Corona-Psychiatrie

Gänswein sieht die Kirche in einer tiefen Krise

Bei einem Wiener Psychiater-Kongress schilderte der Papstsekretär seinen Alltag mit Benedikt XVI. im Vatikan und den „innerkirchlichen Dissens wie seit Jahrhunderten nicht mehr“.
Papst Benedikt XVI., Kurienerzbischof Georg Gänswein
Foto: imago-images | "Experimenteller Lockdown": Für Erzbischof Gänswein ist der emeritierte Papst zur Vaterfigur geworden.

Benedikt XVI. ist nach Angaben seines Sekretärs von einem früheren Tod ausgegangen. In einem Online-Vortrag von Samstag sagt Erzbischof Georg Gänswein: „Als er im Frühjahr 2013 zurücktrat, war ihm und mir – das darf ich hier gestehen –, als hätte er nur noch einige Monate vor sich, aber keine acht Jahre mehr. Nun ist alles ganz anders gekommen.“ Auch ein persönliches Bekenntnis legt Gänswein in diesem Video-Vortrag im Rahmen einer Tagung des in Wien ansässigen „Instituts für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ (RPP) ab: „Seit dem Tod meines Vaters ist mir zunehmend, als wäre mir der zurückgetretene Papst Benedikt zu einem neuen Vater geworden, wie es wohl nie hätte geschehen können, wäre er im Amt geblieben. Das geschieht in einer immer stärker wachsenden Vertrautheit, wie wir sie zuvor so nicht erlebt haben, wenn wir Nachmittag für Nachmittag gemeinsam in den Vatikanischen Gärten im Rosenkranz-Gebet unseren Herrn und Erlöser Jesus Christus betrachten.“

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Von Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie sind Benedikt XVI. und sein Sekretär „auf privilegierte Weise nicht allzu sehr betroffen“. Erzbischof Gänswein erzählt, es sei „für uns ja fast, als hätte Papst Benedikt mit seinem Rücktritt vor acht Jahren gleichsam einen experimentellen Lockdown für uns beschlossen“. Er selbst habe „von einem Massenandrang bei Psychotherapeuten gelesen, von gewaltigen Kollateralschäden und alarmierenden Suizidzahlen, die streng tabuisiert werden“, so Gänswein. Die Pandemie habe „zu einer Zeit der Scheidung und Entscheidung geführt, nach der unsere Lebenswelten wie nach einer Weggabelung auf anderen Wegen weitergehen werden als zuvor, und zwar unabhängig von allen Kulturkreisen, Religionen oder Nationen“.

In der Krise sieht Erzbischof Gänswein auch die Kirche. Er ist überzeugt, „dass die katholische Kirche selbst in einer tiefen Krise steckt – mit einem schweren innerkirchlichen Dissens wie seit Jahrhunderten nicht mehr“. Angesichts dieser Krise und „aller Debatten darüber, welche Wege womöglich aus ihr herausführen können“, dürfe man heute „von jedem Bischof in Deutschland verschiedene Antworten“ erwarten. In der Kirche habe es zu jeder Zeit zugleich Heilige und Verbrecher gegeben, sagt Gänswein, der als Beispiel Mutter Teresa und Kardinal McCarrick nennt. Selbst Heilige würden „Verbrecher in ihrer Nähe“ oft nicht erkennen, „wie der heilige Johannes Paul II. den Ordensgründer und Missbrauchstäter Marcial Marciel Degollado nicht erkannt hat“. Begründung: „Heilige sind keine Hellseher oder Zauberer.“

 

Der Glaube mache „widerstandsfähig gegen jede Angst und zwar zunächst durch die Sakramente der Eucharistie und der Beichte“. Diese beiden Sakramente seien „Kraftquellen der Resilienz als gleichsam göttliche Medizin“. Er selbst feiere jeden Morgen die Eucharistie gemeinsam mit Benedikt XVI. in der Hauskapelle. Auch gehe er etwa alle drei Wochen zur Beichte. Gänswein offenbart bei dem RPP-Kongress sein Rezept: „Das beständige Schauen auf Gott in Jesus Christus stärkt meine Widerstandskraft mehr als jede Medizin.“

