Mit Leib und Seele lieben

Die Theologie des Leibes von Johannes Paul II. droht, im kirchlichen Streit um Sexualität unterzugehen. Warum wir seine hautnahe Lektüre  des menschlichen Körpers heute brauchen  
Skulptur von Adam und Eva
Foto: imago stock&people | Papst Johannes Paul II. entwickelte die Theologie des Leibes. Anhand des menschlichen Körpers und biblischer Offenbarung dachte er neu über die Natur des Menschen nach.

 Die Theologie des Leibes ähnelt einem hohen Gebirge, das die Wandernden in die unmittelbare Nachbarschaft Gottes erhebt. Der Aufstieg mag viel Zeit und Mühe fordern. Aber wäre das ein Grund, das Gebirge abzutragen oder niedriger zu machen? 
In seinen Katechesen über die Bedeutung des Leibes, der Sexualität und der ehelichen Liebe erklärt Johannes Paul II., dass die Berufung des Menschen groß und schön ist. Doch gleichzeitig ist das menschliche Herz gebrochen. Es muss geheilt und erlöst werden. „Der Mensch ist zum Großen geschaffen – für Gott selbst, für das Erfülltwerden von ihm“, schreibt Benedikt XVI. in der Enzyklika „Spes salvi“. „Aber sein Herz ist zu eng für das Große, das ihm zugedacht ist. Es muss geweitet werden.“

In unserer Gesellschaft und in unserer Kirche werden Ehe und Familie angegriffen. Der Glaube droht, besonders in Europa, zu verdunsten. Eine Pandemie und ein Krieg formen die Welt scheinbar um. Viele fragen sich, wie die Zukunft des Menschen aussehen wird – nicht nur in Europa. Johannes Paul II. bietet in diesen Zeiten mit seiner Theologie des Leibes neue Blickwinkel. 

Hugo St. Viktor legte einen Grundstein

Der mittelalterliche Philosoph, Theologe und Mystiker Hugo von St. Viktor (+1141) spricht von einem „oculus triplex“, einem „dreifachen Auge“ mit dem der Mensch die Natur, sich selbst und sein Inneres, aber auch Gott und was in Gott ist zu schauen vermag. Das „oculus carnis“, das „leibliche Auge“ sieht die sichtbare Welt. Das „oculus rationis“, das ,Auge des Verstandes‘, sieht das, was mit der Ratio über sich selbst und über die Dinge wahrnehmbar ist. Doch mit dem „oculus contemplationis“, dem „Auge der Kontemplation“, vermag der Mensch in sich und über sich Gott und das, was in Gott ist, zu schauen. Nur wenn der Mensch mit allen drei Augen sieht, ist er zu einer umfassenden Erkenntnis fähig. 

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Durch die Sünde des Adam wurde nach Hugo von St. Viktor das kontemplative Auge blind. Und exakt das ist die Realität unseres Lebens. Wir sehen mit unseren leiblichen Augen die Dinge um uns, mit den Augen des Verstandes reflektieren wir Gott, die Welt und uns selber und dennoch bleibt in all dem unser Erkennen nur Stückwerk. Obwohl das Erkennen des Menschen eingeschränkt ist, erschließt Johannes Paul II. anhand der Heiligen Schrift und den menschlichen Erfahrungen den Zugang zu einem tieferen Verständnis des menschlichen Lebens und der Liebe. Er betrachtet den Menschen in seiner ursprünglichen Unschuld, vor dem Zustand der Gebrochenheit. Ihn bewegt die Frage, ob nicht ein „fernes Echo der ursprünglichen Unschuld in die Tiefe des Menschenherzens eingeschrieben“ ist. 

Johannes Paul II.: Liebe auf den dritten Blick

Dieser Weg könnte mit dem „oculus triplex“, dem dreifachen Auge, verglichen werden. Mit dem leiblichen Auge sieht Johannes Paul II. sichtbare Fakten, reflektiert mit dem Auge des Verstandes Zusammenhänge, betrachtet aber mit dem Auge der Kontemplation, was diese Dinge bedeuten. Das Sehen mit dem dritten Auge ist eine wichtige Voraussetzung, um die Theologie des Leibes zu verstehen. Wer nach dem Menschen fragt, stellt nach Johannes Paul II. auch die Frage nach Gott. Wer versucht, die Geschichte der Menschen ohne Gott zu verstehen, kann sie nur oberflächlich verstehen. Johannes Paul II. entwickelte in seiner Theologie des Leibes eine „wahre Anthropologie“, einen „wahren Humanismus“; also einen Humanismus, der nicht nur vom Menschen spricht, sondern immer von Gott und Mensch.

Menschliche Liebe ist kein „weltlich Ding“

Den Titel „Theologie des Leibes“ verwendete Johannes Paul II. als eine Art Arbeitstitel. Der eigentliche Titel seiner Katechesen lautet „Die menschliche Liebe im göttlichen Heilsplan“. Die menschliche Liebe, so stark und verletzlich, so einfach und kompliziert, so leidenschaftlich und tiefgründig, spielt eine Rolle im Heilsplan Gottes für den Menschen. Sie ist nicht einfach nur ein „weltlich Ding“. Sondern, wie es Johannes Paul II. in Katechese 19 sagt: Der Leib ist eine Sichtbarmachung, ja eine Offenbarung des Geistlichen und des Göttlichen. Er ist ein Zeichen, das über sich selbst hinausweist – auf die Liebe Gottes.

