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Gerl-Falkovitz: „Der Leib ist der Lieblingsweg der Gnade“

Ein Gespräch mit der Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz zur überragenden Bedeutung des Leibes für das menschliche Leben und das göttliche Erlösungsgeschehen.
Lukas Cranach der Ältere (1530)
Foto: Wikipedia | Die Schöpfungsordnung ist gut, auch in ihrer Materialität und Leiblichkeit. Erst der Sündenfall hat den Leib korrumpiert.

An Ostern feiern wir den Sieg Christi über den Tod. Und dabei spielt die Tatsache, dass Jesus auf leibliche Weise auferstanden ist, eine ganz wichtige Rolle. Er selber betont ja gegenüber den staunenden Jüngern, dass er kein Gespenst ist. Vielmehr sagt er: „Schaut her, ihr könnt mich anfassen, ich esse sogar.“ Frau Gerl-Falkovitz, warum ist der Leib eigentlich so wichtig für das Auferstehungsgeschehen?

Zunächst müssen wir festhalten: Es gibt weltweit so viele Religionen, aber außer dem Christentum spricht keine von der Auferstehung des Leibes. Alle anderen kennen höchstens die Unsterblichkeit der Seele. Es ist ein unglaublicher Mut des Christentums, von der Auferstehung des Leibes, ja des Fleisches, zu sprechen, weil wir beim Blick in die Gräber sehen können, dass die Leiber zu Staub zerfallen. Die Vorstellung von der Auferstehung fällt deswegen auch so schwer. Man fragt sich: Wird denn Gott die Atome wieder zusammensetzen? Das Christentum hätte diese Kühnheit ja überhaupt nicht, wenn es nicht das Neue Testament mit den vier Evangelien von der Auferstehung Jesu gäbe.

In Ihrer Antwort liegt, dass es offenbar eine Differenz geben muss zwischen dem Leib, wie wir ihn jetzt haben, und dem Auferstehungsleib. Denn was dort neu zusammengefügt wird, das soll zwar einerseits unser Leib sein und doch irgendwie anders, nämlich einer, der dann nicht mehr zerfällt. Wie also sollten wir den Auferstehungsleib denken?

Das Neue Testament gibt uns zu verstehen: Zwischen dem, was sich am Auferstandenen zeigt, und dem, was wir bisher vom Fleisch wussten, besteht eine große Spanne. Aber trotzdem muss man von der Leibhaftigkeit des auferstandenen Jesus sprechen.

Zum einen ist der Leib Jesu leicht und licht. Beide Wörter meinen übrigens von der Wurzel her dasselbe. Zudem gehorcht dieser Leib offenbar den normalen Gesetzen der Physik nicht mehr, das heißt, er unterliegt nicht der Schwerkraft, er kann durch andere Materie gehen. Das ist erstaunlich. Und das Dritte haben Sie bereits genannt: Er isst und trinkt mit den Jüngern. Das heißt, er kann sich unsere ganz normale Materie zuführen; er kann die Jünger umarmen und bietet Thomas sogar an, seine Wunden zu berühren.

Und doch – das ist entscheidend – ist es kein anderer Leib! Das Wort „anders“ wäre hier falsch. Da fehlt uns ein Begriff, um das wirklich zu fassen. Denn seine Wunden sind ja da. Sie sind das klare Erkennungszeichen zwischen ihm und den Jüngern. Denn bei der Begegnung mit dem Auferstandenen ist immer auch eine Art Fremdheit im Spiel. Die Jünger ahnen, dass er es ist, sie wissen es auch irgendwie. Und trotzdem ist da etwas Geheimnisvolles, etwas, das befremdet.

Wir bekommen also nicht einen neuen Leib, der mit unserem jetzigen nichts zu tun hätte. Trotz anderer, geheimnisvoller Materialität ist es unser Leib, der – und das ist das Schöne – auch unsere Wunden auf strahlende Weise bewahrt. Der neue Leib zeugt davon, dass etwas bestanden, durchgekämpft worden ist. Und in diesem Sinne ist die Auferstehung Jesu nicht nur eine Freude, sondern eine Verheißung: Ich werde nicht zugrunde gehen.

