Wien

Warum die Kirche keine Frauen weihen kann

Die Frage der Frauenordination betrifft nicht allein die Sakramententheologie. Sie ist mit dem „Wurzelwerk“ von Theologie und Glaube verflochten: dem Verständnis von Kirche, dem Verhältnis von Kirche und Heiliger Schrift, der theologischen Anthropologie, und letztlich der Christologie.

Papst Johannes Paul II.  verwies darauf, es gehe bei der Ablehnung des Frauenpriestertums nicht um eine neue Einsicht
Papst Johannes Paul II. verwies darauf, es gehe bei der Ablehnung des Frauenpriestertums nicht um eine neue Einsicht, sondern um die Bestätigung einer zum Glaubensgut gehörenden Lehre, die bereits vorher den Status der Endgültigkeit innehatte. Aus diesem Grund war und ist keine ... Foto: Martin Athenstädt (dpa)

Am 9. Juli 1975 teilte der anglikanische Erzbischof von Canterbury Dr. Coggan Papst Paul VI. mit, dass sich in seiner Gemeinschaft „langsam, aber kontinuierlich die Überzeugung verbreitet habe, dass es keine grundsätzlichen, prinzipiellen Einwände gegen die Ordinierung von Frauen zum Priesteramt gibt“. Dies war unter ökumenischen Hinsichten umso beunruhigender, als die anglikanische Auffassung vom Weihesakrament der katholischen und orthodoxen weit näher steht als die lutherischer oder reformierter Gemeinschaften. 30 Jahre vorher hatte C. S. Lewis, selbst Anglikaner, die bis dato gemeinsame Praxis entschieden verteidigt, indem er auf die verschiedene Symbolik der Geschlechter hinwies und vor einer Funktionalisierung des Priesteramtes warnte: Die Kirche sei eben nicht nach dem Modell einer Fabrik gebaut, in der Arbeiter austauschbar sind, sondern nach dem Modell einer strukturierten Gemeinschaft wie der Familie.

Paul VI. beauftragte die Glaubenskongregation, die Argumente genauer zu prüfen, und veröffentlichte das Ergebnis am 15. Oktober 1976 unter dem Titel „Inter insigniores“. Dort wird ausführlich dargelegt, dass und warum „die Kirche, die dem Beispiel des Herrn treu bleiben möchte, sich nicht die Vollmacht zuschreibt, Frauen zur Priesterweihe zuzulassen.“ Damit erkennt das Lehramt seine eigenen Grenzen an und erklärt: Es gibt Grundlagen der Kirche, welche ihrer Kompetenz entzogen sind, weil sie diese als von ihrem Stifter vorgegeben erkennt; und dazu gehört die ungebrochene Praxis, Frauen nicht zu Priestern zu weihen.

Trotz wiederholter Bekräftigung ( Mulieris dignitatem“, 26; KKK 1577; „Christifideles laici“, 51) verstummten die Gegenargumente nicht. Auch nicht, als Johannes Paul II. mit „Ordinatio sacerdotalis“ jeden Zweifel über „diese Angelegenheit von höchster Bedeutung“ auszuräumen beabsichtigte (n.4). Der Papst verwies darauf, es gehe hier nicht um eine neue Einsicht gehe, sondern um die Bestätigung einer zum Glaubensgut gehörenden Lehre, die bereits vorher den Status der Endgültigkeit innehatte. Aus diesem Grund war und ist keine formelle Dogmatisierung nötig. Kurz darauf bestätigte die Glaubenskongregation die Endgültigkeit (28. Oktober 1995); und erst jüngst (29. Mai 2018) nahm Präfekt Kardinal Ladaria im gleichen Sinn erläuternd Stellung.

„Doch de facto wird die Kirche weithin – anscheinend auch
von ihrem eigenen ,Personal' – als Institution gesehen, die Schlüsselpositionen
oder zumindest Berufschancen zu vergeben hat“

Woher kommt das Unbehagen, diese Lehre als verbindlich anzunehmen, wie es exemplarisch im Bericht der Vorbereitenden Arbeitsgruppe Forum 4 zum Ausdruck kommt? Offenkundig handelt es sich bei der Frauenordination nicht um eine partikuläre Frage. Sie betrifft nicht allein die Sakramententheologie, sondern ist mit dem „Wurzelwerk“ von Theologie und Glaube verflochten: dem Verständnis von Kirche, dem Verhältnis von Kirche und Heiliger Schrift, der theologischen Anthropologie, und letztlich der Christologie.

