Bundeskanzler

Helmut Kohl war ein Glücksfall für Deutschland

Vor fünf Jahren, am 16. Juni 2017, starb Helmut Kohl   einer der bedeutendsten Bundeskanzler der Bundesrepublik. Er verfügte über viele erstaunliche Fähigkeiten, die zu Lebzeiten von manchen gern verdrängt wurden.
Alt-Kanzler Helmut Kohl am 19.1.2000
Foto: Kay_Nietfeld (dpa) | Gerührt beobachtet der Alt-Kanzler Helmut Kohl am 19.1.2000 nach seiner Rede über "Deutschlands Zukunft in Europa" den Applaus der rund 800 geladenen Gäste in der Hamburger Handelskammer

Für mich war die Kanzlerschaft Helmut Kohl (1982 1998) ein Glücksfall für Deutschland und Europa. Dieser Bundeskanzler hat nie ein deutsches Europa angestrebt, sondern immer ein europäisches Deutschland. Er war ein deutscher Patriot, kein Nationalist. Er wusste die deutsche Einheit davon abhängig, dass die Europäer, die alle unter der deutschen Hybris im Zweiten Weltkrieg gelitten hatten, dem neuen Deutschland als europäischer Zentralmacht Vertrauen entgegenbrachten.

Helmut Kohl hat den Versuch gemacht, sein politisches Handeln aus seinem christlichen Glauben zu legitimieren und seiner christlich verstandenen Weltverantwortung gerecht zu werden. Als ebenso überzeugter wie kritischer und praktizierender Katholik hat er gewusst, dass ohne den Segen Gottes nichts gelingen kann. Auch seinen Beitrag zur Überwindung der Spaltung Deutschlands und des Kontinentes hat er als Gnade Gottes begriffen. Die deutsche Einheit gelang, weil Kohl es verstand, sie mit den Prozessen der europäischen Einigung kunstvoll zu verweben. Dafür erfand er die Formel: deutsche Einheit und europäische Einigung sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Er war zeit seines Lebens ein ehrlicher Makler der europäischen Idee, der nie die kleineren und ökonomisch schwächeren Länder dominieren wollte. 

„Leidenschaft, Verantwortungsgefühl, Augenmaß, Kampfbereitschaft, Darstellungskraft
und Geschichtsbewusstsein bilden eine unauflösliche Einheit politischer Führungsqualitäten“

Vor allem aber hat er es verstanden, seine politischen Gesprächspartner zu Freunden zu gewinnen, denn seine Neugier auf Menschen war grenzenlos. So hat er auf der europäischen und internationalen Bühne jenes Vertrauenskapital angehäuft, das dann 1989/90 die außen- und innenpolitischen Modalitäten der deutschen Vereinigung ermöglichte. Besonders geschätzt habe ich Kohls Fähigkeit, unterschiedliche Interessen, Positionen und Temperamente zu integrieren. Als Bundeskanzler war er ein Meister der Zusammenfassung und Strukturierung von Ergebnissen, wobei er stets bemüht war, den Zeitpunkt der Entscheidung zu bestimmen. Über das Timing als Erfolgsvoraussetzung wird in der Politik viel geredet und in der Politikwissenschaft viel zu wenig geforscht.

Es ist zu vermuten, dass nicht nur die Souveränität über die politische Agenda, sondern vor allem jene über den Zeitpunkt der Entscheidung ein wesentliches Element der politischen Führung ist, für die die Kanzlerschaft Kohls ein lehrbuchfähiges Beispiel ist. Sie bestand nicht nur aus Technik – sie hatte auch eine intellektuelle und emotionale Substanz, die über den Erwerb von Macht und ihre Sicherung hinausging. Kohl hatte eine Vision, wie Deutschland in eine gesicherte Zukunft zu führen sei. Er hat bis 1989 alles vermieden, was als Hemmnis für eine künftige Wiedervereinigung seines Landes hätte wirken können, und er hat davor und danach alles getan, um das Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen zu stärken.

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Er war offen, kontaktfreudig und neugierig auf Menschen

Ich erinnere mich besonders gerne an die sogenannte Privatreise des Bundeskanzlers in die DDR. Sie fand Ende Mai 1988 statt. Helmut Kohl, seine Frau Hannelore, sein Sohn Peter, Regierungssprecher Friedhelm Ost und ich besuchten unangemeldet Gotha, Erfurt, Weimar, Leipzig und Dresden. Auf dieser Reise erlebten wir einmal mehr einen Bundeskanzler, der mühelos Kontakt mit allen Menschen aufnehmen konnte. Sie spürten seine Neugierde und sein Engagement für die Wiedervereinigung. In diesen drei Tagen erhielten wir mehrere Hundert Ausreisewünsche in die Hände gedrückt. Ob beim Spaziergang über die Straßen, ob in den Kirchen, in der Oper oder im Fußballstadion, überall konnten die Bürger kaum glauben, einen Bundeskanzler zu erleben, der sich ein eigenes Bild von der Situation in der DDR machen wollte. Als ich nach 1990 einen Bericht der natürlich auch bei dieser Reise omnipräsenten Stasi in die Hand bekam, musste ich lachen. Denn die Berichterstatter versicherten ihrer Führung in Ostberlin, dass niemand den Besucher aus Bonn erkannt hätte.

