Berlin

Von Adam und Eva bis zu den Päpsten

Wider den Verlust der Schöpfungsperspektive: Die ökologische Frage im Spiegel von Theologie und jüngerer Kirchengeschichte.

Solarstrom für den Vatikan
Die Päpste und der Umweltschutz: 2008 hat Papst Benedikt XVI. Solarmodule auf dem Dach der Audienzhalle am Petersplatz in Rom installieren lassen. Foto: epa ansa Giuseppe Giglia (ANSA)

Umwelt- und Klimaschutz geht auch katholisch. Die katholische Position geht von den anthropologischen und schöpfungstheologischen Vorstellungen aus, die die Bibel uns nahelegt. Alles beginnt mit der Genesis. Das erste Buch der Bibel enthält zwei Schöpfungserzählungen, die jüngere ist um 500 v. Chr. entstanden (Gen 1, 1 bis 2, 4a), die ältere um 700 v. Chr. (Gen 2, 4b bis 25). In der jüngeren wird das Herrschaftsverhältnis des Menschen im Verhältnis zur Umwelt begründet („Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen“, Gen 1, 28), in der älteren wird der Mensch von Gott zum Hüter der Umwelt bestimmt: „Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und hüte“, Gen 2, 15).

Zugleich ergibt sich damit aus der christlichen Ethik katholischer Prägung eine moralische Pflicht zum Umwelt- und Klimaschutz. Denn: Ökologische Indifferenz ist Verachtung der Schöpfung und damit des Schöpfers. Der Aufruf zur Verfügung über die Tier- und Pflanzenwelt hat in einer Zeit, in der der Mensch von der ihn umgebenden Natur tendenziell bedroht war oder sich in der vorgefundenen Wildnis erst einfinden und behaupten musste, eine ganz andere, viel lebensfreundlichere und sogar ökologischere Bedeutung als er diese – heute zitiert – überhaupt noch haben kann, nach praktisch vollständiger Erschließung aller Naturräume durch den Tiere und Pflanzen (aus)nutzenden Menschen. Umgekehrt gilt: Wenn bereits in einer Zeit, in der Menschen noch gar nicht in der Lage waren, ganze Arten auszurotten, Ökosysteme zu zerstören und das Klima zu beeinflussen, also in der Antike, in den damals verfassten biblischen Schriften ein gutes Miteinander angemahnt wird und sogar Friedensvisionen ökologisch illustriert werden (Jesaja 11), um wieviel mehr können sie heute als Mahnung gelten, heute, wo wir systematisch die Umwelt zerstören und das Klima negativ beeinflussen.

Wie geht die Kirche mit dem biblischen Auftrag um?

Dabei hat nicht der biblische Schöpfungsbegriff, sondern der Verlust einer ehrfürchtigen Schöpfungsperspektive durch die neuzeitliche Bewegung einer wissenschaftlichen Weltsicht – ausgehend von Francis Bacon – dafür gesorgt, dass aus dem Hegeauftrag ein Aneignungsgedanke erwuchs. Der Untertan „Natur“ sollte nicht mehr königlich geschützt („herrschen“ nach Gen 1, 28 heißt nach Gen 2, 15 „hüten“), sondern despotisch ausgebeutet werden. So betont Hans Kessler, dass der biblische Schöpfungsauftrag „bis in die Neuzeit hinein in seinem ganzen Zusammenhang gelesen“ und so „gerade nicht als Aufforderung zur selbstherrlichen Instrumentalisierung und Ausbeutung der Natur verstanden“ wurde. Ihn – und damit das Christentum als solches – zum Hemmschuh für wirkungsvollen Umwelt- und Klimaschutz zu machen und damit das positive Potenzial einer christlichen Perspektive auf die Natur zu verneinen, lasse sich ideengeschichtlich nicht begründen und sei Resultat einer zeitgeistigen Religionsaversion: „Selbst noch seitdem sie derart sekundär nachgeschoben wurden, spielten die biblischen Schöpfungstexte in der Legitimationsgeschichte neuzeitlicher Naturbeherrschung und fortschreitender Naturzerstörung nicht die zentrale Rolle, die diesen Texten von einer modischen und wohlfeilen Kritik bisweilen kurzschlüssig zugeschrieben wird.“

Wie ist die katholische Kirche mit dem biblischen Auftrag umgegangen, wie geht sie damit um? Ein Blick in Dokumente der Kirchengeschichte offenbart eine im Hinblick auf den Umwelt- und Klimaschutz zunehmend verbindlichere Haltung. Bereits 1971 hat die Weltbischofssynode in Rom die Erklärung „De iustitia in mundo“ („Über die Gerechtigkeit in der Welt“) verabschiedet, die an verschiedenen Stellen den engen Zusammenhang von Gerechtigkeit, Naturerhalt und Lebensstil auffallend deutlich formuliert. So führt die Synode den faktischen Drang der Menschen zur Einheit auch auf ökologische Notwendigkeiten zurück und wird – ein Jahr vor der ersten internationalen Umweltkonferenz im Juni 1972 in Stockholm – gewissermaßen zum Vorreiter der globalen Umweltbewegung.