Vor kurzem äußerte ein deutschsprachiger Bischof, er könne niemandem mehr erklären, warum Frauen vom Priesterdienst ausgeschlossen seien. Das kann mindestens zwei Gründe haben. Entweder, weil seinen Gesprächspartnern und -partnerinnen nicht mehr klar ist, was ein Priester – im Unterschied zu einem Gemeindevorsteher – ist, oder weil es grundsätzlich als diskriminierend aufgefasst wird, dass das Geschlecht eine Berufswahl verunmögliche. Die Kirche gilt vielen als unbegreiflich rückständig; man prophezeit, ihr würden bald alle Mitglieder, vor allem die weiblichen, davonlaufen. Hat sich doch in allen politischen und kulturellen Kontexten nach langem Ringen die Gleichberechtigung durchgesetzt, so werde sie schließlich auch vor der katholischen Kirche nicht Halt machen. Dass hier etwas vorwärts gehe, sei „eine wichtige Nagelprobe“ auf den Reformwillen der katholischen Kirche.

Dagegen kann man gewiss geltend machen, es gehe nicht um Gleich-Berechtigung, weil es für niemanden ein Recht auf dieses Amt gibt – weder aufgrund der Gleichheit von Mann und Frau in der Gottebenbildlichkeit (da das neutestamentliche Priestertum nicht in der Schöpfung wurzelt, sondern in der Erlösungsordnung), noch aufgrund der gleichen Würde aus der Taufe (Gal 3, 28). Aus dieser resultiert die Aufgabe, nach Heiligkeit zu streben (LG a.39), und das Recht, von der Kirche dabei unterstützt zu werden – nicht aber das Recht, in den sakramentalen Heilsdienst für andere berufen zu werden. Doch de facto wird die Kirche weithin – anscheinend auch von ihrem eigenen „Personal“ – als Institution gesehen, die Schlüsselpositionen oder zumindest Berufschancen zu vergeben hat. Eine „Verweigerung“ aufgrund des Geschlechts wird daher als skandalöse Zurücksetzung empfunden, selbst wenn jemand den Priester-Beruf für sich persönlich gar nicht in Erwägung zöge. Schlimmer noch: Die Weihe könnte nach außen hin als Karriere-Voraussetzung erscheinen – ein Eindruck, der sich durch die „Freistellung des Zölibats“ gewiss nicht abschwächen würde.

Nicht alle Amtsträger machen den Eindruck, ihr Amt gut zu verstehen

In der Tat ist die Kirche eine „realitas complexa“ (LG a.8), eine Verbindung von göttlichem und menschlichem Element: Ihre äußeren Lebensvollzüge sind mit dem inneren Wesen, ihrer Zielsetzung untrennbar verknüpft, aber nicht identisch. Für das Weihesakrament heißt das, dass die wichtigen Entscheidungen von denen verantwortet werden müssen, die mit der sakramentalen Weihe auch Leitungsvollmacht übernommen haben. Das heißt: Jede Ausübung von „Macht“ in der Kirche muss sich messen lassen an der „diakonia Christi“ (Joh 13, 13–16; Lk 22, 27), mit der Entäußerung von sich selbst notfalls bis zur Lebenshingabe. Diese Bindung der Leitungsvollmacht an das Weihesakrament möchten heute manche gern lösen und erhoffen davon die Eindämmung von Macht-Missbrauch einerseits, bessere Partizipationsmöglichkeiten für Laien und eben deswegen für Frauen andererseits.

Jedoch stellt sich hier die Frage: Wer soll dann „Macht“ ausüben, mit welcher Qualifikation, mit welchem Recht? Anders als im Fall einer Ordensgemeinschaft, der man sich freiwillig anschließt, können Katholiken nicht wählen, ob sie einer Diözese angehören wollen. Um Risiken zu minimieren, bindet die Kirche die Übertragung von Vollmacht und besonderer Verantwortung an Kriterien, eine längere Ausbildung und Prüfung der charakterlichen und religiösen Voraussetzungen. Machtpositionen hat die Kirche nämlich nicht zu vergeben. Auch wenn nicht alle Amtsträger den Eindruck machen, ihr Amt gut zu verstehen. Hier ist in der Tat, wie Joseph Ratzinger/Papst Benedikt mehrfach anmahnte, eine „Gewissenserforschung“ nach innen notwendig: Wird das Priestertum so ausgeübt, dass sein Wesen als „Sakrament“ sichtbar wird, das die Gleichgestaltung mit dem Guten Hirten, der sein Leben für die Schafe gibt, bezeichnet und bewirkt? Sprechen wir von „Berufung“ so, dass klar ist: Es geht um mehr, als um die Begeisterung für bestimmte Tätigkeiten? (vgl. „Inter insigniores“, VI.)

