Ostern

Auszug aus dem Elend der Sünde

Der Zug der Israeliten durch das Schilfmeer ist ein österliches Vorausbild auf die Berufung der Getauften in das Reich Gottes.
Durchzug durchs Rote Meer
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | Ohne Gottes Gnade gibt es keine Chance auf Rettung. Diese Erfahrung der Israeliten – hier dargestellt von Gustave Dore – ist bis heute aktuell.

Erst „verstockte Gott das Herz des Pharao“, um ihn dazu zu bringen, seine mit je drei Mann besetzten 600 Streitwagen in die Todesfalle des Schilfmeeres zu jagen. Dann tanzen die entkommenen Israeliten am Ostufer siegestrunken im Anblick der angeschwemmten toten ägyptischen Soldaten. Sollte diese Lesung aus dem Buch Exodus (14, 15–15, 1) in der Osternacht nicht doch besser aus „pastoralen Gründen“ weggelassen werden, damit nicht auch noch die letzten jungen Leute, die sich nächtens aufgemacht haben, verschreckt werden?

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Durchzug durchs Schilfmeer

Zwar erlaubt die Kirche, die sieben vorgesehenen alttestamentlichen Lesungen der Ostervigil auf drei zu reduzieren, aber sie besteht darauf, dass zu diesen drei der Durchzug durch das Schilfmeer gehören muss. Weglassen geht also nicht. Welche Interpretation des Auszugs enthält die Feier der Osternacht selbst?

Der Schlüssel zur Deutung der Exodus-Lesung ist die Osterkerze. Sie symbolisiert den auferstanden Christus. Im Gesang des Exsultet wird der Auszug aus Ägypten vom Christusereignis her gedeutet. Vor den Lesungen der Vigil hören die Glaubenden in der Lichtfeier die neue Perspektive auf die Heilsgeschichte, die durch die Auferstehung Jesu Christi Wirklichkeit geworden ist: „Gekommen ist das heilige Osterfest, an dem das wahre Lamm geschlachtet ward, dessen Blut die Türen der Gläubigen heiligt und das Volk bewahrt vor Tod und Verderben.

Exsultet

Dies ist die Nacht, die unsere Väter, die Söhne Israels, aus Ägypten befreit und auf trocknem Pfad durch die Fluten des Roten Meeres geführt. Dies ist die Nacht, in der die leuchtende Säule das Dunkel der Sünde vertrieben hat. Dies ist die Nacht, die auf der ganzen Erde alle, die an Christus glauben, scheidet von den Lastern der Welt, dem Elend der Sünde entreißt, ins Reich der Gnade heimführt und einfügt in die heilige Kirche.“

Die sich verzehrende Kerze ist ein Ganzbrandopfer. Wie das „Lamm, das man zum Schlachten führt“ (Jesaja 53, 7), steht sie für den, der „sein Leben als Sühnopfer hingab“ und „nachdem er so vieles ertrug, das Licht erblickt“. „Ägypten“ steht für alle widergöttlichen Mächte der Welt. Somit bedeutet, dem Auferstandenen zu folgen, aus dieser Welt auszuziehen, sich mit der Taufe an ihm festzuhalten und im Glauben und im Leben seiner Kirche auf ihn zuzugehen, bis er uns entgegenkommt und in der neuen Stadt Jerusalem eine ewige Wohnung bereitet.

Auszug und Taufe

Diesen Zusammenhang zwischen Auszug und Taufe stellt das Gebet nach der Exodus-Lesung her: „Einst hast du Israel aus der Knechtschaft des Pharao befreit und durch die Fluten des Roten Meeres geführt; nun aber führst du alle Völker durch das Wasser der Taufe zur Freiheit.“

In der eigentlich schon zur Messfeier gehörenden Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer wird die Gemeinschaft mit Christus in der Taufe grundgelegt: „Wir, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, sind auf seinen Tod getauft worden.“ „Wir wurden ja mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, damit auch wir, so wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln“ (Römer 6, 4).

