Glaubenskurs

Wir sind frei

Wir können Gott nicht lieben, ohne die Menschen zu lieben: Das Gebet um Heilung bewahrt uns Verbitterung.
Freiheit: Der Engel schickt die verstoßene Hagar zurück zu Abraham und Sarai
Foto: privat | Der Engel schickt die verstoßene Hagar zurück zu Abraham und Sarai. Gott schenkt uns, wie ihr, innere Freiheit.

Das zweite Wochenende unseres Glaubenskurses mit Schwester Theresia Mende aus Wettenhausen steht bevor, wieder wird es drei Einheiten geben. Zwischenzeitlich sind zwei Wochen vergangen, in denen sich vieles von dem, was das erste Wochenende ausgemacht hat – Umkehr, Wandlung und Versöhnung –, bewähren musste. Mir ist aufgefallen, dass prophetische Nachfolge kein süßes Zuckergebäck ist, sondern an vielen Stellen ein innerer Kampf gegen den eigenen Ärger und die Zugkräfte des Bösen: An vielen Webstühlen dieser Welt wird täglich am Netz der Erbsünde gewoben und es ist unmöglich, nicht hineinzutappen.

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Fesseln 

Als Mensch bin ich in Gefahr, mich fesseln zu lassen, bis ich selbst zum Weber werde. Es gibt viele Anlässe, Zurückweisungen und Verletzungen, die es gerecht erscheinen lassen, nach Vergeltung zu rufen. Doch Umkehr meint, diesen Weg nicht zu beschreiten, sondern in Momenten der Versuchung an Jesus zu denken: „Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach!“ Implizit geht diese vierte Einheit auf meine Beobachtung ein, denn es geht diesmal um „Heilung“.

Dass Gott den Menschen nicht im Netz der Sünde hängen lässt, wird uns am Beispiel von Hagar erklärt: Nachdem Abrahams Frau Sarai trotz der Verheißung Gottes noch immer nicht schwanger geworden war, suchte sie eine einfache, von wenig Gottvertrauen geprägte und gar menschliche Lösung für ihr Problem und entschied, ihre ägyptische Sklavin Hagar solle zur Leihmutterschaft für Abrahams gezwungen werden, damit sie ihm und Sarah einen Sohn gebäre. Der von Sarai gewobene Plan ging auf, Hagar wurde schwanger, doch das Unglück wurde damit nur noch größer: Während die Ägypterin nun auf ihre unfruchtbare Herrin spöttisch herabsah, wusste sie, dass ihr ihr Kind bald nach der Geburt weggenommen würde. Als Sarai sie aus Neid hart behandelt, läuft Hagar weg in die Wüste, wo ihr ein Engel Gottes begegnet: „Hagar, Sklavin Sarais, woher kommst du und wohin gehst du?“, fragt er sie.

Gott kommt einfach

Schwester Theresia erklärt: „Sehen Sie, Gott kommt nicht einfach daher und sagt: Hagar, komm in meine Praxis, nach einer kurzen Therapie und der richtigen Medizin geht es Dir wieder gut. Nein, er kommt herab in ihr Elend, spricht Hagar an und fordert sie auf, ihm zu erzählen, was passiert ist.“ Nicht grundlos wird ihr Sohn später Ismael, „Gott hört“, genannt. „Aber Gott hört sie nicht nur an, er sendet sie auch zurück zu Sarai und sagt ihr, sie solle ihre harte Behandlung ertragen.

Ist das nicht allerhand? Enttäuschend und irritierend? Statt zu sagen: ,Ich werde der Sarai schon den Kopf waschen und ihr sagen, wie sie Dich zu behandeln hat!‘, sendet Gott Hagar ohne Erklärung zurück in die Höhle des Löwen!“, und das gilt nach Schwester Theresia auch für uns: „Wir entdecken in dieser Erzählung unsere Realität wieder. Auch wir können den Situationen, in denen wir verletzt werden, nicht entkommen: der Ehe nicht, dem Beruf nicht, der Schule nicht usw. Wir müssen meist wieder zurück und aushalten, auch wenn wir in Gedanken schon längst auf die Flucht gegangen sind. Doch Hagar ist als eine andere Frau zurückgekommen, als eine von Gott geheilte, gestärkte und getröstete.“ Diesen Hagars begegnen wir auch heute noch.

Sprachlos

Schwester Theresia berichtet, wie vor Jahren eine junge Frau im Speyerer Dom bitterlich weinte und ihr über ihr grauenhaftes Leben berichtete: Ihre Mutter war schwanger geworden, als sie selbst noch Schülerin war und gab ihr die Schuld, kein Abitur gemacht zu haben. „Ich habe Dich nicht gewollt!“, habe sie oft zur Tochter gesagt, die mit 14 Jahren von ihrem Stiefvater vergewaltigt wurde, bald an Magersucht litt und einen fehlgeschlagenen Suizidversuch unternahm. Nun saß sie weinend in der Kirche. „Was sagen Sie einem solchen Menschen?

Man kann nichts sagen“, so Schwester Theresia, „aber ich habe sie dann gefragt, ob ich mir ihr beten darf. Ich habe Jesus laut von ihrem Leben erzählt, allen Schmerz vor ihn gelegt. Als ich am Ende die junge Frau fragte, ob sie Jesus noch etwas sagen möchte, betete sie: ,Jesus, ich bin so allein!‘“ Nie zuvor hatte sie gebetet und doch plötzlich den Mut gefunden, allen Schmerz vor Jesus zu tragen. „Gott will den Menschen heilen, er sucht nach dem Spalt in unserem Herzen, durch den er eintreten kann: Doch wir müssen die Menschen zu Jesus führen, so wie der Blinde es nicht allein geschafft hätte, zu Jesus zu gelangen, sondern von anderen getragen wurde.“

Nicht schämen 

In der folgenden Anbetungszeit besteht die Möglichkeit, von den Dominikanerinnen für sich um innere Heilung beten zu lassen: Wer Gott vertraut und bereit ist, denen, die ihm Verletzungen zugefügt haben, zu vergeben, kann seinen Ärger vor Gott bringen. Mir kommt es ein wenig so vor, als würde das Netz der Erbsünde aufgeknüpft dabei. „Schämen wir uns nicht, sondern öffnen wir die Tür unserer inneren Rumpelkammer, damit Jesus alles herausziehen kann, was sich da versteckt hält und uns quält und belastet.

Nur so werden wir freie Menschen, die aufrecht und mit frohem Herzen vor Gott stehen können: ,Zur Freiheit hat Christus uns befreit!‘, sagt Paulus“, und Schwester Theresia lässt mich verstehen, was christliche Freiheit meint: Es geht nicht darum, sich dem täglichen Ärger auszuliefern und einfach nur Resilienz zu beweisen, sich womöglich gar bis an die Grenze des Erträglichen verbittern zu lassen – vielmehr dürfen wir die Knoten lösen, die uns und andere Menschen gefangen halten.
Mir kommt dazu eines meiner liebsten Psalmworte in den Sinn: „Unsre Seele ist wie ein Vogel dem Netz des Jägers entkommen; das Netz ist zerrissen und wir sind frei“, was uns der Zusage Gottes, des Allmächtigen, gewahr werden lässt: „Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn, der Himmel und Erde erschaffen hat.“

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