Wien

Zum schlichten Leben in Fülle ertüchtigen

Holocaustüberlebender und berühmter Begründer der Logotherapie, der dritten Wiener Schule der Psychotherapie: Viktor Frankl. Auf seiner Lehre und seinem Erbe zeigen Elisabeth Lukas und Alexander Batthyány , warum Logotherapie weit mehr als eine psychotherapeutische Schule, aber nicht an eine Religion gebunden ist.
Wiener Neurologe und Psychiater Viktor Frankl
Foto: dpa | Der Wiener Neurologe und Psychiater Viktor Frankl wurde mit seiner Logotherapie zum Begründer der "dritten Wiener Schule der Psychotherapie". Seine Schüler zeigen den Wert und Nutzen seiner Lehre für die heutige Zeit.

Der Wiener Psychiater, Neurologe und KZ-Überlebende Viktor Frankl, berühmt geworden als Begründer der „dritten Wiener Schule der Psychotherapie“, nämlich der Logotherapie, starb vor 23 Jahren. Dennoch beschrieb er mit seinen vier krisenträchtigen Daseinshaltungen recht treffend und hilfreich die heutigen Reaktionen auf die Corona-Krise: Angst vor der Zukunft (provisorische Lebenshaltung), Angst vor dem Schicksal (fatalistische Lebenshaltung), Angst vor anderen Gruppen (kollektivistische Lebenshaltung) und Angst vor anderen Deutungen der Welt oder bestimmter Weltzusammenhänge (fanatische Lebenshaltung). Allen gemeinsam sei der Faktor Angst und die Scheu vor der eigenen Verantwortung.

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Mit den Schattenseiten des Seins befassen

Wie aktuell und zukunftsweisend Frankl – nicht nur in dieser Analyse – ist, zeigt das neue, dialogisch komponierte und dennoch systematische Werk der beiden Frankl-Schüler Elisabeth Lukas und Alexander Batthyány. Beide ziehen gut begründete rote Linien zu Fehldeutungen und Missinterpretationen der Logotherapie Frankls, und heben ihren Kern neu ans Licht. Etwa, wenn die klinische Psychologin und Psychotherapeutin Elisabeth Lukas zur Suchtprävention und -therapie empfiehlt, „die Auseinandersetzung mit den Schattenseiten des Lebens (inkl. Leiden und Sterben) voranzutreiben“, denn das werde „das Verantwortungsbewusstsein für die Lebensnutzung schärfen… eine Dankbarkeit für vorhandene Sonnenseiten des Lebens“ fördern und den „absurden Anspruch auf puren Lebensgenuss“ überwinden.

Vielleicht bedarf es keiner Wissenschaft, um zu erkennen, dass „Dankbarkeitsvergessenheit“ in Verbindung mit einer unrealistischen Anspruchshaltung und reduziertem Verantwortungsbewusstsein unglücklich und krank machen kann. Doch scheint die Logotherapie den gesunden Menschenverstand therapeutisch fruchtbar zu machen. So, wenn Elisabeth Lukas schreibt: „In einer Welt, in der die jeweiligen Glückspilze den jeweiligen Unglücksraben liebevoll ihre Hände entgegenstrecken würden, ließe sich für alle gut leben.“ Und Batthyány, Direktor des Wiener Viktor-Frankl-Instituts und Professor für Existenzielle Psychologie in Moskau, ergänzt: „Das eigene Glück ist ebenso wenig selbstverständlich wie die Not des anderen, an der man nicht schulterzuckend vorübergehen soll.“

„Es ist ganz offensichtlich eine Gewissensstimme
als eine Art moralischer Kompass in uns angelegt“

Die beiden Autoren tauschen sich dialogisch aus über Achtsamkeit und Sinnorientierung, Selbstdistanz und Transzendenz, Sinn und Wirklichkeit. Dem religiösen Leser kommt manches Postulat vertraut vor. Batthyány meint: „Es ist ganz offensichtlich eine Gewissensstimme als eine Art moralischer Kompass in uns angelegt, der uns Sollimpulse unmittelbar erkennen lässt.“ Und Lukas erklärt, wie Ethos, Veritas, Pax, Misericordia, Agape und Ästhetik „konvergieren“. Letztlich geht es der Logotherapie offenbar um „schlichtes Leben in Fülle“ anstelle von „kompliziertem Leben in Leere“. Lukas, die wohl bekannteste Frankl-Schülerin, bekennt sogar: „Psychotherapie kann man nicht praktizieren, ohne die Menschen mitsamt ihrer Borniertheit zu lieben und trotz ihrer Unausgegorenheit an sie zu glauben.“

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Dennoch ist Logotherapie nicht Seelsorge oder Religionsersatz, auch nicht an eine Religion gebunden. Viele Vertreter religiösen Denkens sahen in Frankl dennoch einen Verbündeten, „weil ihr Kernanliegen bei Frankl erstmals von Seiten der Psychotherapie und Psychiatrie nicht mehr unter den Generalverdacht des Abwegigen, Kollektivneurotischen oder Bedürfnisbefriedens gestellt, sondern als ein möglicher – wenn auch natürlich nicht zwingender oder notwendiger – Ausdruck genuinen Menschseins anerkannt wurde“, wie Batthyány formuliert. Gleichwohl handle es sich bei der Logotherapie nicht um „eine religiöse Therapie“. Viktor Frankl habe „Vermengungen der Logotherapie mit religiösen oder quasi-religiösen Heilslehren stets scharf verurteilt“. Lukas ergänzt dazu, dass Frankl durchdrungen gewesen sei „von einem Vertrauen in den ,Übersinn‘ (Gott?), der in Kategorien jenseits unseres Begreifens waltet“ und in dem „sogar alles Leid noch einen höherwertigen Letztsinn haben kann“.

Das gemeinsame Werk von Elisabeth Lukas und Alexander Batthyány stellt eine gelungene Tiefenbohrung in das Erdreich der Logotherapie dar: relevant für Christen, die sich für eine mit ihrem Glauben und ihrer Weltsicht kompatible Schule der Psychotherapie interessieren. Bei Frankl geht nämlich – ganz im Einklang mit der christlichen Metaphysik – „der Sinn, also das Gesollte, dem Wollen voraus“ und gibt der Freiheit Substanz und Richtung.

Und Frankls Erben trauen dem „Pro-Motiv der Liebe“ für ein gelingendes Leben mehr zu als dem „Kontra-Motiv der Angst“. Letztlich, so meint Lukas, sei Logotherapie „mehr als eine psychotherapeutische Schule“, weil sie neben einem kurativen Anteil auch einen präventiven und einen konsolativen habe: „Sie vermag nicht nur Leidenszustände zu heilen, sondern sie auch zu verhindern und – wenn nötig – Leidende zu trösten.“


Alexander Batthyány, Elisabeth Lukas: „Logotherapie und Existenzanalyse heute. Eine Standortbestimmung“. Tyrolia-Verlag, Innsbruck/Wien 2020, 288 Seiten, ISBN 978-3-7022-3893-2, Euro 24,95

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Stephan Baier

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