Corona-Krise diene der Einschüchterung

RPP-Gründer Raphael Bonelli, selbst Neurowissenschaftler, Psychiater und Psychotherapeut, meint in seinem Online-Vortrag: „Der Mensch ist zweifellos ein verletzliches Wesen – der eine mehr, der andere weniger.“ Menschen, die zum Neurotizismus neigen, seien besonders vulnerabel. Aber auch der Narzisst, der sich selbst idealisiert, sei verletzbar, nämlich durch die Wirklichkeit: „Wer ihn auf die Wirklichkeit aufmerksam macht, kränkt ihn.“ Als Ausweg greift Bonelli auf den von Viktor Frankl etablierten Begriff der Selbsttranszendenz zurück, als „anthropologischen Tatbestand, dass Menschsein immer über sich selbst hinaus verweist, auf etwas oder jemanden, auf einen Sinn, den der Mensch da erfüllt“. Frankl habe einen Kontrapunkt zum Zeitgeist gesetzt, indem er darauf verwies, dass sich der Mensch nur in dem Maß verwirklicht, in dem er sich selbst transzendiert „im Dienst an einer Sache“.

Lange habe in den Neurowissenschaften niemand über Religion nachgedacht, so Bonelli, der anhand von wissenschaftlichen Studien zeigt, dass Religion ein Resilienzfaktor ist. „In der Psychotherapie ist es gut, den Faktor Religiosität im Menschen wahrzunehmen und zu stärken“, meint der Wiener Psychiater. „Das Leben kann, je mehr man eine Vision des Wahren, Guten und Schönen hat, ein Dienst werden.“ Diese Fähigkeit mache die Resilienz aus.

„Wer sich nicht politisch korrekt verhält,
werde gemobbt, ausgegrenzt und beschimpft.“

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Es mache sich ein zunehmender Zwang breit: Wer sich nicht politisch korrekt verhält, werde gemobbt, ausgegrenzt und beschimpft. Das führe zu einer „allmählichen Kollektivierung“ und zu seelischer Spaltung. Der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie befürchtet ein Aufgeben des demokratischen Diskurses, Ideologisierung und Moralisierung sowie eine Kultur der Denunziation, ja ein „Eintauchen in kollektive normopathische Verhaltensweisen, um sich im Kollektiv zu retten“. Die Corona-Krise werde zur Einschüchterung verwendet, was eine „sehr bedrohliche gesellschaftliche Fehlentwicklung“ sei.

Über die sich ausbreitende Angst und ihre Bewältigung spricht bei RPP auch der Neurobiologe Gerald Hüther. Die aktuellen Krisen hätten den Machbarkeitswahn als Irrtum entlarvt und gezeigt, dass das Leben nicht kontrollierbar sei. Ergänzend dazu meint der österreichische Psychiater Reinhard Haller, dass der Mensch aus Krisen gestärkt hervorgehen könne. Auf die Corona-Zeit bezogen sagt er, dass nach einer anfänglichen Schockstarre die Angst dominierte, dann aber Lebenswille und Widerstand. Jetzt beginne eine Phase der Neuorientierung mit neuen Zielen. „Die Krise gibt uns die Chance, uns selbst kennenzulernen“, so Haller. „Conora ist ein anti-narzisstisches Virus“, weil es den Menschen wieder geerdet habe. Viele würden nun die Erfahrung machen, dass sie stärker sind als sie dachten.

Der Mensch ist als Liebender geschaffen

Scheitern gehöre zu den menschlichen Grunderfahrungen, stellt die Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz in ihrem Vortrag klar: „Gebrochensein ist konstitutiv für alles Menschliche. Und damit unvermeidlich.“ Der Mensch scheitere an sich und an anderen, bleibe aber Beziehungswesen und auf andere angewiesen: „Wir sind nicht als Egomanen, sondern als Liebende geschaffen.“ Die richtige Antwort auf Scheitern sei der Neuanfang. Der gelinge im Wissen um den lebendigen Ursprung des Lebens und ein anfängliches Gewolltsein unserer selbst – und in der Hoffnung auf ein endgültiges Gelingen. „Ursprünglicher als die Angst ist das Geliebtsein und Gewolltsein.“

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