Sowjet-Revival

Wladimir Putin: Auf Stalins Spuren?

Auf Stalins Spuren? Vieles in Putins Russland erinnert an Strukturen und Mechanismen aus der Sowjetzeit: Eine eingehende Betrachtung anlässlich Wladimir Putins 70. Geburtstag.
Ukraine-Krieg - Russland
Foto: dpa/Gavriil Grigorov | 70 Jahre und kein bisschen einsichtig: Wladimir Putin verrennt sich in immer absurdere Vorstellungen der Realität. Dafür bezahlen Menschen mit ihrem Leben.

Wladimir Putin, der am 7. Oktober seinen 70. Geburtstag feiert, ist bereits seit etwa 22 Jahren an der Macht. Länger als Lenin, Chruschtschow, Breschnew, Gorbatschow, Jelzin und andere sowjetische oder russische Führer der letzten 100 Jahre. Lediglich Stalin war etwas länger an der Macht, wenn man das Jahr 1929, in dem er seine letzten innerparteilichen Konkurrenten bezwungen hatte, als Beginn seiner Herrschaft betrachtet.

Wie kann man Putins 22-jährige Herrschaft charakterisieren? Obwohl es Boris Jelzin selbst war, der Ende 1999 Putin zu seinem Nachfolger auserkor, unterschied sich der Herrschaftsstil des neuen Präsidenten von Anfang an von demjenigen seines Vorgängers. Denn zu den wichtigsten Handlungsantrieben Jelzins gehörte die Auseinandersetzung mit dem Erbe der KPdSU, deren Tätigkeit auf dem Gebiet der RSFSR er am 6. November 1991 verbot.

„Deshalb versuchte er Anfang 2022 seine Entourage
auf eine Art Endkampf mit dem Westen vorzubereiten,
wie dies Stalin Anfang der 1950er Jahre ebenfalls getan hatte“

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Im Zentrum der Aufmerksamkeit Putins stand hingegen nicht die Auseinandersetzung mit dem diktatorischen Erbe Russlands, sondern umgekehrt der Versuch, die Folgen der demokratischen August-Revolution von 1991 wie auch des Treffens im belarussischen Viskuli vom 8. Dezember 1991, das die Auflösung der UdSSR beschlossen hatte, rückgängig zu machen. Da die beiden Ereignisse untrennbar mit der Person Jelzins verbunden waren, stilisierte sich Putin zu einer Art Anti-Jelzin. Die 1990er Jahre, in denen Jelzin die Entwicklung des Landes geprägt hatte, wurden von den regierungstreuen Medien als die Zeit des vollständigen Chaos und Verfalls dämonisiert.

Die Moskauer August-Ereignisse von 1991, die zur Entmachtung der seit November 1917 herrschenden kommunistischen Partei führten, hinterließen bei Putin und seinen Gesinnungsgenossen ein ähnlich tiefes Trauma wie die später erfolgten farbigen Revolutionen im postsowjetischen Raum. Als Wortführer der 1991 entmachteten sowjetischen Eliten versuchte Putin seit seiner Wahl zum russischen Staatspräsidenten eine Doppelstrategie zu entwickeln, um vergleichbare Akte des zivilen Ungehorsams unmöglich zu machen. Einerseits demontierte er Stück für Stück beinahe alle zivilgesellschaftlichen Strukturen, die in Russland in der Gorbatschow- und in der Jelzin-Ära entstanden waren. Andererseits versuchte er die Bevölkerung an das von ihm errichtete System durch eine Art „Liebeserklärung“ an die russische Nation emotional zu binden.

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Wie zu Sowjetzeiten: Abschied aus der Moderne

Diese Doppelstrategie erinnert an die Vorgänge, die in der stalinistischen UdSSR kurz nach der Bezwingung des Dritten Reiches im Jahre 1945 stattfanden. Während des deutsch-sowjetischen Krieges fand in der Sowjetunion ein Vorgang statt, den der Moskauer Historiker Michail Gefter nachträglich als „spontane Entstalinisierung“ bezeichnete. Das stalinistische Regime, das seit Kriegsbeginn mit einer beispiellosen Gefahr konfrontiert worden war, hatte keine andere Wahl als die halbherzige Duldung der partiellen Emanzipation seiner Untertanen, die nun als Verteidiger der bedrohten Heimat zu einem neuen Selbstbewusstsein gelangten. Doch: Mit äußerster Schärfe wandte sich Stalin gegen die auf Peter den Großen zurückgehende Tradition der Nachahmung des Westens. Auch im heutigen Russland, insbesondere nach dem Beginn des schändlichen Angriffskriegs gegen die Ukraine, lassen sich vergleichbare Entwicklungen beobachten.

