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Deutsche Bischöfe reisen nach Rom – warum eigentlich?

Rom will reden, die deutschen Bischöfe wollen reden — beide Parteien haben jedoch diametral entgegengesetzte Anliegen. Seit Beginn des Synodalen Weges hat sich das deutsch-römische Verhältnis zunehmend abgekühlt. Ein Rückblick.
Blick auf den Vatikan
Foto: picture alliance/dpa | Sven Hoppe | Dass die Gespräche in Rom das deutsch-römische Verhältnis entspannen werden, bleibt zweifelhaft.

Eine deutsche Delegation von — zumeist — Bischöfen wird für Freitag, 22. März, zu den ersten von einer Reihe von Gesprächen im Vatikan erwartet. Konkrete Inhalte sind noch nicht bekannt. Hintergrund sind allerdings die Forderungen des Synodalen Weges und der geplante Synodale Ausschuss, den Rom bereits verboten hat, der in Deutschland jedoch weiterhin vorangetrieben wird. Das deutsche-römische Verhältnis ist äußerst angespannt. Und das nicht erst seit gestern. 

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Im Zuge des Synodalen Weges hat sich die katholische Kirche in Deutschland immer mehr von der Weltkirche und vom Papst entfernt. Hauptstreitpunkt ist neben dem Kirchenverständnis die Sexualmoral und damit auch die christliche Anthropologie, die in Deutschland durch eine an der Gendertheorie orientierte Anthropologie ersetzt werden soll.

Kampfplatz gegen die Lehre der Kirche

Der Synodale Weg, der aufgrund der entsetzlichen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche initiiert worden ist, entpuppte sich schnell als Kampfplatz gegen die Lehre der Kirche selbst. Als „systemische Ursachen“ des Missbrauchs wurden der Zölibat, die Unmöglichkeit der Frauenweihe, die Sexualmoral und fehlende Entscheidungskompetenzen von Laien auch in Lehrfragen ausgemacht. Alle Debatten zu den Themen drehten sich um die Frage der Machtordnung.

Noch vor Beginn der offiziellen Sitzungen bat Papst Franziskus im Juni 2019 in seinen „Brief an das Pilgernde Volk in Deutschland“, die Einheit mit der Weltkirche zu wahren und den Aspekt der Neuevangelisierung in den Prozess mit aufzunehmen. Darauf haben der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki und der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer eine alternative Satzung ausgearbeitet, in der sie das päpstliche Anliegen aufgriffen. Diese wurde aber abgelehnt; der Synodale Weg beharrte auf dem Schwerpunkt, vor dem Papst Franziskus in seinem Brief gewarnt hatte: auf Strukturfragen. 

Synodalität ist kein Synonym für Demokratie

In einer Stellungnahme wies dann die Kongregation für die Bischöfe und des Päpstliches Rates für Gesetzestexte darauf hin, dass die auf dem Synodalen Weg vorgesehenen Themen nicht allein die Kirche in Deutschland beträfen, sondern die Weltkirche, weshalb sie „…mit wenigen Ausnahmen – nicht Gegenstand von Beschlüssen und Entscheidungen einer Teilkirche sein“ könnten, „ohne gegen die Einschätzung des Heiligen Vaters zu verstoßen“.

Auch die kirchenrechtliche Unmöglichkeit einer „Parität von Bischöfen und Laien“ wurde benannt. Die von Papst Franziskus gewünschte Synodalität in der Kirche sei kein Synonym für Demokratie oder Mehrheitsentscheidungen. 

Marx: Synodaler Weg als Vorbild für die Weltkirche

Auf diesen Einwurf aus dem Vatikan reagierte der Münchener Kardinal Reinhard Marx als damaliger Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) in den Medien mit der Ankündigung, den vom Vatikan als „ekklesiologisch ungültig“ bezeichneten „verbindlichen Synodalen Prozess“ fortzusetzen. Seiner Ansicht nach könne der deutsche Weg Vorbild für die Universalkirche werden.