Nicht nur im Auferstehungsgeschehen spiegelt sich die große Bedeutung der Leiblichkeit für das Christentum. Schon die Inkarnation selbst ist ja ein leibliches Geschehen, und dann gibt es natürlich die Eucharistie – den realen Leib Christi, den wir bei der Kommunion empfangen dürfen. Ist näher betrachtet nicht sogar das gesamte Heilsgeschehen ein leibliches?

Ja, die gesamte Heilsgeschichte trägt im Kern die Botschaft von der Wichtigkeit der Materie. Im Unterschied zu vielen anderen Traditionen – etwa der griechischen und insbesondere der indischen Philosophie – ist die Materie im Christentum nicht das Niederziehende. Im Christentum ist die Schöpfung als ganze eine Inkarnation. Gott schafft etwas außerhalb von sich selber, und er schafft es im Fleisch. Darin liegt auch die Würde des leibhaften Geschöpfes.

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Wir haben bei genauem Lesen drei Anfänge in der Bibel. Der erste ist die Schöpfung, in der die Materie, der Stoff der Schöpfung, immer schon vom Geist befruchtet ist. Zweitens haben wir die Inkarnation des Sohnes in Jesus. Sie ist der Beginn der Erlösung, die sogar noch größer und wunderbarer ist als die Schöpfung. Gott selbst kommt in die Materialität der Schöpfung. Der dritte Anfang schließlich steht noch aus. Das ist die Wiederkunft Christi, die eine neue Erde und einen neuen Himmel bringen wird. In dieser neuen Schöpfung werden wir die alte wiedererkennen. Hans Urs von Balthasar hat einmal gefragt, ob wir neue Rosen bekommen werden, und geantwortet: Nein, wir werden genau dieselben bekommen, aber wir werden sie zum ersten Mal sehen, wie sie wirklich sind.  Die neue Welt, die dritte, die wir noch nicht kennen, wird also die alte Welt sein, aber in ihrer verklärten – das heißt: licht und klar gewordenen – Form.

Bei dem alten Kirchenvater Tertullian findet sich ein schöner Satz: „Caro cardo salutis“ – „Fleisch ist der Angelpunkt des Heils.“ Nicht meine Seele wird erlöst – das ist viel zu wenig –, sondern meine ganze Person mit Fleisch und Blut. Der Leib ist, so könnte man formulieren, der Lieblingsweg der Gnade.

In all dem liegt ja eine ungeheuerliche Bejahung des Leibes. Wie passt das zum gängigen Vorwurf, das Christentum sei leibfeindlich?

Eine Art Leibfeindlichkeit existiert eigentlich in jeder entwickelten Kultur, und zwar weil sie einer simplen Erfahrung entspricht. Nehmen Sie nur den Satz: „Ein voller Bauch studiert nicht gern.“ Der Leib hat seine Rhythmen, Rhythmen der Dynamik, der Beschleunigung, aber auch der Erschlaffung. In dem Augenblick, in dem mein Leib versagt, kann ich bestimmte Dinge nicht mehr denken, nicht mehr wollen, nicht mehr tun. Und der Tod ist hiervon der Schlusspunkt. Als physischer Vorgang ist der Tod zu großen Teilen schrecklich. Das heißt, im vergänglichen Leib selber liegt schon etwas, was unserem Dasein zutiefst widerstrebt. Also sollte man dieses Widerstreben nicht sofort abweisen. Ob in Indien oder in Griechenland - überall, wo es eine Beschäftigung mit dem Denken, mit der Geistigkeit, mit der Philosophie gibt, wird versucht, an den Göttern das Geistige zu finden. Dabei wird dann das Fleisch als Widerpart erkannt.

Die Aussicht auf ein ewiges Leben im Christentum ändert aber alles, insofern uns keine Erlösung von der Leiblichkeit, sondern eine Lösung des Leibes samt all seiner Schwächen verheißen ist. Das Christentum ist leibfreundlich.

