Islam

Für Muslime ist es gefährlich, Zweifel am Koran zu äußern

Ein ägyptischer Journalist hat Glück gehabt: Er stellte Mohammeds physische „Himmelfahrt“ in Frage und kam mit einem kurzen Gefängnisaufenthalt davon. Was hat es mit dieser an eine „Nachtreise“ gekoppelten „Himmelfahrt“ eigentlich auf sich?
Mohammeds Aufstieg in den Himmel.
Foto: Wiki | Mohammeds Aufstieg in den Himmel. Miniaturmalerei aus Persien.

Vor einigen Wochen wurde in Ägypten gegen den bekannten Journalisten, Ibrahim Issa, ermittelt, weil er die Nachtreise des Propheten Mohammed nach Jerusalem auf einem beflügelten Pferd, welche die Grundlage der Heiligkeit der Stadt im Islam ist, in Frage gestellt hatte.

Hintergrund: Die Heiligkeit Jerusalems beruht im Gegensatz zur Bedeutung dieser Stadt im Judentum und Christentum im Islam nicht auf historisch belegbaren Fakten, sondern auf einem „Wunder“ des Propheten Mohammed – nämlich der Nachtreise mit anschließender Himmelfahrt „Isra und Miraj“. Mohammed war jedoch, wie alle Propheten, ein Mensch und konnte keine Wunder wirken. Dennoch bestehen die Muslime im Falle der Nachtreise/Himmelfahrt und ihrer politisch-religiösen Bedeutung ausnahmsweise auf dem Wundercharakter dieser Reise, die mit natürlichen Phänomenen nicht zu erklären ist.

„Viele Muslime glauben heute auch, Abraham habe die Klagemauer errichtet
und König Salomon sei wie Jesus ein rechtschaffener Muslim gewesen.
In der islamischen Welt wird in manchen Ländern den Kindern auch erzählt,
dass auf dem Tempelberg bereits vor 3 000 Jahren eine Moschee gestanden habe –
1 600 Jahre vor der Geburt Mohammeds“

Dies bekam Issa zu spüren, als er in einer Talkshow im ägyptischen Fernsehen öffentlich die Nachtreise/Himmelfahrt „Isra und Miraj“ als eine „völlig wahnhafte Geschichte“ bezeichnete. Für diese Äußerungen wurde er von islamischen Theologen in Ägypten und auch in den sozialen Medien stark kritisiert und anschließend von staatlichen Behörden kurzzeitig verhaftet.

Ibrahim Issa war bereits 2021 aufgefallen, als er forderte, dass die koptische Geschichte und Kultur in die Lehrpläne des Landes aufgenommen werden sollte. Die Kopten, die etwa 10 Prozent der ägyptischen Bevölkerung stellen, werden in der offiziellen Geschichte des Landes nur wegen ihrer positiven Rolle, die sie bei der Fellachen Revolution von 1919 gespielt haben, erwähnt. Damals hatte Issa auch gesagt, dass er „von muslimischen Freitagspredigten träumt, die die Menschen zusammenbringen und die gesunde menschliche Werte statt Wut fördern“.

Innermuslimischer Konflikt

Issa hatte in einem Fernsehbeitrag im Zusammenhang mit der Nachtreise des Propheten auch gesagt, dass Prediger, die nur Bücher zitieren, die ein Ereignis bestätigen, „salafistische Ansichten“ vertreten. Solche Ansichten böten kein breiteres Verständnis des Islam, behauptete er laut der nahöstlichen Nachrichten-Website „The New Arab“. Kurz darauf wurden seine Ansichten von Ägyptens höchster theologischer Autorität, der „Dar Al-Ifta“, verurteilt, die in einer sieben Punkte umfassenden Antwort bekräftigte, dass die Isra- und Miraj-Reise des Propheten Mohammed „definitiv körperlich, seelisch und im wachen Zustand stattgefunden hat und in keiner Weise geleugnet werden kann“.

Die Nachtreise Mohammeds beruht auf der Sure 17, 1 des Korans, wo es heißt: „Preis sei dem, der seinen Knecht des Nachts von dem heiligen Gebetsplatz zu dem entfernten Gebetsplatz … reisen ließ, um ihm etwas von unseren Wundern zu zeigen … .“ Die Nachtreise bezeichnet die Reise Mohammeds von Mekka aus zu einem als „entfernte Kultstätte“ (Al Aqsa) beschriebenen Ort und wieder zurück. Während einige Gelehrte die Isra und Miraj wörtlich interpretieren (und sie somit als „echte“ physische Reise betrachten), interpretieren andere Gelehrte sie als spirituelle Erfahrung Mohammeds, obwohl bei der letzteren Interpretation der Wundercharakter zu einem spirituellen Erleben reduziert wird. Isra und Miraj werden trotz der Unterscheidung zwischen zwei Legenden manchmal als Synonyme gebraucht. Erst in einem islamischen Hadith (Mündliche Überlieferung), der Al Buhari zugesprochen wird, wird die Nachtreise mit dem konkreten Ort Jerusalem in Verbindung gebracht, nämlich der Al Aqsa Moschee. Die mündliche Überlieferung, die auf den Prophet Mohammed zurückgehen soll, wurde allerdings erst einige Jahrhunderte nach dessen Tod mit zusammengestellt.