Gegenüber Rom kommunizierten DBK und Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK) als paritätischer Mitorganisator des Reformprozesses, dagegen: Man wolle den gesamten Weg vom ‚Primat der Evangelisierung‘ her angehen und diesen als ‚geistlichen Prozess‘ gestalten. De facto blieben Strukturfragen im Fokus. Weder Evangelisierung wurde behandelt, noch die Gender-Ideologie hinterfragt. Nach und nach reagierte der Vatikan auf alle der Kirchenlehre entgegenstehenden synodalen Forderungen.

Widerspruch zwischen Wort und Tat

Im Frühjahr 2021 erklärte die vatikanische Kongregation für die Glaubenslehre mit Unterstützung des Papstes offiziell, dass die Kirche keine Vollmacht habe, Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts zu segnen, die eine sexuelle Praxis außerhalb der Ehe einschließen. Darauf reagierte der neue Vorsitzende der deutschen Bischöfe, Bischof Georg Bätzing, besänftigend: „Die von der Glaubenskongregation heute vorgebrachten Gesichtspunkte müssen und werden selbstverständlich“ in die Gespräche des Synodalen Wegs Eingang finden.

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Faktisch unterstützte der Synodalen Weg die von der Aktion „Out in church“ mit 110 Gottesdiensten bundesweit organisierten Segnungen von homosexuellen Paaren – und unternahm damit das Gegenteil von dem, was der Papst über die Kongregation angeordnet hatte. 

Freiwillige Selbstverpflichtung - eine Farce

Innerhalb der Synodalversammlung gerieten die Bischöfe zunehmend unter Druck. Die Forderung nach der „freiwilligen Selbstverpflichtung“ der Bischöfe in Bezug auf die Umsetzung von Beschlüssen wurde immer lauter und das Wörtchen „freiwillig“ zu einer Farce, sagte doch Thomas Sternberg, damals noch Präsident des Synodalen Weges und des ZdK, in einem Interview: „Wenn dann ein Bischof in einem kleinen Bistum eine Regelung nicht umsetzt, dann gibt es schon einen erheblichen Druck, und das wird auch nicht ganz ohne Folgen bleiben.“

Die Dogmatikerin Julia Knop, einer der führenden Köpfe des Synodalen Weges, sprach von „ewigen Wahrheiten“ als Fiktion und forderte eine Weiterentwicklung der Kirche — was im Orientierungstext, der Präambel des Synodalen Weges, in der Formulierung der Berücksichtigung und Anpassung an die Lebenswirklichkeiten der Menschen von heute Niederschlag fand.    

"Es gibt eine sehr gute evangelische Kirche in Deutschland"

Nach mehreren brüderlichen Ermahnungen von Bischöfen aus der Weltkirche, die Bätzing vom Tisch wischte, folgte der nächste Korrekturversuch von Papst Franziskus. Bei einem Treffen mit europäischen Chefredakteuren im Juni 2022 sagte er bezugnehmend auf den geplanten Synodalen Ausschuss, der in einen Synodalen Rat münden und den deutschen Reformprozess auf Dauer etablieren sollte: „Es gibt eine sehr gute evangelische Kirche in Deutschland. Wir brauchen nicht zwei von ihnen.“ 

In einer Erklärung präzisierte der Vatikan kurz darauf, der Synodale Weg sei nicht befugt, „die Bischöfe und die Gläubigen zur Annahme neuer Formen der Leitung und neuer Ausrichtungen der Lehre und der Moral zu verpflichten“. Von Gehorsam dem Papst gegenüber wollte man nichts hören. Wörtlich sagte Dogmatikerin Knop: „Katholik*innen denken und leben und gestalten die Kirche vor Ort so, wie sie es für richtig halten. Sie leisten dabei keinen ‚Glaubensgehorsam’, sondern übernehmen Glaubensverantwortung.“

Römischer Ton verschärft sich

Damit wuchs der Druck auf lehramtstreue Bischöfe. Nachdem wider Erwarten der Grundtext zur neuen Sexualmoral bei der vierten Synodalversammlung im September gescheitert war, forderte das ZdK, den abgelehnten Text, der sowohl mit der christlichen Anthropologie als auch mit der katholischen Morallehre bricht, bei der bevorstehenden Vollversammlung der deutschen Bischöfe nachträglich zu akzeptieren.