Beachtlich auch, dass bereits Papst Paul VI. in „Octogesima adveniens“ (1971) seine Sorge im Zusammenhang mit der Umweltthematik deutlich artikuliert. In „Populorum progressio“ (1976) formuliert er bereits den Gedanken intergenerationaler Gerechtigkeit, indem auf die Pflicht gegenüber denen verwiesen wird, „die nach uns den Kreis der Menschheitsfamilie weiten“.

„Umwelt-Holocaust“: Johannes Paul II. findet deutliche Worte

Bereits in seiner ersten Enzyklika „Redemptor hominis“ (1979) kritisiert Papst Johannes Paul II. das verantwortungslos gelebte Mensch-Natur-Verhältnis: „Der Mensch scheint oft keine andere Bedeutung seiner natürlichen Umwelt wahrzunehmen, als allein jene, die den Zwecken eines unmittelbaren Gebrauchs und Verbrauchs dient. Dagegen war es der Wille des Schöpfers, dass der Mensch der Natur als ,Herr‘ und besonnener und weiser ,Hüter‘ und nicht als ,Ausbeuter‘ und skrupelloser ,Zerstörer‘ gegenübertritt.“ Die Idee einer christlich gewendeten Anthropozentrik schlägt sich hier nieder.

Am 8. Mai 1993 kommt es im sizilianischen Forschungszentrum „Ettore Maiorana“ zu einem regelrechten Gefühlsausbruch des Papstes. In einer Rede vor Wissenschaftlern spricht er von der Gefahr eines „olocausto ambientale“ („Umwelt-Holocaust“), welche die zu Zeiten des „Kalten Krieges“ herrschende Bedrohung eines „olocausto nucleare“ („nuklearer Holocaust“) abgelöst habe. Diese hochbrisante Diktion – an einem 8. Mai verwendet – macht deutlich, wie ernst Johannes Paul II. das Umweltthema gewesen ist.

Benedikt XVI.: Papst der Tat

Papst Benedikt XVI. intensivierte die Bemühung um eine katholische Antwort auf die ökologische Frage. Benedikt galt sogar als „grüner Papst“ – so nannten ihn US-Diplomaten hinter vorgehaltener Hand, wie die Plattform „Wikileaks“ enthüllte.

So predigte Benedikt beim Internationalen Jugendtreffen in Loreto im September 2007 auch über das Engagement in Umwelt- und Klimabelangen: „Einer der Bereiche, in denen zu arbeiten es dringlich erscheint, ist zweifellos die Bewahrung der Schöpfung. Den neuen Generationen ist die Zukunft des Planeten anvertraut, auf dem die Zeichen einer Entwicklung offensichtlich sind, die es nicht immer verstanden hat, die empfindlichen Gleichgewichte der Natur zu schützen. Bevor es zu spät ist, ist es notwendig, mutige Entscheidungen zu treffen, durch die ein starker Bund zwischen dem Menschen und der Erde neu geschaffen wird.“ Kein Manifest für die „Fridays for Future“-Bewegung, doch ein beherzter Aufruf an die Jugend, sich ökologisch zu engagieren. Auch auf dem Weltjugendtag in Sydney (2008) sollte der heilige Vater das Thema Umwelt mehrfach aufgreifen.

Diesen Worten folgten Taten. Es war Papst Benedikt XVI., der bereits 2008 eine Solarstromanlage von der Größe eines Fußballfeldes im Vatikan errichten ließ. Jedes Jahr werden damit rund 225 Tonnen CO2 eingespart. Franz Alt notierte seinerzeit, Benedikt habe „jetzt vorgemacht, worauf es ankommt“.

Franziskus: Vorläufige Vollendung

Mit Papst Franziskus' Enzyklika „Laudato si'“ (2015) erreicht die Frage des Umwelt- und Klimaschutzes endgültig und unwiderruflich die Katholische Soziallehre. Franziskus legt ein ambitioniertes Programm vor, dass uns – theologisch gesprochen – zum Umkehr ruft. Er nimmt den Diskurs zur Umweltkrise und zum Klimawandel (einschließlich der Erkenntnisse der Klimaforschung) auf, bleibt allerdings nicht bei den Sachfragen stehen, sondern ordnet sie schöpfungstheologisch ein, ohne dabei kulturhistorische Missinterpretationen zu verschweigen. Die Änderung der Energiebereitstellung, der Mobilität und der Ernährungsweise passiert dabei auf der Basis einer veränderten Sicht auf die Beziehung zu Gott, zum Menschen und zur Natur. Damit bringt der Papst nicht nur die Ökologie in die Kirche, sondern umgekehrt auch christliche Spiritualität in den ökologischen Diskurs. So kann dieser ein Dialog im Geiste der Liebe werden, die sich auf Gott, den Menschen und die Natur richtet.

Josef Bordat: Kirche im Klimawandel: Eine Handreichung für Katholiken.
tredition, Hamburg 2020, ISBN 978-3347014282, 368 Seiten, EUR 18,90

Kurz gefasst
Schon aus der Bibel, insbesondere den zwei Schöpfungserzählungen, lässt sich die moralische Pflicht zum Umwelt- und Klimaschutz ableiten. Die Schöpfung gilt es aus Ehrfurcht vor dem Schöpfer zu bewahren. Päpste der Neuzeit haben diese Pflicht zur Chefsache gemacht. In Wort, Tat und Lehre. Das macht sie zu Pionieren der globalen Umweltbewegung.

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