Könnte man das von Ihnen Gesagte dahingehend ergänzen, dass Gott selbst das Gutsein der Schöpfung in ihrer Materialität und Leiblichkeit bestätigt? Ich denke an das Genesis-Wort „Und Gott sah, dass es gut war.“ Es ist erst der Sündenfall, der die Probleme unserer Leiblichkeit hervorbringt. Am Ende aber steht die Lösung dieser Probleme in der Ewigkeit. Die Geschichte der Leiblichkeit des Menschen wäre demnach aufgespannt zwischen einem guten Ursprung und einem noch besseren Ende.

Ja, der Ursprung ist gut und das Ende etwas noch Besseres. Dazwischen allerdings liegen Tränen. Der Sündenfall ist die eigentliche Tragödie.
Das vollkommene Gutsein der anfänglichen Schöpfung im Christentum ist einzigartig. Ich habe mich viel mit Mythologie beschäftigt und kenne sonst keinen Schöpfungsakt, der schlechthin gut genannt wird. Vielmehr haben wir das Problem bereits am Beginn. In der japanischen Mythologie gibt es beispielsweise ein verheiratetes göttliches Geschwisterpaar, das vier Kinder hat. Aber von den vier Kindern ist eines krank. Keiner weiß warum. Es ist einfach so.

Judentum und Christentum haben dagegen den Vorteil, einen Grund für die Schlechtigkeit der Welt angeben zu können, so schwer wir ihn auch verstehen. Aber der Grund ist nicht das Versagen Gottes, sondern das Versagen des Menschen.

Wie steht es im Vergleich um die Erlösungsphantasien des Transhumanismus? Dort wird der Leib vor allem als eine Quelle des Leidens und der Endlichkeit betrachtet. Deshalb will der Transhumanismus die Überwindung des Leibes, etwa durch ein neues, digitales Dasein. Man denke etwa an das Stichwort „Mind Uploading“, also die Vorstellung, man könnte sein Bewusstsein in einen Computer hochladen.

Der Transhumanismus ist das Ende des Fleisches. Hier haben wir Leibfeindlichkeit per se. Angeblich soll ich eines Tages meinen Leib austauschen können, durch künstliche Organe, durch Chips, überhaupt durch digitale Medien. So soll mein Gehirninhalt auf externe Datenträger abgeladen werden können, und das soll so eine Art Unsterblichkeit sein.

Ich frage mich: Kann ich mich mit meinem externen Dateninhalt überhaupt unterhalten? Außerdem: Wer interessiert sich denn überhaupt dafür? Genau genommen keiner. Kein Mensch wird mich da irgendetwas abfragen, auch ich nicht – mich gibt es ja nicht mehr. Aber ich müsste auf irgendeine Weise existent sein, um mit meinem eigenen Datenträger im Computer in Beziehung zu treten. Im Grunde ist die gesamte Komposition, die dieser transhumanistischen Unsterblichkeitsvorstellung zugrunde liegt, unverständlich. Es ist eine vollständige Nullnummer.

Um von der theologisch-religiösen Dimension des Leibes ins anthropologisch-philosophische Register zu wechseln: Gibt es eine Besonderheit des menschlichen Körpers im Vergleich zu allen anderen körperlich-materiellen Dingen? Ich denke da vor allem an den Unterschied zwischen Körper und Leib, der in der Philosophie manchmal gemacht wird.

Die deutsche Sprache hat diesen Unterschied zwischen Leib und Körper, die romanischen Sprachen nicht. „Körper“ ist alles, was existiert, sofern es dreidimensional ist und der Schwerkraft unterliegt. Körper kann auch ein toter Körper sein. Mit „Leib“ ist etwas ganz anderes gemeint. Einen Körper habe ich, mein Leib bin ich. Leib kommt vom mittelhochdeutschen „lip“, was gleichzeitig Leib und Leben heißt. Und daraus hat sich in Abwandlung später auch noch das Wort „Liebe“ ergeben.

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz
Foto: Bjoern Haenssler | Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz ist emeritierte Professorin für Religionsphilosophie an der TU Dresden und Vorstand des Europäischen Instituts für Philosophie und Religion in Heiligenkreuz/Wienerwald.

