Kinder-Katechese

Gottes Gnade heilt

Der Weiße Sonntag bekräftigt: Barmherzigkeit empfangen und geben macht das Leben schön. Auf den Spuren der heiligen Faustyna und dem heiligen Charles de Foucauld.
Barmherziger Jesus
Foto: gemeinfrei | Eugeniusz Kazimirowski malte 1934 im Auftrag von Schwester Faustyna das Bild des barmherzigen Jesus. In einer Vision hatte Jesus Faustyna gebeten, das Bild malen zu lassen, um die Botschaft von seiner Barmherzigkeit ...

 Es war ein Sonntagabend, der 22. Februar 1931, als sich in der polnischen Stadt Plock etwas Außerordentliches zutrug. Die 25-jährige Ordensfrau Schwester Faustyna war gerade in ihrer Klosterzelle. Doch plötzlich war sie nicht mehr allein. Sie erblickte eine Gestalt in einem langen weißen Gewand. Der Mann berührte mit seiner linken Hand die Stelle seines Herzens, von dem zwei große Strahlen ausgingen, ein roter und ein weißer. Seine rechte Hand hob er zum Segen. Schwester Faustyna erschrak zunächst. Dann aber wurde sie von einer riesigen Freude erfüllt, denn sie wusste, dass dies Jesus war. 

Jesus ließ ein Bild von sich malen

In ihrem Tagebuch notierte sie den Auftrag, den ihr Jesus gab: „Male ein Bild von dem, was du siehst, und schreibe darunter: Jesus, ich vertraue auf dich.“ Weiter versprach Jesus, dass jeder, „der dieses Bild verehrt, nicht verlorengeht“. Er wünschte, „dass es am ersten Sonntag nach Ostern feierlich geweiht wird. Dieser Sonntag soll das Fest der Barmherzigkeit sein“ (Tagebuch 47-49). Das Bild, das Schwester Faustyna malen ließ, ging um die ganze Welt. Viele Menschen waren berührt vom gütigen Blick Jesu und der Botschaft, dass er uns allen seine Barmherzigkeit schenken will.
Aber was bedeutet Barmherzigkeit? Barmherzig ist jemand, der „ein Herz für die Armen hat“, der „von der Not des Armen im Herzen angerührt wird“. In der hebräischen Sprache des Alten Testaments gibt es zwei Wörter für Barmherzigkeit: Unter chesed versteht man die barmherzige Güte oder Gnade, ja Treue, selbst wenn der andere untreu wird. Mit racham bezeichnet man das barmherzige Mitleid, wenn einem das Leid des anderen selber weh tut, wenn man mit ihm mitleidet und ihn von seiner Not erlösen will.

Jesus hat ein Herz für uns, wenn wir in Not sind

So barmherzig ist Gott. Mit seiner Erscheinung an Schwester Faustyna wollte Jesus uns allen zeigen, dass er ein Herz für uns hat, wenn wir in Not sind, dass er innerlich angerührt ist, wenn er uns leiden sieht, dass er immer treu zu uns steht, auch wenn wir untreu geworden sind. Und ganz besonders, dass er immer bereit ist, unsere Sünden zu vergeben, wenn wir ihn darum bitten. Mögen sie noch so groß sein. Ein besonderer Ort der Begegnung mit dem barmherzigen Gott ist das Sakrament der Beichte. Dort heilt er uns von unseren Sünden und schenkt uns viele Gnaden. Das hat auch der selige Charles de Foucauld (1858-1916) in besonderer Weise erfahren. 

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Nach Abwegen kehrte der heilige Charles um zu Gott

Charles hatte kein einfaches Leben. Schon früh starben seine Eltern. Dass großer Reichtum und eine steile Karriere beim Militär noch nicht glücklich machen, musste der junge Franzose bitter erfahren. Er kam zunehmend auf die schiefe Bahn: jede Menge Partys, viel Alkohol und Drogen, ständige Frauengeschichten – und eine tiefe Traurigkeit. An Gott konnte er nicht mehr glauben. In seiner Hilflosigkeit ging er eines Morgens in eine Kirche, um mit einem Priester zu sprechen. „Herr Pfarrer, ich bin nicht gläubig; ich möchte Sie aber etwas fragen…“

Der weise Seelsorger schaute ihn genau an und riet ihm: „Knien Sie nieder und beichten Sie – und Sie werden glauben.“ Charles kniete nieder und legte in dieser Beichte Gott sein ganzes Leben vor. Er hatte nicht wenige Sünden, er spürte aber, dass der barmherzige Gott ihm alles verzieh, und beschrieb die Frucht dieser Beichte so: „Ich erkannte, dass es einen Gott gibt, und konnte nur noch für ihn leben.“ Er hatte in dieser Beichte augenscheinlich die Barmherzigkeit Gottes erfahren, die ihn befähigte, vom ungläubigen Sünder zum großen Heiligen zu werden: Charles wurde Priester und ein Missionar in Afrika, der sich mit großer Hingabe um die Armen und Notleidenden sorgte.

