Geopolitik

Man kann ein erstaunliches Comeback des Westens beobachten

Wenn Wladimir Putin dachte, dass die Vereinigten Staaten und Europa schlafen würden, so hat er sich getäuscht. Mit neuer Kraft und Einheit stehen die Länder zusammen, die für Friede, Wohlstand und Demokratie kämpfen. Ein Rückblick nach vorn.
Nato-Generalsekretär Stoltenberg trifft Außenministerin Baerbock
Foto: John Macdougall (AFP-Pool) | Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg und Annalena Baerbock, Außenministerin, vor den Flaggen der NATO, der EU und der Bundesrepublik Deutschland: Der Westen hat für viele ehemalige Länder des sogenannten Ostblocks ...

Ganz konkret begonnen hat es im Grunde mit der Wahl von Michail Sergejewitsch Gorbatschow zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPDSU) im Jahr 1985. Weil Gorbatschow – selbst ein Mann des Systems – begriff, dass die wirtschaftlichen und politischen Schwächen seines Landes irgendwann zum Kollaps führen würden, wenn es nicht gravierende Reformen gäbe,  konsequent handelte. Und erfand Perestroika und Glasnost und reformierte sein marodes System dann  so sehr, dass es tatsächlich zusammenbrach. Ein Kollateralschaden, würde man heute sagen.

Viele Aspekte über diesen Beginn in die neue Zeit wären zu erwähnen, etwa über den deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD), der zwar aus der Partei stammte, die die neue Ostpolitik Willy Brandts entwickelt und auf den Weg gebracht hatte, der aber gleichzeitig ein klares westliches Koordinatensystem hatte, und der wusste, was Schwarz und Weiß, was Gut und Böse bedeutet. Schmidt setzte innerhalb des westlichen Verteidigungsbündnisses NATO den sogenannten "Doppelbeschluss" durch, als die Sowjetunion begann SS 20-Raketen aufzustellen und Westeuropa zu bedrohen und damit auch Deutschland. 
So eine SS-20-Rakete ist 16,5 Meter lang, hat ein Startgewicht von 37 Tonnen und kann mit atomarer Ladung die achtzigfache Sprengkraft der Hiroshima-Bombe entwickeln. Das möchte man nicht vor der Haustür haben, zumal so eine Flugzeit aus Russland nur wenig mehr als eine Stunde gedauert hätte, vom Gebiet der DDR wenige Minuten bis zum Einschlag.

„Den Menschen in der Ukraine, die in diesen Tagen ihren Mut und ihre Freiheitsliebe
vor den Augen der Welt unter großen Opfern beweisen,
kann man nur wünschen, dass auch sie den Weg in eine bessere Zukunft finden,
ohne unter dem Joch des einstigen KGB-Mannes aus Dresden leben zu müssen“

Völlig inakzeptabel also, das fand auch Schmidt. Deshalb der Doppelbeschluss   entweder die Sowjetunion lässt das bleiben mit den SS-20 und der atomaren Bedrohung, oder die Amerikaner stellen gleichwertige Pershing-Raketen auf, die genauso schnell den Roten Platz in Moskau treffen können. Es kam wie es kam, es wurde abgerüstet.

Die 80er Jahre, das war die Zeit, die alles veränderte. In der Dinge geschahen, die man für unmöglich gehalten hatte. Es war die Zeit, in der ein polnischer Papst die Welt veränderte. Als der neu gewählte Ponitfex mit dem Namen Johannes Paul II. – vorher Kardinal Karol Woityla – auf den Balkon des Vatikans trat und den zahllosen Menschen auf dem Petersplatz zurief "Fürchtet Euch nicht", da begriff niemand, dass der in Wadowice geborene Sohn eines Schneiders und einer Hausfrau das genauso meinte, wie er es sagte: Fürchtet Euch nicht!

Seine Botschaft: Begeben wir uns gemeinsam auf eine große Reise, die Welt für Christus zu gewinnen  und den gottlosen kommunistischen Staaten, ganz nebenbei, den Garaus zu machen!

Ein Papst aus Polen - ein Schock für Kommunisten

Lesen Sie auch:

Es sind Bücher darüber geschrieben worden, Jahre später, nachdem es die Sowjetunion nicht mehr gab und Protokolle von Sitzungen des Politbüros in Moskau veröffentlicht wurden, wo angesichts der Wahl "eines Polen" auf den Stuhl Petris blankes Entsetzen herrschte. Man hielt es sogar für möglich, der amerikanische Geheimdienst CIA habe bei der Wahl Woitylas im Konklave seine Finger im Spiel gehabt.

