Ehe und Familie

Achtsam leben - einander verstehen

Zuhören, verstehen, lieben: Pfarrer Martin J. Emge zeigt, wie man in Ehe und Familie wohlwollend und aufbauend liebt
Ein Pärchen in einem Café
Foto: Joseffson via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Die eigenen Wahrnehmungen zu reflektieren und den Partner so anzunehmen, wie er ist, macht eine achtsame Beziehung aus.

Achtsam leben – einander verstehen“ – im Alltag stellt dieses Thema sowohl für jüngere Ehepaare als auch für langjährige Ehen eine Herausforderung dar. Pfarrer Martin J. Emge aus dem Erzbistum Bamberg ist in der Ehe- und Familienpastoral engagiert und leitet Ehepaare dazu an, im Paargespräch ihre Beziehung zu vertiefen. Gegenseitiges Verständnis und ein achtsamer Umgang miteinander zeigen sich in drei Aspekten, erklärt der Seelsorger: dem gütigen, wohlwollenden Verstehen, dem emporbildenden Verstehen und dem ehrfürchtigen Verstehen.

„Ich will dich verstehen“

Gütiges, wohlwollendes Verstehen heißt, den anderen von innen her verstehen wollen. Dabei hilft es, sich selbst die Frage „Was ist dein Anliegen?“ zu stellen. Als Beispiel beschreibt Pfarrer Emge seine Zusammenarbeit mit einer engagierten Frau bei Gottesdiensten. „Diese Frau hat eine hohe Sensibilität. Sie kann sich völlig zurücknehmen, wenn sie Vorschläge macht. Dann ist sie wie eine einzige große Antenne und wartet auf die Resonanz.“ Beim gütigen, wohlwollenden Verstehen gehe es darum, hineinzuhören und ganz wach zu sein für den anderen, mit dem Grundanliegen „Ich will dich verstehen.“ Als innere Haltung dürfe man sich folgendes vor Augen führen: „Der andere ist groß vor mir, ich nehme mich ganz zurück.“

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Trugschlüsse hinterfragen, und erst einmal wahrnehmen

Das emporbildende Verstehen, die zweite Facette, um achtsam miteinander umzugehen, ist der feste Glaube an das Gute im anderen. Frauen müssten lernen, mit der durchaus nicht seltenen Schweigsamkeit ihrer Männer, etwa beim Heimkommen von der Arbeit, umzugehen und sie nicht persönlich zu nehmen. Die Frau solle das Schweigen nicht in dem Sinne bewerten, ob sie etwas falsch gemacht habe, sondern zunächst einmal wahrnehmen, dass der Mann erst seine Ruhe brauche, schildert Pfarrer Emge einen häufigen Fall aus dem Alltag vieler Paare. Umgekehrt müsse sich aber auch der Mann in seine Frau hineinfühlen, wenn sie in den verschiedenen hormonellen Phasen nicht immer in gleicher Form verfügbar sei oder Stimmungsschwankungen habe. 

Die aufgerollte Zahnpastatube annehmen

Den Blick nicht auf die Störelemente, die „Fimmel“ des Anderen zu fokussieren, sondern bewusst an dessen Liebenswürdigkeit und guten Kern zu glauben, das bedeutet emporbildendes Verstehen. Schon nach kurzer Ehezeit fallen so manche Besonderheiten des Partners auf. Da geht es etwa um das begeisterte Sammeln von Briefmarken oder alten Radios, den Klassiker der aufgerollten Zahnpastatube oder unterschiedliche Vorstellungen von Ordnung. Die Bandbreite ist groß, und in einer guten Ehe sollte vieles Platz haben, denn, so der Pfarrer mit einem Augenzwinkern: „Zwanzig Fimmel sind erlaubt, bei jedem – erst ab mehr als zwanzig Eigenheiten wird es ungesund!“ 

Auch bei Kindern: Nicht richten, sondern wahrnehmen

Auch bei der Erziehung der Kinder und den Reibungspunkten im Alltag kommt dem emporbildenden Verstehen ein großer Wert zu.  „Wenn ein älteres Kind ständig am Smartphone hängt und das Zimmer wie eine Räuberhöhle ausschaut: sich nicht zum Richter über das Kind machen und es als faul verurteilen. Der Ansatz ,Ich glaube an das Gute in dir‘ kann in diesem Fall bedeuten, wahrzunehmen, dass ein pubertierendes Kind körperlich noch nicht reif ist und die ständige Müdigkeit einen anderen Grund als Faulheit hat. Und was die Ordnung angeht: vielleicht ist das Kind ein Künstler, der kreatives Chaos braucht?“

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„Was ist deine Lebensaufgabe?“

Das ehrfürchtige Verstehen schließlich deutet auf die geheimnisvolle Ebene der persönlichen Berufung. Im letzten steckt in jedem Menschen eine Berufung, in den Kindern wie im Ehepartner. Gott selbst hat etwas in ihn, in sie, hineingelegt, hebt Pfarrer Emge hervor. Leitmotiv ist hier die behutsame Frage: „Was ist deine Lebensaufgabe?“ Es gilt, sich die Ehrfurcht vor dem Geheimnis im anderen zu bewahren.
Im Alltag handelt es sich also zunächst um die Annäherung an die Denkweise des anderen, weiter um den Glauben an den Schatz im anderen sowie die Ehrfurcht vor der Sendung, die in der Person des Ehepartners steckt. So kann es gelingen, achtsam miteinander zuzugehen. 

Achtsamkeit in zwei Fragen

Zwei Fragen helfen, im Paargespräch der Achtsamkeit auf die Spur zu kommen: 1. Finde die Fimmel – über meine und seine / ihre Eigenarten sprechen 2. Was schätze ich an dir? Sich gegenseitig mitteilen, was ich an ihm, an ihr mag.

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