Barmherzigkeit ist keine Einbahnstraße

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lukasevangelium 6,36). Mit diesen Worten trägt uns Jesus auf, die Barmherzigkeit, die Gott uns schenkt, an unsere Mitmenschen weiterzugeben. Das ist manchmal gar nicht so einfach, wie das Leben der niederländischen Christin Corrie ten Boom (1892-1983) zeigt. Als Adolf Hitler während des Zweiten Weltkriegs die Niederlande besetzte und die jüdische Bevölkerung ausrotten wollte, gründete Corrie eine Untergrundorganisation, durch die Juden in Familien versteckt werden konnten.

Als sie dabei ertappt wurde, kam sie mit ihrer Schwester Betsie ins Konzentrationslager Ravensbrück. Dort wurden die Gefangenen von den Nazis furchtbar gequält und Corrie sah auch ihre Schwester qualvoll sterben. Schon im KZ macht sie bei sich selbst und bei anderen die Erfahrung, dass nur Vergebung und Barmherzigkeit die erlittenen Verletzungen heilen können. Um diese Botschaft weiterzugeben, nahm sie nach dem Krieg eine weltweite Vortragstätigkeit auf mit dem zentralen Thema: Vergebung, die nur durch Gottes Hilfe möglich ist.

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Nach einem Vortrag in Deutschland kam plötzlich einer ihrer schlimmsten Peiniger aus dem KZ zu ihr nach vorne. „Eine wunderbare Botschaft, Frau Boom. Wie gut zu wissen, dass Gott, wie Sie sagen, all unsere Sünden abgewaschen hat“, sagte er. „Ich bin in Ravensbrück Aufseher gewesen. Aber das ist vorbei. Nun bin ich Christ und bat Gott um die Möglichkeit, eines der Opfer persönlich um Vergebung zu bitten! Deshalb möchte ich Sie fragen: Können Sie mir vergeben?“ Als er Corrie seine Hand entgegenstreckte, kamen ihr bittere Rachegedanken hoch. Konnte er Betsies langsamen, schrecklichen Tod ausradieren, nur weil er um Vergebung bat? „Doch Jesus war für diesen Mann gestorben“, erinnerte sie sich. „Wollte ich mehr verlangen? »Herr Jesus«, betete ich: »vergib mir und hilf mir, ihm zu vergeben!« Alles dauerte nur ein paar Sekunden, aber ich kämpfte mit dem Schwierigsten, mit dem ich je zu tun hatte. Ich versuchte zu lächeln, bemühte mich krampfhaft, die Hand zu heben, konnte es aber nicht.“

Gott heilt die Welt durch seine Barmherzigkeit

Sie weiß um die Worte Jesu: „Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden“ (Mt 5,7). Wie oft hatte sie über Barmherzigkeit und Vergebung gesprochen! Wie tief hatte sie erfahren: Nur jene, die ihren früheren Feinden vergeben, sind in der Lage, ihr Leben neu in die Hand zu nehmen, ganz gleich, in welchem körperlichen Zustand sie sich befinden. „Und da stand ich nun mit meinem kalten Herzen.“ Und sie betet wieder: „Jesus, hilf mir! Ich kann ihm nicht vergeben. Schenke mir Deine Vergebung!“ 

„Und während ich unbeholfen meine Hand hob und in die seine legte, geschah etwas ganz Unglaubliches: Von meiner Schulter herunter, an meinem Arm entlang und durch meine Hand schien ein Strom von mir auf ihn überzugehen, während mich eine heilende Wärme durchflutete. In meinem Herzen loderte eine Liebe zu diesem Fremden auf, die mich überwältigte. Und unter Tränen konnte ich sagen: ,Ich vergebe dir, Bruder, von ganzem Herzen!‘ Für einige Augenblicke hielten wir uns ganz fest: der ehemalige Wärter und die ehemalige Gefangene. Nie zuvor hatte ich Gottes Liebe so intensiv erlebt wie in diesem Moment. Und so entdeckte ich, dass die Heilung der Welt weder von unserer Vergebung noch von unserer Güte abhängt, sondern allein von seiner Barmherzigkeit.“

Barmherzigkeit ist ein doppeltes Geschenk

Der Barmherzigkeitssonntag und das Bild des barmherzigen Jesus sollen uns daran erinnern, wie schön es ist, Barmherzigkeit zu empfangen und zu geben, von Gott uns immer wieder neu – auch in der heiligen Beichte – die Vergebung der Sünden schenken zu lassen, aber auch unseren Mitmenschen zu verzeihen. Barmherzigkeit vertreibt den Hass, schenkt Frieden und macht richtig froh. Probiere es mal aus!

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