Es gibt viele Bereiche in der Sendung der Kirche, die nicht die sakramentale Weihe voraussetzen. Und es sollte keine Frage sein, dass hier Frauen auf allen Ebenen die gleiche Partizipationsmöglichkeit haben. Was jedoch die Priesterweihe als sakramentale Befähigung zum Handeln „in persona Christi capitis“ betrifft, weiß sich die Kirche dem Handeln Jesu verpflichtet, der „die Zwölf“ (hoi dodeka) berufen hat, die später auch mit dem weiter gefassten Titel „Apostel“ benannt wurden (Lk 6, 13). Die „Zwölf“ symbolisieren zunächst die Wiederherstellung Israels. Wenn Lukas den Apostelbegriff auf „die Zwölf“ anwendet, dann um die Kontinuität zwischen dem auf die zwölf Söhne Jakobs gegründeten Israel einerseits und der auf die zwölf Apostel gegründeten Kirche andererseits auszudrücken. Apostel im strengen Sinn sind nur „die zwölf Apostel“.In der Berufung dieser zwölf Männer, „dass sie mit ihm seien und er sie sende“ (Mk 3, 13–19; Mk 14, 17ff.) sieht die gesamte Tradition die Grundlegung des geistlichen Amtes beziehungsweise des Priestertums in der Kirche: In ihnen führt Christus sein Wirken fort, indem er ihnen an seiner Sendung und Vollmacht Anteil gibt; sie präfigurieren nicht einfach die gesamte Kirche, sondern verkörpern Christi „Gegenüber“ zu seinen Gliedern.

„Die These vom ,zeitgebundenen' Handeln Jesu,
die früher oft zu hören war, ist offensichtlich haltlos“

Dagegen wird eingewandt: Warum soll der Ursprung normativ sein? Wie können wir wissen, dass Jesus heute nicht anders handeln würde? Zumal angesichts der zeitbedingt „misogynen“ Einstellung der frühen Kirche sogar mit Ansätzen im Neuen Testament (zum Beispiel 1 Kor 14, 34) und bei den scholastischen Theologen? Folgt aus dem Faktum, dass die Kirche keine Frauen-Priester-Weihe praktiziert hat, sie könne es auch in Zukunft nicht? Es hat sich doch auch im Bereich der Sakramente im Laufe der Geschichte manches verändert. Warum nicht auch der Empfänger des Weihesakramentes?

Die These vom „zeitgebundenen“ Handeln Jesu, die früher oft zu hören war, ist offensichtlich haltlos. Er handelte in großer Freiheit, gerade auch in der Wertschätzung der Frauen, und hatte keinerlei Scheu „anzuecken“. Die Berufung der „Zwölf“ war eine bewusste Entscheidung, der nach Lukas (6, 12–16) eine Nacht des Gebetes vorausging: Die Wahl der Zwölf geschah im Einklang mit dem Willen des Vaters. In der Zeit der Apostel und der frühen Kirche spielten Frauen in der Mission eine bedeutende Rolle. Es gab anerkannte Prophetinnen, ja, angesichts der hohen Wertschätzung für die Märtyrerinnen und der großen Zahl heiliger Frauen darf man sogar sagen, dass die Alte Kirche ein ausgesprochen weibliches Gesicht zeigt. Doch von priesterlichen Funktionen liest man nichts – außer im Kontext der mit Abscheu vorgebrachten Zurückweisung gnostischer Kulte (zum Beispiel durch Irenäus oder Epiphanius).

„Ausschlaggebendes Argument für die Nichtzulassung
zum Priestertum ist durchgehend das Handeln Christi“

Freilich, nicht nur tragfähige Argumente gegen die Zulassung von Frauen zum Priestertum wurden im Laufe der Theologiegeschichte vorgebracht: etwa mit Berufung auf Aristoteles die naturgemäße Unterordnung der Frau, oder die andersartige charakterliche und intellektuelle Ausstattung, die Frauen angeblich weniger geeignet für Führungspositionen machen. Diese Begründungen sind jedoch nur Nebenstränge. Denn was manchen selbstbewussten Äbtissinnen des Mittelalters verweigert wurde, war nicht die Jurisdiktionsvollmacht, sondern die Anmaßung sakramentaler Handlungen, etwa den Schwestern die Beichte abzunehmen oder die Nonnenweihe zu erteilen. Ausschlaggebendes Argument für die Nichtzulassung zum Priestertum ist durchgehend das Handeln Christi. In diesem Zusammenhang fällt der zur Sententia communis gewordene Satz Innozenz‘ III.: Die seligste Jungfrau und Gottesmutter Maria besitze eine überragende Würde, ohne ins Apostelamt eingesetzt worden zu sein. Mit anderen Worten: Es fehlte ihr nichts.