Neben der Wahl des polnischen Papstes waren die Streiks auf der Werft in Danzig bedeutend für die weitere Entwicklung, die tapferen Arbeiter, die mit großen Plakaten ihres katholischen Anführers und Rosenkränzen in ihren Händen der Staatsmacht und dem Kriegsrecht trotzten, weil Gott auf ihrer Seite war. Und die   bis dahin unvorstellbar im kommunistischen Machtbereich   eine vom Staat unabhängige Gewerkschaft namens Solidarnosc gründeten, der sich Hunderttausende anschlossen. All das übrigens vor der Zeit Gorbatschows, aber es zeigt eine große Entwicklung, die sich ganz vorsichtig andeutete, als dieser Papst gewählt wurde.

Kirche und Papst haben dazu beigetragen, die Sowjetdiktatur niederzuringen

Und als am 13. Mai 1981 ein Mann namens Mehmet Ali Aca auf dem Petersplatz in Rom drei Schüsse auf den charismatischen Papst abfeuerte und ihn schwer verletzte, war das wohl auch kein zufälliges zeitliches Zusammentreffen. In Moskau herrschte die alte Nomenklatura, dieser polnische Papst war ihnen lästig geworden. Ist es verwegen, anzunehmen, dass die Entscheidung, das Oberhaupt der katholischen Weltkirche zu töten, dort gefällt wurde? Und dass der bulgarische Geheimdienst mit Herrn Aca die Schmutzarbeit übernahm?

Allein über die Rolle des polnischen Papstes im Niederringen des kommunistischen Machtbereichs sowjetischer Prägung könnte man nahezu endlos weiterschreiben, auch von dem katholischen Chef des mächtigen amerikanischen Geheimdienstes CIA, William Casey. Der schaute alle paar Monate mit Geheimunterlagen und Fotos im Vatikan vorbei, um dem Papst zu berichten, was die Amis über die Pläne Moskaus mit Polen wussten und Internas der Machthaber in Warschau auszubreiten.

Die richtigen Menschen zur richtigen Zeit an den richtigen Stellen

Lesen Sie auch:

Karol Woityla löste die Entwicklung aus, Michail Sergejewitsch Gorbatschow begriff und leitete Reformen ein, aber dann waren da noch weitere politische Anführer, die – zufällig? – zur selben Zeit an der richtigen Stelle waren. Der amerikanische Präsident Ronald Reagan   "Mr. Gorbatshev, tear down this Wall!"  mit seinem klaren antikommunistischen Kompass. Die starke britische Premierministerin Margret Thatcher und der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl aus Oggersheim, den Gegner und Medien verlachten und nicht ernst nahmen. Und der über sich hinauswuchs, als der "Mantel der Geschichte" wehte, wie er das selbst formulierte, nachdem er   ohne es irgendjemandem vorher zu erzählen   seiner Gattin Hannelore einen Zehn-Punkte-Plan zur Deutschen Einheit in eine Reiseschreibmaschine diktiert hatte.

Mit Günther Schabowski, einem hochrangigen SED-Funktionär, der sich am 9. November 1989 etwas ungeschickt vor der Ost-Berliner Presse ausdrückte über Reiseerleichterungen für die ostdeutschen Bürger, rollte dann eine Lawine, die nicht mehr zu stoppen war   höchstens durch den massiven Einsatz militärischer Gewalt durch die sowjetische Besatzungsmacht. Doch die wollte, vielleicht konnte nicht mehr.

Eine schmachvolle Erfahrung für Putin

Lesen Sie auch:

Und in der Residentur des russischen Geheimdienstes KGB begann ein KGB-Oberstleutnant namens Wladimir Wladimirowitsch Putin geheime Unterlagen zu schreddern und Schreibtischutensilien in Kisten zu packen. Niemand hätte für möglich gehalten, dass dieses unscheinbare Rädchen im großen Getriebe, dieser Apparatschik, heute die Welt mit einem brutalen Krieg in der Ukraine in Atem halten würde. Und sehr wahrscheinlich wurde in diesen Tagen bei Putin, dem Geheimdienstmann, der in Schande abziehen musste, weil "sein System" gegen den Westen verloren hatte, damit der Samenkorn im Kopf gepflanzt, der sein heutiges Vorgehen erklärt. Seinen unbändigen Willen, die alte Macht der Sowjetunion so weit wie möglich wieder herzustellen.

Vom Ende der Geschichte sprach man damals, als die Mauer gefallen war. Ich hatte als Journalist das Privileg, diese Tage miterleben zu dürfen in Berlin. Die Nacht des 9. auf den 10. November mit einem Kopfhörer auf und einem Mikrofon in der Hand mitten im Getümmel an der Bernauer Straße sein und berichten zu dürfen. Den Regierenden Bürgermeister, Walter Momper mit dem roten Schal, auf Schritt und Tritt begleiten zu können, auch auf seinen Reisen nach London und Paris. Ich war mit dem unvergessenen Außenminister Hans-Dietrich Genscher unterwegs und mit Bundeskanzler Helmut Kohl. Auch meine berufliche Lebensgeschichte wäre anders verlaufen ohne alle diese Ereignisse. Alles hängt mit allem zusammen.