Also wir haben im Leib immer schon den lebendigen Leib. Der Leichnam selber wäre eigentlich nicht mehr Leib. Oder umgekehrt: Lebendig sein heißt immer schon Leib haben. In diesem Gedanken steckt noch etwas: dass wir den Leib nicht einfach messen, zählen, berechnen können, wie es die europäische Neuzeit so wünscht. Im Leib steckt nicht nur eine Dynamik, ein Aspekt des Werdens, eine Form von Veränderlichkeit, sondern „Leib“ bedeutet auch immer schon, beseelt zu sein. Und deswegen ist auch der Tod so wehtuend für den Menschen, weil hier der Leib gesprengt wird. Die Seele muss ihn verlassen. Das ist das eigentliche Drama.

Leiblichkeit und Sexualität hängen ganz eng zusammen. Krankt unser Verständnis von Sexualität heute daran, dass wir uns nicht als beseelten Leib, sondern als beliebig manipulierbaren Körper verstehen?

Beim Menschen gibt es keinen jahreszeitlichen Automatismus der Sexualität, keinen Automatismus des Triebes, sondern eine besondere Form des Begehrens. Im Unterschied zu Tieren begehren wir auch, begehrt zu werden. Ich liebe, aber ich will auch geliebt werden. So erwächst beim Menschen aus einem Instinkt eine gegenseitige Herausforderung. Aus der tierischen Vermehrung wird beim Menschen Zeugung. Vermehrung ist auf Quantität angelegt und kann uferlos sein. Zeugung dagegen ist ein leiblicher Akt, der auf ein jeweils einzigartiges Wesen abzielt, woraus wiederum eine bleibende Verantwortung für das Kind entsteht. So folgt aus dem Geschlechtsakt des Menschen natürlicherweise die Ehe, und daraus wiederum eine Familie, die mehrere Generationen umfassen kann. Das kennen wir bei Tieren nicht.

Deswegen bin ich auch so erschrocken über einen Satz, den ich beim Synodalen Weg gehört habe: Endlich sei es gelungen, die Person von der Natur zu trennen.

Personsein bedeute nämlich Selbsthabe, Autonomie. Dadurch wird aber meine Natur, das heißt hier: mein Körper, zu etwas, das unter meinem Diktat steht. Und aus dem Grunde könnte ich meinen Körper so einsetzen, wie ich das gerade wünsche. Das aber heißt: Der Leib ist stumm geworden. Ob ich Frau oder Mann bin, soll dann erst einmal nichts bedeuten. Ich verfüge vielmehr darüber, ich beherrsche meinen Körper, einschließlich meiner Geschlechtsorgane, nach meinem Willen.

In Wahrheit aber hat der Leib schon eine Aussage, die mir als Mann oder Frau vorgegeben ist und die ich verstehe. Das Zurückgewinnen der Leibhaftigkeit ist das Gebot der Stunde. Die entscheidende Frage lautet: Wie lernen wir wieder den Leib in seiner Gänze anzunehmen und nicht nur bestimmte Organe an ihm nach unserem Gutdünken zu nutzen?

Besteht der richtige Umgang mit dem eigenen Leib also paradoxerweise in der Aneignung von etwas Unverfügbarem?

Richtig! Ich bin nicht Herrin meines Leibes. Der Leib hat eine Eigendynamik, die ich nur bedingt beeinflussen kann. Unsere Autonomie kommt, wie der Philosoph Robert Spaemann gesagt hat, immer einen Schritt zu spät, weil das, womit wir autonom umgehen wollen, schon da ist und schon seine Prägung hat. Mein Leib ist die ursprüngliche Aussage darüber, dass ich mich nicht gemacht habe.

Um noch einmal den Auferstehungsleib ins Spiel zu bringen: Wird auch dieser das Zeichen unserer Geschlechtlichkeit tragen?

