt-Kanzlerin Anfang Juni im Berliner Ensemble verriet, dass sie seit vielen Jahren wusste, dass Putin die Europäische Union zerstören will, „weil er sie als Vorstufe zur Nato sieht“, wunderten sich viele, warum sich Deutschland dennoch von russischer Energie abhängig machte und auf Appeasement-Kurs blieb.

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Der Westen hat die antiwestliche Aggression des Kremls verschlafen

Ähnlich ergeht es einem bei der Lektüre von Beltons Buch: Zwei Jahrzehnte hindurch konnte der Kreml seine antiwestlichen Strategien betreiben, ohne dass die Feindseligkeiten Russlands nennenswert wahrgenommen wurden, geschweige denn darauf reagiert worden wäre. Denn nicht nur die islamische Welt hasst den Westen, seine Freizügigkeit, seinen Individualismus, seinen Wohlstand, seine Dekadenz. Auch im russischen Kosmos oszillieren die Gefühle gegenüber Europa zwischen Sehnsucht und Abscheu.

Putin habe es als Schmach empfunden, dass US-Präsident Obama 2014 Russland als „Regionalmacht“ verspottete, so heißt es in Kreisen von Putin-Deutern. Diese Kränkung habe seine Großmachtsphantasien weiter beflügelt. Catherine Belton zeichnet in ihrem Buch ein anderes Bild. So schildert der ehemalige Putin-Vertraute und Kreml-Bankier Sergej Pugatschow, der Putin einst zur Macht verhalf und später in Ungnade stürzte, den inneren Zirkel der KGB-Veteranen im Kreml wie eine Räuberbande, die unter Putin den Staat zur Beute machten. Über Putin sagt Pugatschow: „Sie machten ihn zu einem anderen Menschen. Die USA hatten ihn enttäuscht, und er wollte einfach nur reich werden. Es war der innere Zirkel, der ihn drängte, den Staat wieder zu alter Stärke zurückzuführen.“


Catherine Belton: Putins Netz. Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste.
HarperCollins, Hamburg 2022, 704 Seiten, EUR 26,–

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