Deshalb kann man die menschliche Liebe nur im Gesamt des göttlichen Planes anschauen, betrachten und vertiefen. Sie ist nicht auf eine Liste von Geboten und Verboten zu reduzieren. „Da Gott die Liebe ist und der Mensch als Gottes Ebenbild geschaffen ist, muss man schließen, dass die Berufung zur Liebe sozusagen organisch diesem Abbild eingeschrieben worden ist.“ Mit diesen wenigen Worten aus einer Predigt an die Familien am 12. Oktober 1980 umschreibt Papst Johannes Paul II., was er seit September 1979 in seinen wöchentlichen Katechesen ausführlich dargelegt hat: Der Mensch geschaffen als Abbild der Liebe Gottes – berufen zur Liebe.

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Wojtyla bewegte die Liebe und wie sie uns formt

Diese Berufung zur Liebe ist nicht nur in den Menschen eingeschrieben. Sie muss entdeckt und geformt werden. Diese Formung durch die Liebe scheint bereits dem jungen Karol Wojtyla bewusst gewesen zu sein. In dem Drama „Der Bruder unseres Gottes“ lässt er einen Beichtvater sagen: „Lass dich von der Liebe formen.“ Die ganze Theologie des Leibes ist im Grunde nichts anderes als eine Einladung, sich zu einer größeren Liebe formen zu lassen. Wer die menschliche Natur kennt und seine eigenen Erfahrungen ernst nimmt, erkennt, wie schwach der Mensch ist. 
Nur die authentische Liebe, so Wojtyla, hat die Kraft, den Menschen zu formen. Diese Liebe, von der Wojtyla in seinem Drama schreibt, ist jene Liebe, die die Menschen mit Gott und untereinander vereint. Sie wurde für Karol Wojtyla schon früh der Schlüssel zum Verständnis aller Dinge.

Im Jahr 1944 schreibt er im „Gesang des verborgenen Gottes“: „Die Liebe hat mir alles erklärt, die Liebe hat alles gelöst. Deshalb liebe ich diese Liebe, wo immer sie auch sein mag.“ Mancherorts versucht man, die Theologie des Leibes auf kasuistische Aussagen wie „Das darf man – das darf man nicht“ zu reduzieren. Dabei ist der Gedanke „Lass dich von der Liebe formen“ in gewisser Weise genau das Gegenteil zur klassischen Kasuistik. Diese hält auch in der derzeitigen moraltheologischen Auseinandersetzung des Synodalen Wegs in Deutschland in neuem Kleid wieder Einzug – und ist in dieser Form dem Anliegen der Theologie des Leibes entgegengesetzt. 

Die Theologie des Leibes fällt unter den Tisch

Heute scheint es so, als würde die Theologie des Leibes in den deutschsprachigen Ländern nicht nur nicht rezipiert, sondern bewusst außer Acht gelassen. Daher ist es wichtiger denn je, diese „prophetische Theologie“ des hl. Johannes Pauls II. zu vertiefen und ihre verschiedenen Facetten in den deutschsprachigen Ländern bekannt zu machen. Am 12. November 1988, beim II. Internationalen Kongress für Moraltheologie, sagte Johannes Paul II., dass es sich bei der kirchlichen Sexuallehre nicht um eine vom Menschen erfundene Lehre handele.  Gott selbst habe sie in die Natur des Menschen eingeschrieben und durch die Offenbarung bekräftigt – ein Schluss aus der Theologie des Leibes. 

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Der 2020 verstorbene Eberhard Schockenhoff führte 2019 in seiner Rede auf dem Studientag zur Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz noch aus, dass diese Aussage von Johannes Paul II. ein „theologisch fragwürdiges Offenbarungsverständnis (ist), das in einer deutlichen Spannung zum Konzept der Selbstmitteilung Gottes und zur gegenwärtigen Offenbarungstheologie steht“. Das zeigt, dass das Gesamt der Theologie des Leibes selbst unter den Professoren der Moraltheologie nicht nur unterschiedlich interpretiert, sondern bei einigen schlicht falsch rezipiert worden sein dürfte. Schockenhoff spricht in der Rede auch von der Angst, die Kirche verliere zunehmend an Bedeutung.

Die Liebe Gottes zu verkörpern ist Auftrag und Ermutigung

Vor diesem Hintergrund mag seine Aussage verständlich klingen. Johannes Paul II. aber erklärte schon damals, dass, die Offenbarung so infrage zu stellen, bedeute, „Gott selbst den Gehorsam unserer Intelligenz zu verweigern. Es ist gleichbedeutend damit, das Licht unserer Vernunft dem Licht der göttlichen Weisheit vorzuziehen, um so in die Dunkelheit des Irrtums zu fallen und schließlich andere grundlegende Eckpfeiler der christlichen Lehre zu beeinflussen.“ „Lass dich von der Liebe formen“ ist Auftrag und Ermutigung. Er ergeht auch heute an alle, die Christus authentisch nachfolgen und der größeren Liebe begegnen wollen. Der Mensch, berufen zur Liebe, geformt von der Liebe, wird durch die Liebe immer mehr zu dem, was er bereits ist: Abbild Gottes.

 Zum Autor: Corbin Gams ist Dozent für Theologie des Leibes an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Heiligenkreuz und Mitarbeiter der „Initiative Christliche Familie“ in Österreich. Corbin Gams wird regelmäßig auf dieser Seite über die Theologie des Leibes in Ehe und Familie schreiben.

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