Im Lukasevangelium (20,34) sagt Jesus, dass die Menschen nur in dieser Welt heiraten. Nach der Auferstehung der Toten werde es keine Heirat mehr geben, weil die Menschen dann den Engeln gleich geworden sind. Angesichts dieser Stelle kommt immer die Frage: Ja, sind wir dann nicht mehr Mann und Frau? Die Antwort muss lauten: Selbstverständlich sind wir Mann und Frau! Denn wenn ich denselben Leib habe, in einer Weise, die mir heute nicht bekannt ist, dann bin ich weiter Mann oder Frau. Sein wie die Engel im Himmel bedeutet ja kein Unterschreiten der jetzigen Geschlechtlichkeit, sondern ein Überschreiten, nämlich ein Erreichen dessen, was uns heute nicht gelingt. Auch in der Sexualität. Es wird eine Beziehung geben, deren Art wir genauso wenig kennen wie unseren „neuen alten“ Leib. Diese Beziehung wird wie bisher Liebe heißen, und sie wird gelingen, und sie wird zwischen Mann und Frau gelingen, endlich. Die Auferstehung des Leibes radiert nicht aus, was wir hier Schönes haben, sondern sie befreit das Schöne von dem, was in dieser Welt nicht gelingt.

Heute dreht sich alles um eine radikale Form der Selbstbestimmung, die keine Regulierung oder Reglementierung zulassen will. Wie sähe eine christliche Alternative dazu aus? Was wäre ein substanzieller Begriff von Freiheit, der der Unverfügbarkeit des Leibes gerecht wird?

Wir sind nicht frei für uns selber. Das ist eine tote Freiheit. Edith Stein sprach von einem Lauschen auf den Schlag des eigenen Herzens: Das sei auf die Dauer unbefriedigend, eine bloß negative Freiheit.

Positive Freiheit besteht darin zu entscheiden, wen ich an mich heranlasse, welche Beziehungen ich eingehe, wem ich mich hingebe. Die entscheidende Freiheit ist nicht Wahlfreiheit, sondern Wesensfreiheit. Thomas von Aquin hat Entscheidendes dazu gesagt: Ich bin frei, wenn ich das ergreife, was mir zugehört, was mir entspricht.

Der Ausdruck „Wesen“ ist heute „verboten“, aber hier unabdingbar. Ich bin frei, wenn ich das wähle, was meinem Wesen entspricht. Freiheit und Notwendigkeit gehören in der Tiefe zusammen.

Und jetzt kommen die Beziehungen und die Liebe. Denn die Liebe hat genau diesen Charakter: „Wer entspricht mir“? Die Frage lautet nicht: „Wer entspricht meinem Trieb? Wer entspricht meiner Lust?“ Die Frage heißt: „Wer entspricht mir?“, und das ist eine umfassende Frage, die eine umfassende Antwort braucht. Auch die Liebe wählt nicht „gleichgültig“ irgendwen, sondern den, der mir sagt, wer ich bin. Martin Buber hat wunderbar über dieses Verhältnis vom Ich zum anderen geschrieben: Am Du gewinnt sich das Ich. Dieses Du „muss“ ich finden.

Können Sie ein Beispiel geben?

Man könnte auch formulieren: Du musst mir sagen, wer ich als Frau bin. Denn Frausein ist, wie mein Leib, in seiner Tiefe letztlich unverfügbar für mich. Ich bin mein Leib, aber ich kann ihn und mich nicht bis ins Letzte beschreiben. Aber der andere setzt die Erkenntnis frei.

In dem Sinn führt das Treffen auf einen Mann, den ich liebe, zur Selbsterkenntnis. Was liebt er an mir? Plötzlich sehe ich mich in einem neuen Licht. Und umgekehrt kann ich ihm etwas sagen, das er noch nicht an sich gesehen hat. Das geschieht übrigens mit jeder Person, die wir treffen, je nach Tiefe der Beziehung. Wir sagen einander Dinge, die wir selber nicht formulieren können oder noch nicht formuliert haben.

Man muss sich nun fragen: Was entspricht mir eigentlich? Sind das andere Menschen? Ja, auch, aber am tiefsten entspricht mir mein Schöpfer, man könnte ebenso sagen: mein Löser. Daran zeigt sich, dass Christentum keine Angelegenheit des Überbaus ist, sondern eine Erfahrung von Freiheit. In welcher Nähe zu Gott werde ich wahrhaft frei? Werde ich frei, weil er sich mir zeigt? Augustinus meinte, am Ende würden wir endlich den sehen, der uns immer schon ansieht. Oder viel kürzer auf Latein: „Videntem videre“. Im Blick des göttlichen Anderen werde ich endlich wissen, wer ich bin.

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