Kirchenväter

Sie enthüllen die Fundamente der Lehre

Die Kirche hat so viele herausragende Lehrer, die den Gläubigen nicht unbedingt ans Herz gelegt werden: Augustinus, Laktanz, Basilius von Cäsarea, Gregor von Nyssa oder Gregor von Nazianz - manchmal muss man von außen in die Kirche kommen, um die wahren Schätze zu entdecken. Ein Bericht des Suchens und Entdeckens.
Kirchenväter
Foto: imago-images | Die Kirchenväter beim Studium alter Schriften: Ambrosius, Gregorius, Hieronymus and Augustinus lesen die griechische Philosophen und legen sie und ihre Ideen an das Evangelium an: Sie errichten das geistige ...

Der Begriff der "Kirchenväter" lief mir zum ersten Mal bei Hermann Hesse über den Weg, als ich schon ein junger Erwachsener war. Zuvor hatte ich in zwei Jahren evangelischem Konfirmandenunterricht und in neun Jahren Religionsunterricht auf dem Gymnasium nichts von ihnen gehört, geschweige denn in Predigten oder Verlautbarungen meiner damaligen Kirche. Nun könnte man das einfach damit abtun, dass die Protestanten es nun mal nicht so mit Kirchenvätern und Heiligen hätten, doch greift das zu kurz, denn was ich von katholisch sozialisierten Christen gehört habe, lässt vermuten, dass es dort meist nur unwesentlich besser aussieht. 

Sagenumwobene Kirchenväter

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Die "Kirchenväter" wurden von Hesse, den man nicht wirklich als Christen bezeichnen kann, so respektvoll erwähnt, dass ich, selbst auch nicht gerade gläubig damals, dieses Wort seitdem in meinem Inneren trug, umgeben von einer Aura verborgener Weisheit. Allerdings machte ich keine Anstalten herauszufinden, um was es sich bei diesen sagenumwobenen Kirchenvätern genau handelte — na gut, Google gab es damals noch nicht, es war mehr Einsatz beim Recherchieren gefragt. Aber dass mich dieses Wort seinerzeit überhaupt faszinierte, war verwunderlich, denn "Kirche" an sich weckte bei mir eher Assoziationen an staubige schwarze Talare, alte Omis in muffigen Bänken und langweilige Nachmittage bei Kaffee und Kuchen mit Menschen, die gemeinhin als eher "unsexy" gelten.  

So waren die "Kirchenväter" für mich lange Zeit nur eine vage Bezeichnung von altem spirituellen Wissen aus dem Dunstkreis Hermann Hesses wie "Brahmanismus" oder "Taoismus", bis ich viele Jahre später bewusster zum christlichen Glauben kam und mich auch für die inneren Zusammenhänge, Entwicklung und Geschichte des Christentums interessierte. Da geschah es: Ich stieß tatsächlich auf die Kirchenväter; nicht weil sie mir von kirchlicher Seite nahegebracht wurden, sondern weil dieses geheimnisvolle Wort unbewusst in mir geschlummert hatte — und es mittlerweile Internetsuchmaschinen und zudem Online-Versandbuchhändler gab, wo man selbst selten gelesene Bücher bequem mit einem Klick bestellen konnte. 

Vom Gefühl, betrogen worden zu sein

Als ich dann begann, die Schriften dieser antiken Theologen zu lesen, da fühlte ich mich in meinem bisherigen jahrzehntelangen Leben als getaufter Christ um etwas betrogen, das man mir anstatt niedlicher Poesiealbumsprüche oder der ewigen Luther- und Bonhoeffer-Zitate von kirchlicher Seite doch auch einmal hätte anbieten müssen. 

Ich las Augustinus und fand existenzielle Herausforderung und tiefes, bohrendes Denken; ich las Laktanz und fand umfassendste antike Bildung mit christlichem Glaubenseifer vereint; ich las Basilius von Cäsarea, Gregor von Nyssa und Gregor von Nazianz und fand Poesie und Spiritualität, neben der jede indische Weisheit so blass wirkt wie eine Schäfchenwolke neben einem leuchtenden Regenbogen. 

Fundament abendländischen Denkens

Es erstaunte mich, wie frisch und mitreißend Augustinus zu lesen war und wie ich mich persönlich mit dessen Suchen und Ringen identifizieren konnte, wo er doch 1600 Jahre vor mir gelebt hatte, in Nordafrika, das damals noch zum Weströmischen Reich gehörte. Seine "Bekenntnisse", so erfuhr ich bei näherer Beschäftigung, gelten als die erste Autobiographie der Weltliteratur, die kein reines Selbstporträt war, sondern eine Lebensbeichte. Ohne dieses Werk wäre die ganze europäische Tradition des psychologischen Romans wahrscheinlich undenkbar — und wohl noch weit umfassendere Teile des abendländischen Denkens. Warum erfuhr ich das erst jetzt? 

Das Vorurteil der im Vergleich zu den großen antiken Denkern ungebildeten und ignoranten Christen der ersten Jahrhunderte brach in mir zusammen, als ich Laktanz las und ihn die verschiedenen paganen Philosophen, unter diesen viele, von denen ich noch nie etwas gehört hatte, analysieren und widerlegen sah. Er verglich die Lehren der Epikureer, Stoiker und vieler anderer philosophischer Schulen und ihre Vorstellungen von der Vorsehung, der Gottheit und deren Fähigkeit zu Gnade und Zorn. Nachdem er die Widersprüche in all diesen überkommenen Weltbildern aufgezeigt hatte, legte er die christliche Sicht dar und untermauerte diese nicht mit Bibelstellen, sondern mit Zitaten unzähliger griechischer und römischer Philosophen und Dichtern und mit Sibyllinischen Orakelsprüchen. Dabei war mir immer erzählt worden, die Christen der ersten Jahrhunderte hätten das antike Wissen ignoriert und zerstört. Warum hatte ich das bisher geglaubt?  