Obwohl Putin die territorialen Eroberungen Peters des Großen mit Nachdruck lobt, wendet er sich aber, ebenso wie seinerzeit Stalin, von dem eigentlichen petrinischen Vermächtnis gänzlich ab und schließt das vor 300 Jahren geöffnete Fenster Russlands nach Europa wieder. Ähnlich wie in der spätstalinistischen Zeit wird das „Eigene“ über alle Maßen verklärt und das „Fremde“ dämonisiert. Der Innovationsgeist, der sich ohne einen grenzüberschreitenden, freien Diskurs nicht entfalten kann, wird abgewürgt. Das Land verliert erneut den Anschluss an die Moderne, aber nicht nur an die Moderne, sondern auch an die Realität.

 

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Gespenstische Propaganda, Flucht aus der Realität

Die gespenstische Parallelwelt, die die offiziellen russischen Medien entwickeln, wird nun von den Putinschen Propagandisten für die einzig adäquate Realität erklärt und jede Infragestellung dieses Phantasiegebildes als kriminelles Delikt angesehen. Diese Flucht vor der Realität ähnelt durchaus dem Stalinschen Fiktionalismus, in dem die wahren Sachverhalte buchstäblich auf den Kopf gestellt wurden. Zu der von Putin erschaffenen Pseudorealität passt es, sich als Amateurhistoriker zu betätigen. Dies betrifft seine Leugnung der Eigenständigkeit der ukrainischen Nation. Aber nicht nur die Schaffung von Pseudorealitäten verbindet die Putin-Ära mit der spätstalinistischen Zeit.

Eine andere Parallele betrifft die permanente Radikalisierung des außenpolitischen Kurses Moskaus. Die Endkampfstimmung, die Stalin in seinen letzten Herrschaftsjahren zu erzeugen suchte, ähnelt derjenigen, die sich im Putinschen Russland etwa nach dem Afghanistan-Debakel des Westens vom August 2021 zu verbreiten begann. Bereits im September 2021 meldete sich einer der radikalsten Verfechter der imperialen Revanche im postsowjetischen Russland und Spezialist für „Endkampfszenarien“, Alexander Dugin, zu Wort. Er schrieb: „Amerika ist schwächer als je zuvor. Und das müssen wir ausnutzen“.

Putins fatale Fehleinschätzung des Westens und der NATO

Putin, der in den früheren Jahren, eine gewisse Distanz zum Duginschen Extremismus bewahrt hatte, war anscheinend ähnlich wie Dugin der Meinung, dass die USA und die NATO nun ihre Handlungsfähigkeit gänzlich eingebüßt hätten. Deshalb versuchte er Anfang 2022 seine Entourage auf eine Art Endkampf mit dem Westen vorzubereiten, wie dies Stalin Anfang der 1950er Jahre ebenfalls getan hatte. Dennoch erwiesen sich beinahe alle Prämissen Putins als falsch. Der geplante „Blitzkrieg“ gegen die Ukraine fand aufgrund des heroischen Widerstandes des überfallenen Landes bekanntlich nicht statt, die NATO erwies sich als durchaus handlungsfähig und die EU fand infolge ihrer vorbehaltlosen Solidarisierung mit dem Opfer der russischen Aggression ihr seit langem vermisstes Narrativ (Werner Weidenfeld) wieder.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Putin, ausgerechnet am Vorabend seines 70. Geburtstages, sein Land in eine katastrophale Krise hineinmanövriert hat, die sein despotisches System wohl kaum überdauern wird. Wird Russland demnächst eine „Entputinisierung“ erleben?


Überarbeitete und aktualisierte Fassung eines Textes, der am 22. Juni 2022 im Online-Debattenmagazin „Die Kolumnisten“ erschienen ist.

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