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Daraufhin wurde der Ton aus Rom deutlich schärfer, Weisungen folgten in kürzeren Intervallen aufeinander. Im November 2023 meldete der Vatikan beim Ad-Limina-Besuch der deutschen Bischöfe in Rom in allen entscheidenden Lehr- und Verfassungsfragen grundsätzliche Bedenken an; und zwar in Bezug auf „Methode, Inhalte und Struktur des Synodalen Weges“.

Keine Zugeständnisse an Synodalen Weg 

Die Kurienkardinäle Marc Ouellet (bis 2023 Bischofskongregation) und Luis Ladaria (bis 2023 Glaubenslehre) erklärten, es werde inhaltlich keine Zugeständnisse an den Synodalen Weg geben und forderten die Deutschen auf, die bisherigen Papiere inklusive der noch zur Endabstimmung anstehenden Texte des Synodalen Weges in die Spur einer lehramtstreuen Theologie und des Zweiten Vatikanums zurückzubringen.

Nichts dergleichen geschah. Stattdessen gab das Bistum Limburg unter Bischof Bätzing Im Januar 2023 neue Leitlinien zur Sexualpädagogik heraus, mit denen nicht nur alle roten Linien der kirchlichen Lehre überfahren wurden, sondern auch die römische Weisung vom Juli 2022. 

Papst verbietet Synodalen Rat

Fast zeitgleich verbot Papst Franziskus in einem „in forma specifica“ (Januar 2023) formulierten und damit rechtswirksamen Schreiben an die deutschen Bischöfe die Gründung eines Synodalen Rates: „Weder der Synodale Weg noch ein von ihm eingesetztes Organ noch eine Bischofskonferenz“ hätten die Kompetenz, „den ,Synodalen Rat‘ auf nationaler, diözesaner oder pfarrlicher Ebene einzurichten“. Das Verbot wurde ignoriert. Im November beschloss das ZdK die Satzung des verbotenen Synodalen Ausschusses. 

Rom bekräftigte sein Verbot von 2023 im Januar 2024 mit der Erklärung, dass niemand das Recht habe, einen Synodalen Rat in Deutschland als neues Entscheidungsgremium zu installieren und bat die Bischöfe im Februar, den Beschluss über die Satzung des Synodalen Ausschusses von der Tagesordnung der bischöflichen Vollversammlung zu nehmen. DBK-Chef Bätzing kam dem nach, reagierte aber mit einer Anklage: Hätte Rom gewollt, hätten Gespräche längst geführt und Missverständnisse ausgeräumt werden können. An der nächsten Sitzung des Synodalen Ausschusses im Juni hält Bätzing nach wie vor fest.

Zweifelhaft: Kirche in Deutschland fügt sich römischen Weisungen

Gespräche stehen nun diesen Freitag an. Zwei Tage vorher kamen Mitglieder des — von Rom untersagten — Ausschusses noch zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen. Auch wenn die Gespräche in Rom dem gegenseitigen Austausch und Verständnis dienen sollen, bleibt vor dem Hintergrund der letzten fünf Jahre zu bezweifeln, dass sich die Kirche in Deutschland dieses Mal römischen Weisungen fügen wird.

Vielen klingen zudem noch die Worte von Sternberg vom August letzten Jahres im Ohr: „So wie ich den Vatikan und seine unglaublichen Beharrungskräfte und Borniertheiten einschätze, kommt man nur weiter, indem man vollendete Tatsachen schafft.“

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