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„Diplomatisch neutral, niemals aber moralisch neutral“

Augsburgs Bischof Bertram Meier spricht über die Rolle der katholischen Kirche im Ukrainekrieg und den Bruch innerhalb der Orthodoxie.
Bischof Bertram Meier
Foto: Nicolas Armer (dpa) | Bischof Bertram Meier kennt die Lage in der Ukraine aus eigener Anschauung. Der Vorsitzende der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz war zuletzt Anfang April vor Ort.

Exzellenz, welche Rolle spielen die katholische Kirche und die anderen christlichen Gemeinschaften für die kriegsgeplagte Bevölkerung in der Ukraine?

Die Kirchen – orthodox und katholisch, in geringerem Maß auch protestantisch – sind ein prägender, aber nicht dominierender Faktor der ukrainischen Gesellschaft. In der jetzigen Kriegssituation vermitteln sie Hoffnung und Zuversicht, ohne zu Propagandisten eines billigen Optimismus zu werden. Die Aufgabe, die sich den Kirchen derzeit vor allem stellt, ist der pastorale Dienst an den Opfern. Ich hatte während meiner Reise Anfang April Gelegenheit, auf einem Friedhof in Brovary, einer Gemeinde in der Nähe der Hauptstadt, Angehörigen von gefallenen Soldaten zu begegnen. Wir sind von Grab zu Grab gegangen und haben für die meist jungen Männer gebetet, die ihr Leben im Krieg verloren haben. Der Priester, der uns begleitete, kümmert sich Tag für Tag um die Eltern und Ehepartner der Verstorbenen. Hier wird etwas vom unersetzlichen Dienst der Kirchen deutlich. Das gilt auch für die Militärseelsorger, die den Soldaten im Kampf nahe sind, ohne zu Einpeitschern des Krieges zu werden. Und daneben gibt es das weite Feld der diakonischen Hinwendung zu den Menschen. Ich habe mit Vertretern kirchlicher Stiftungen und der Caritas gesprochen, die sich um all jene kümmern, die durch den Krieg Schaden an Leib und Leben genommen haben oder die (z.B. durch Bombardements) ihrer materiellen Lebensgrundlage verlustig gingen. Auch diese diakonische Arbeit wird von den Kirchen in der Ukraine professionell und empathisch zugleich angegangen. Die katholischen Kirchen entfalten dabei besondere Stärken. Hier wirkt sich die Tradition der kirchlichen Soziallehre aus, die den Katholizismus weltweit auszeichnet.

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Befördert die Not die Ökumene innerhalb der Ukraine?

Tatsächlich stehen die Kirchen Seite an Seite in ihrem Einsatz für das Existenzrecht des ukrainischen Staates und die Freiheit der ukrainischen Nation. Sie arbeiten auch in ökumenischen Gremien gut zusammen, um eine gemeinsame christliche Stimme in die Gesellschaft einzubringen oder sich in praktischen Fragen (z.B. in der Militärseelsorge) abzustimmen. Sehr grundlegende Spannungen gibt es weniger zwischen Katholiken und Orthodoxen als vielmehr zwischen den orthodoxen Kirchen.

Wie schwer ist das Verhältnis zur russisch-orthodoxen Kirche belastet? Ist an Vermittlung überhaupt noch zu denken?

Die russisch-orthodoxe Kirche mit dem Patriarchen von Moskau, Kyrill, an der Spitze ist derzeit in der Weltchristenheit weitgehend isoliert. Der Patriarch hat sich nicht nur zum Sprachrohr der aggressiven Politik der russischen Regierung gemacht, sondern den Krieg gegen die Ukraine sogar religiös gerechtfertigt. Damit hat er den gemeinsamen Boden der Kirchen verlassen. Derzeit weiß niemand, wie die russisch-orthodoxe Kirche den Weg in die ökumenische Gemeinschaft zurückfinden kann. Aber die Türen dürfen nicht gänzlich verschlossen werden und bestimmte Kontakte sollten auch in der Krise gepflegt werden, solange sie nicht öffentlich ausgeschlachtet werden können. Unterdessen versucht sich die „ukrainisch-orthodoxe Kirche“, die früher dem Moskauer Patriarchat unterstand, an einem eigenständigeren Weg, der aber offenkundig keinen vollständigen Bruch mit Moskau bedeutet. Sie wird aber von den anderen Orthodoxen und auch von den Katholiken mit großer Zurückhaltung betrachtet. Es war trotzdem gut, dass ich auch mit einem Metropoliten dieser Kirche gesprochen habe.

Inwiefern muss die Katholische Kirche politisch neutral bleiben, um ihrer Rolle als Friedensbotschafterin gerecht werden zu können?

In den Gesprächen während der Ukraine-Reise wurde wiederholt die Formel gebraucht: Die Kirche kann und muss unter Umständen diplomatisch neutral sein, niemals aber darf sie moralisch neutral handeln. Das heißt: Der Heilige Stuhl, der weltweit diplomatische Vertretungen unterhält und diplomatische Friedensinitiativen entfaltet, muss sich so verhalten, dass seine Bemühungen nicht von vorne herein zum Scheitern verurteilt sind. Es darf aber auch nie der Eindruck entstehen, die Kirche stehe nicht fest an der Seite der Opfer. Für den Vatikan ist es naturgemäß nicht immer leicht, auf dem schmalen Grat zu gehen, der hier vorgezeichnet ist. Deshalb ist die Kritik, die sich auf ihn richtet, manches Mal etwas wohlfeil. Einzelne Bischofskonferenzen, die nicht im diplomatischen Geschäft tätig sind und nicht konkrete praktische Fragen wie die Rückkehr verschleppter Kinder in ihre Heimat lösen müssen, können und sollen selbstverständlich offener sprechen. Entscheidend bei alledem ist, dass sich niemand moralisch kompromittiert und sich auch niemand über diejenigen erhebt, die eine andere Rolle und Aufgabe haben.

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