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Die  Geschichte muss sich in islamischen Ländern der Religion unterwerfen

Danach soll Mohammed, auf einem Fabelwesen, dem beflügelten Schimmel al-Buraq, in einer Nacht von Mekka nach Jerusalem, von dort in den Himmel und danach wieder zurückgeflogen sein. Muslime bezeichnen die Klagemauer deshalb auch als Buraq-Mauer, weil Mohammed an dieser Mauer sein Fabelwesen angebunden haben soll. Im Islam ist der Übergang von Legende zu realer Geschichte fließend. Viele Muslime glauben heute auch, Abraham habe die Klagemauer errichtet und König Salomon sei wie Jesus ein rechtschaffener Muslim gewesen. In der islamischen Welt wird in manchen Ländern den Kindern auch erzählt, dass auf dem Tempelberg bereits vor 3 000 Jahren eine Moschee gestanden habe – 1 600 Jahre vor der Geburt Mohammeds. Im Islam, der wörtlich übersetzt Unterwerfung heißt, muss sich auch die Geschichtswissenschaft der Religion unterordnen. Das bekommt jetzt auch der Ägypter Ibrahim Issa zu spüren.

Die Muslime bauten mit Hilfe byzantinischer Baumeister auf salomonischen, römischen und byzantinischen Ruinen mit dem Felsendom und der Al Aqsa Moschee die ersten beiden genuin muslimischen Kultgebäude ihrer neuen Religion, lange vor den ersten islamischen Bauten in Mekka und Medina. Islamwissenschaftler rund um die Saarbrücker Forschergruppe „Inarah“, hatten vor einigen Jahren nachgewiesen, dass die Inschriften im Felsendom, die ältesten bekannten urislamischen Inschriften, weniger ein Verweis auf den Propheten Mohammed, sondern vielmehr Hinweise auf einen „Gelobten“ (arab. „Mohammadun“) seien, der eher auf die Person des christlichen Messias hindeutet.

Zunehmende Konkurrenz des Islam zum Judentum

Die Erbauer des Felsendoms und der Al Aqsa Moschee nahmen also nicht nur in der Bauweise Anleihen an christlichen Vorbildern, sondern auch in der ideologischen Ausrichtung der Bauwerke, die nach den Ergebnissen von Inarah eher Kultbauten einer christlich-islamischen Mischreligion waren, als eines bereits etablierten Islams. Während im späteren Islam die Verweise auf die christlichen Wurzeln abnahmen, nahm die Konkurrenz mit den jüdischen Bezügen des Tempelbezirks, auf dem der salomonische und herodianische Tempel standen, zu.

Vor allem seit der Rückkehr der Juden nach Palästina infolge der Balfour- Deklaration von 1917 kam es zu ersten Gewaltausbrüchen an der Klagemauer, die 1929 ihren ersten Höhepunkt fanden. Allerdings geschah die Übernahme des Tempelbezirks durch die israelische Armee 1967 während des Sechs-Tage-Krieges ohne größeren Widerstand seitens jordanischer Soldaten. 20 Jahre lang hatten Juden zuvor keinen Zutritt zu ihrem größten religiösen Heiligtum, der Westmauer des ehemaligen Tempels. In dieser Zeit hatten israelische Präsidenten keine Tage des Zorns ausgerufen, um die Klagemauer gewaltsam zurückzuerobern, wie das die Palästinenser jetzt tun.

Der Koran bedient sich beim Judentum und Christentum

 

 

Das Judentum entstand in der Knechtschaft der Israeliten in Ägypten, das Christentum kam durch die Geburt Jesu in Bethlehem in die Welt, und der Islam entstand durch die Predigten Mohammeds in Medina und Mekka. Aber erst in Jerusalem sind alle drei sich auf Abraham berufenden Religionen zu Weltreligionen geworden. Dabei wird deutlich, dass Christentum und Islam als die beiden späteren Religionen jeweils Anleihen bei den vorhergehenden Religionsgemeinschaften getätigt haben. Der Islam begründet seine Verehrung für Al Quds (Die Heilige) mit der Heiligkeit dieser Stadt für die beiden Vorgängerreligionen. So lässt der Islam auch die wesentlichen Entstehungsgeschichten dieser beiden Religionen, die Bekehrung des Abraham und die Geburt Jesus in Jerusalem stattfinden. Nur wenige Christen wissen, dass es im Koran sogar eine Geburtsgeschichte Jesu gibt. Die in Mekka geoffenbarte Marien-Sure (19) enthält in den Versen 22-25 auch die islamische Geburtsgeschichte Jesus im Tempel von Jerusalem.

Ob Ibrahim Issa, der wieder freigelassen wurde und im Ramadan auftrat, diese Zusammenhänge auch kennt?

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