Als sich dann eineinhalb Jahre später die historische Chance für die Wiedervereinigung zeigte, hat Helmut Kohl mit seinem Zehn-Punkte-Plan beherzt die Initiative ergriffen und den bei den Massendemonstrationen in der DDR erkennbaren Willen des Volkes zur Einheit Deutschlands innen- und außenpolitisch umgesetzt. Gleichzeitig hat er den europäischen Einigungsprozess kraftvoll nach vorn getrieben und durch die Konzeption einer gemeinsamen Währung irreversibel gemacht.

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Ein beharrlicher politischer Langstreckenläufer

Beeindruckt hat mich Helmut Kohl immer wieder durch seine Gelassenheit angesichts der politischen und publizistischen Angriffe. Es zeigte sich im Laufe der Jahre, dass Häme als Motiv der Kritik an der Beharrlichkeit eines politischen Langstreckenläufers nichts erreichen konnte. Im Gegenteil: Das Erinnerungsvermögen der Nachdenklichen an die Maßlosigkeit der politischen und journalistischen Angriffe lenkte die Aufmerksamkeit auf die Langfristigkeit und Zieladäquanz der Kohlschen Politik. Dass die Opposition viele Jahre lang die Beharrlichkeit Helmut Kohls als "Aussitzen" verächtlich machte, mag verstehen, wer will. Es ist komisch, wenn die gleichen Leute die gleiche Methode später als "Politik der ruhigen Hand" glorifizierten.

In das Geschichtsbuch der Deutschen und der Europäer hat sich Helmut Kohl mit seiner unverwechselbaren Handschrift eingetragen. Der politische Erfolg des gelernten Historikers hat deshalb nicht zuletzt damit zu tun, dass er politische Schlussfolgerungen aus der katastrophengebärenden Geschichte Deutschlands in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gezogen hat. Helmut Kohl war der letzte Bundeskanzler, der noch als Jugendlicher die Schrecken des Zweiten Weltkrieges erlebt hatte. Sein politisches Engagement entsprang dem unbedingten Willen zu „Nie-wieder-Krieg“. Ihm war immer bewusst, dass diese entschiedene Absage an militärische Gewalt auch symbolischer Formen bedurfte. Dass es gelungen ist, den auf Kulturföderalismus pochenden Ländern zwei Geschichtsmuseen und eine zentrale Gedenkstätte abzutrotzen, ist allein seiner Hartnäckigkeit zu verdanken. Und auch das vom Bundestag beschlossene Mahnmal für die ermordeten Juden Europas ist seiner Initiative geschuldet.

Die belächelte Vision: blühende Landschaften

Von Max Weber haben wir gelernt: Leidenschaft, Verantwortungsgefühl, Augenmaß, Kampfbereitschaft, Darstellungskraft und Geschichtsbewusstsein bilden eine unauflösliche Einheit politischer Führungsqualitäten. Dazu gehört auch die Fähigkeit, sich vom Pyrrhus-Prinzip der Politik nicht entmutigen zu lassen. Damit ist jenes eigentümliche Gesetz der Politik gemeint, das seine augenscheinlichen Erfolge im öffentlichen Bewusstsein in so seltsamer Weise diminuiert. Als Beispiel mag die Kohlsche Formulierung von den "blühenden Landschaften" dienen. Kohl hat seinerzeit nicht von der blühenden Landschaft im Singular geredet, die bald in den neuen Bundesländern entstehen würde, sondern er hat den Plural gewählt, um seine Vision zu kennzeichnen, nach der aus einer Vielzahl von lokalen Neuanfängen irgendwann größere blühende Regionen entstehen. Wer heute die neuen Länder mit offenen Augen und ohne parteipolitische Voreingenommenheit bereist, kann diese blühenden Landschaften überall erkennen.


Helmut Kohl. Was bleibt? 
Herausgegeben von Aljoscha Kertesz, Engelsdorfer Verlag, 2022, 404 Seiten, 
ISBN-13: 978-3969403297, EUR 16,00


Zum Autor: Prof. Dr. Wolfgang Bergsdorf hat nach Studium und Promotion in Politikwissenschaft Helmut Kohl seit 1973 begleitet. Er war zunächst Pressesprecher der Landesvertretung Rheinland-Pfalz in Bonn unter dem Ministerpräsidenten Helmut Kohl und dann Leiter des Büros des Parteivorsitzenden der CDU. 1982 übernahm er als Ministerialdirektor die Inlandsabteilung des Presse-Informationsamtes der Bundesregierung, ab 1993 die Abteilung für Kultur und Medien des Bundesinnenministeriums. Von 2000-2008 war er Präsident der Universität Erfurt, von 2007-2015 Präsident der Görres-Gesellschaft.

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