„Denn es ist ein kostbarer Schatz, den die christlichen Kirchen
in ihrem Keller verstauben lassen, während sie von Migration,
von Klimawandel, von Frauenrechten, von Corona und
all den anderen Themen reden,
die ohnehin jeden Tag bis zum Überdruss öffentlich verhandelt werden“

Als Lyriker war ich wiederum hingerissen, wenn ich bei Basilius Zeilen las wie "Der Heilige Geist ist einem Sonnenstrahl vergleichbar, dessen Gunst dem, der ihn genießt, ganz allein zuteil zu werden scheint und doch die ganze Erde und das Meer mit Licht erfüllt und sich mit der Luft vermischt. So steht auch der Heilige Geist jedem, der ihn empfängt, bei, wie wenn er der einzige wäre, und gewährt doch allen jeweils die Fülle der Gnade. Die an ihm Anteil haben, genießen ihn nach dem Maß ihrer Kräfte, nicht nach demjenigen seiner Macht." Oder bei Gregor von Nazianz solche Poesie: "Des Menschen Leben […] ist der vorbeihuschende Augenblick des Lebendigen, ist unser Kinderspiel auf Erden, ein Lichtschatten, ein fliegender Vogel, Spur eines fahrenden Schiffes, Staub, Nebelhauch, Morgentau und aufbrechende Blume." Warum nur hatte ich bis dahin nie ein einziges Wort von diesen Autoren gehört? 

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Jetzt, wo ich nicht nur von ihnen gehört, sondern sie lieben gelernt hatte, las ich diese antiken Kirchenschriftsteller viele Jahre lang mit immer neu aufflammender Begeisterung, schrieb Gedichte, die auf Zitaten des heiligen Augustinus aufbauten, einen Roman über Konstantin den Großen und die frühe Kirche, davon motiviert, den Schatz der Alten Kirche zu teilen und anderen zugänglich zu machen. Denn es ist ein kostbarer Schatz, den die christlichen Kirchen in ihrem Keller verstauben lassen, während sie von Migration, von Klimawandel, von Frauenrechten, von Corona und all den anderen Themen reden, die ohnehin jeden Tag bis zum Überdruss öffentlich verhandelt werden. Nicht dass das Missverständnis aufkommt, ich sei der Meinung, die Kirche solle die Fragen und Probleme der Zeit ignorieren, aber umgekehrt nur diese ohnehin omnipräsenten Debatten wiederzukäuen oder — wie zurzeit in der katholischen Kirche in Deutschland — die eigenen Strukturen, Probleme oder Verfehlungen zu diskutieren, das eröffnet den Menschen keine Perspektive über den Horizont des Hier und Jetzt hinaus. 

Lechzen nach Orientierung und Sinn

Gerade in dieser Zeit, in der so viele Menschen in ihrer Existenz erschüttert sind — durch Corona noch verschärft — nach Orientierung und Sinn lechzen, "spirituelle" Trainer, "Selbstoptimierung" und alle Arten von Ersatzreligionen Hochkonjunkturhaben, und das Regal mit der Aufschrift "Spiritualität" in den Buchhandlungen von buddhistischen und chinesischen Weisheiten, von Tarot und Astrologie überquillt, sollte die einzige Religion, die einen Heiligen Geist als göttliche Person kennt, durch den, um noch einmal Basilius von Cäsarea zu zitieren, "die Herzen gehoben, die Schwachen bei der Hand genommen, die Fortschreitenden zur Vollendung geführt" werden, die wahre und tiefe Spiritualität der Kirchenväter aus der verstaubten Kellerkiste holen und wieder ins Schaufenster nehmen.  

 

Wenn die Kirche sich nur noch über ihr soziales Engagement und ihre gesellschaftliche Rolle definiert, dann wird sie beurteilt werden wie jeder andere bürokratische Apparat oder sozialer Träger. Doch diese Rolle kann der Kirche niemals gerecht werden. Die Kirche leistet sozial Unglaubliches, das soll und muss betont werden, aber sie hat so viel mehr zu bieten als Suppenküchen, Stuhlkreise und Sonntagsreden zum Klimawandel. Die Kirche hat eine zweitausendjährige Geistesgeschichte und einzigartige Schätze in ihren Kammern: Den Glauben an die Erlösung, an das ewige Leben, an die Menschwerdung Gottes, an einen Gott, der jeden einzelnen Menschen liebt, in ihren Sakramenten ist Jesus Christus gegenwärtig, eine Gestalt, die sogar den Ungläubigen Respekt und Liebe abnötigt, sie besitzt Legionen von beeindruckenden Glaubenszeugen und Heiligen in ihrer so wechselvollen und so reichen Geschichte   und eben die großartigen, von ihr oft so stiefmütterlich behandelten Kirchenväter.


Der Autor ist Erzähler, Lyriker und Liedtexter. Zuletzt erschien sein Gedichtheft "Mein Gewicht ist meine Liebe. Augustinus-Variationen" und am 31. März im Bernardus-Verlag sein Roman "Konstantin. Der Kaiser und sein Gott".

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