In der Tauffeier der Osternacht wird mit dem Eintauchen der Osterkerze bei der Taufwasserweihe dieser Zusammenhang sinnfällig vollzogen: „Als die Kinder Abrahams aus Pharaos Knechtschaft befreit, trockenen Fußes das Rote Meer durchschritten, da waren sie ein Bild deiner Gläubigen, die doch durch das Wasser der Taufe aus der Knechtschaft des Bösen befreit sind.“

Prinzip der Heilsgeschichte

Auszug und Einzug sind ein durchgängiges Prinzip der Heilsgeschichte, beginnend mit Abrahams Auszug auf die Weisung Gottes hin: „Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde.“ Die damit verbundene Verheißung: „Ich werde dich zu einem großen Volk machen” erfüllt sich in der Kirche durch die Taufen. Höhepunkt der Osternacht ist die eucharistische Begegnung mit dem Auferstandenen bei Sonnenaufgang am Ostermorgen im Zeichen des geopferten Paschalammes, „das die Sünde der Welt hinweg nimmt.“

Welche Argumente lassen sich gegenüber den eingangs benannten Vorbehalten gegen die Auszugsgeschichte anführen? Entscheidend ist die christologische Perspektive: Gott hat „den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden“, heißt es im zweiten Korintherbrief. Jede ungerechte Gewalt ist damit endgültig besiegt worden.

Impuls zur Bekehrung

Die bereits im Alten Testament verheißene Erneuerung der verhärteten Herzen geschieht im geöffneten Herzen Jesu am Kreuz: Im Raum des Neuen Bundes wird der Mensch zur einmaligen Person. Im Bild vom verwundenden Pfeil, der sowohl Einsicht und Demut, wie auch Abwehr und Verhärtung auslösen kann, hat der Philosoph Robert Spaemann eine Antwort versucht: Wenn Gott das Herz der Pharao verhärtet, „dann heißt das nicht, Gott sei es, der ihn verblendet hat, es ist der gleiche Pfeil, der den einen verblendet und den anderen bekehrt.

Der Impuls zur Bekehrung, der von Gott ausgeht, kann im Menschen einen inneren Widerstand hervorrufen, der Verhärtung bedeutet“. Auf die Erklärung, dass Gott das Böse, zu dem der Mensch neigt, bloß zulasse, antwortet Spaemann mit dem Einwand: „Aber man kann natürlich sagen, das Böse, das jemand nicht verhindert, obwohl er es könnte, ist so, als wenn er es täte.“

Der Eindruck, dass Gott selbst das Böse verursache, entsteht für Spaemann dadurch, dass er „allem Bösen, was geschieht, einen Sinn geben kann, so dass es so erscheint, als hätte es dieses Bösen bedurft“. Beispiel: Der Sühnetod Jesu zur Vergebung der Sünden werde in dem Sinne missverstanden, „als habe Gott diesen Tod gewollt, weil er ihm, der durch die Bosheit der Menschen verursacht wurde, nachträglich einen Sinn gegeben hat, (…)“. Grundsätzlich bleibe für uns das Paradox unauflöslich, das „im Zusammenwirken von menschlicher Freiheit und göttlicher Allmacht“ bestehe.

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Das Theodizeeproblem

Entschieden wendet sich Spaemann gegen die „Generosität des Mitleids“, die darin besteht, die Annahme seiner Gnade von der Bedingung abhängig zu machen, „dass alle gerettet werden“. Zwar folgten die Christen dem Beispiel Abrahams, der für die Rettung von Sodom und Gomorrha betete, dies habe aber nichts mit der „Zurückweisung der eigenen Rettung“ zu tun, „wenn sie der eigenen Bedingung nicht genügt”: „Letzteres ist Hybris, weil es Gnade nicht als mehr als Gnade, sondern als Erfüllung einer Forderung versteht.

Dabei läuft es darauf hinaus, dass Gott schließlich noch dankbar sein soll, wenn wir seine Gnade annehmen.“ Wenn auf diese Weise der Mensch sich zuletzt an die Stelle Gottes setzt, würde das Gut-Sein der Schöpfung und das Gewolltsein des Menschen geleugnet. Damit wäre man das Theodizeeproblem los: „Gäbe es Gott nicht, schmerzten Leid und Schuld zwar nach wie vor, doch würden Fragen und Proteste sinnlos“ (Jörg Splett). Demgegenüber zeigen Tanz und Gesang der Prophetin Mirjam die rechte Antwort auf Gottes Handeln: Dankbar gegenüber Gott wird in der Festfreude Leid nicht geleugnet, sondern Trost aus der Gewissheit seiner Verklärung geschöpft.

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