„Einigkeit und Recht und Freiheit“ - ein „Ende der Geschichte“?

 

 

Als am 3. Oktober 1990 vor dem Reichstag in Berlin die deutsche Einheit nach 28 Jahren Teilung vollendet wurde, und als die große schwarz-rot-goldene Fahne aufgezogen und der Klang der Freiheitsglocke vom Schöneberger Rathaus übertragen wurde, berichtete ich live für zwei Dutzend private Radiosender überall in Deutschland. Und als die mehr als eine Million Menschen dann "Einigkeit und Recht und Freiheit" anstimmten, legte ich meinen Kopfhörer und das Mikrofon beiseite und sang mit lauter Stimme mit.

Hat der Westen, haben wir also gewonnen damals? Endete die Geschichte 1991, als der Warschauer Pakt aufgelöst wurde? Für ein paar Jahre sah es so aus, doch dann kamen andere Anführer, das Leben der einfachen, ganz normalen Menschen veränderte sich, viele wurden überfordert durch die neue Zeit, durch neue Eindrücke. Viele verloren aus den Augen, was wichtig ist. Viele vergaßen, wer wir sind und wo wir sind. Nichts verdeutlicht das vielleicht so, wie der traurige Zustand unserer deutschen Bundeswehr, als man sie wieder brauchte. Das war ja vorher nicht mehr nötig, wir sind ja alle Freunde auf der Welt. Pustekuchen!

13 Staaten wissen, weshalb sie sich „dem Westen“ angeschlossen haben

Lesen Sie auch:

Der Krieg des blässlichen ehemaligen KGB-Offiziers, heute noch der mächtigste Mann im Kreml, gegen die Ukraine ist ein neuer historischer Wendepunkt. Denn er hat uns gezeigt, wie fragil die internationale Ordnung ist. Und erstaunlicherweise sind es wieder gerade die Polen, die auf der richtigen Seite der Geschichte stehen, mit unverrückbarem Kurs, konsequent auf der Seite der Freiheit – so wie 13 andere frühere Staaten der Sowjetunion und des Warschauer Paktes auch, die heute Mitglieder der NATO und der EU sind. Gut, dass US-Präsident Joe Biden in dieser Woche auch einen Abstecher nach Warschau macht.
Es ist ein Drama, dass es die Ukraine nicht mehr rechtzeitig geschafft hat. Weil Angela Merkel es blockierte. Den Menschen in der Ukraine, die in diesen Tagen ihren Mut und ihre Freiheitsliebe vor den Augen der Welt unter großen Opfern beweisen, kann man nur wünschen, dass auch sie den Weg in eine bessere Zukunft finden, ohne unter dem Joch des einstigen KGB-Mannes aus Dresden leben zu müssen.

Der „Westen“ ist zurück, weil Putin den „Kalten Krieg“ wiederbelebt

Der erste Kriegsmonat in der Ukraine hat einen Nebeneffekt ausgelöst, der für uns alle noch einmal sehr wichtig wird. Der Westen ist zurück auf der Weltbühne, nicht kriegerisch, nicht aggressiv wie die andere Seite, aber konsequent im Handeln nach der Aggression gegen die Ukraine, sich seiner Kraft wieder bewusst. Und sogar die Bundeswehr soll jetzt wieder eine richtige Armee werden.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion schien der Kalte Krieg vorbei zu sein. Ein Irrtum. Er ist wieder da   und mit ihm zeigt sich, wie profiliert der Westen immer noch ist, auch wenn es so scheinen konnte, als sei er ebenfalls von der Bühne abgetreten. 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Klaus Kelle DDR Glasnost Helmut Kohl Helmut Schmidt Jesus Christus Joe Biden Johannes Paul II. Margaret Thatcher Michail S. Gorbatschow NATO-Doppelbeschluss NATO Papstwahlen Ronald Reagan Russische Regierung SPD Weltkirche Willy Brandt Wladimir Wladimirowitsch Putin

Kirche

Der Orientierungstext, der die theologischen Grundlagen behandelt, betont einseitig die Veränderlichkeit der Tradition, so der Philosoph Berthold Wald.
27.09.2022, 12 Uhr
Vorabmeldung
Frauengestalten der frühen Kirche müssen dafür herhalten, heute die Zulassung von Priesterinnen und Diakoninnen zu fordern. Textkritische Befunde geben das allerdings nicht her.
27.09.2022, 19 Uhr
Sebastian Moll
Kardinal Woelki hält an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie fest und hofft in Sachen Konkordat auf eine baldige Einigung zwischen der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen und ...
27.09.2022, 07 Uhr
Vorabmeldung