Ist das nicht eher ein schlechter Trost? Man wird heute mit dem Einwand rechnen müssen, die Gottesmutter sei eine absolut singuläre Gestalt, so dass sie als Identifikationsfigur für normale Frauen nicht in Frage komme. Doch scheint damit der springende Punkt verfehlt: Maria ist das Urbild des begnadeten Menschen, der vollkommenen Glaubensantwort, das Urbild der Heiligkeit. Genau darum geht es in der Kirche und für jedes! ihrer Glieder. Ämter sind sekundär. Dass die Nichtzulassung keineswegs als ein bloßes Kirchengesetz gesehen wurde, bringt beispielhaft Johannes Duns Scotus zum Ausdruck: Die Kirche hätte ihre Kompetenz schuldhaft überschritten, wenn sie Frauen etwas verweigert hätte, was ihnen zukommen könnte! Eine Kirche, die jahrhundertelang ohne triftigen Grund den Frauen den Zugang zum Priestertum verweigert habe, könne kaum die Kirche Jesu Christi sein.

Können wir wissen, was Christus heute wollen würde?

Nochmals: Können wir wissen, was Christus wollte oder heute wollen würde? (Forum 4, II.2.2) Nicht aus den Schriften des NT allein, das heißt wenn sie isoliert als historische Texte betrachtet werden. Solche „eine rein historische Gewissheit – unter völliger Absehung von dem in der Geschichte gelebten Glauben der Kirche – existiert nicht“, konstatierte Joseph Ratzinger illusionslos. Hier tritt also ein weiteres grundlegendes Problem ans Licht: Die Schwierigkeit, die Lehre der Kirche anzunehmen, hängt mit der Art der Schrift-Auslegung zusammen, welche nach katholischer Auffassung nur adäquat verstanden werden kann als lebendig weitergegebenes Zeugnis über Christus in der Gemeinschaft der Glaubenden.

Wenn es wirklich Offenbarung gibt, wenn die ewige Wahrheit Gottes in Jesus Christus Mensch geworden ist, dann ist uns dies als Ereignis vorgegeben. Dass, und wie Gott in der Heilsgeschichte handelt, kann nicht mit „zwingenden Gründen“ demonstriert werden, weil dieses Handeln in der Freiheit Gottes wurzelt. Das gilt auch für die Einsetzung der Sakramente: Sie sind verbunden mit der „Konkretheit“ des menschgewordenen Sohnes, und das Handeln der Kirche ist daran gebunden. Theologische Argumente können jedoch die innere Konvenienz, den Zusammenhang eines einzelnen Geschehens oder Zeichens mit der ganzen Offenbarung, aufzeigen. „Inter insigniores“ hat dies unternommen – und es ist nicht die Schuld des Dokuments, dass die Begründungen weitgehend nicht bekannt sind, wie das Papier des Forum 4 beklagt.

Die Kirche zeigt ihr Wesen am deutlichsten in der Feier der Eucharistie. Hier vollzieht sich das Handeln Christi an der Kirche und ihr Mitwirken mit ihm. Der Priester repräsentiert Christus als Haupt der Kirche, als Bräutigam, das heißt als Gegenüber. Aber der Logos ist doch primär „Mensch“ geworden? Warum soll nicht eine Frau ihn repräsentieren können?

Auch ein Priester ist und bleibt Gott gegenüber „empfangend“

Der Sohn Gottes ist Fleisch geworden, ist Mensch geworden „um unseres Heiles willen“. Das ist eine Aussage über die Erlösung, die durch ihn allen Menschen offensteht, unterschiedslos (Gal 3, 28: das Sein in Christus ist der Zugang zum Heil). Weil er der Neue Adam ist, kann der Glaube in jedem Menschenantlitz das Antlitz Christi gespiegelt sehen, der sich mit den Geringsten identifiziert (Mt 25). Und alle Getauften als Glieder Christi sind gerufen, die Gleichgestaltung mit Christus in ihrem Leben zu verwirklichen. Daraus kann man jedoch nicht schließen, dass „der erlösungstheologischen Tradition eine Reflexion auf die Bedeutung des natürlichen Geschlechts des menschgewordenen Logos fremd ist“. Das scheint eher eine heutige Denkvoraussetzung zu sein, der die biblische Symbolik fremd geworden ist – wohl auch aufgrund einer Verkennung der Bedeutsamkeit der beiden Geschlechter. In der „symbolischen“ Sprache des Alten wie des Neuen Testamentes ist das Volk Gottes als solches, aus Männern und Frauen, Gott gegenüber „weiblich“ (im Sinn von „empfangend“), ebenso bilden alle gemeinsam den „Leib“, keines der Glieder aber ist das Haupt. Mehr noch, jedes Geschöpf ist Gott gegenüber empfangend, jede Seele – wie die Mystiker beiderlei Geschlechts sagen – ist „Braut des Wortes Gottes“, das zuerst aufgenommen werden muss, um als sterblicher Mensch „Frucht zu bringen, die bleibt“. Auch ein Priester ist und bleibt Gott gegenüber „empfangend“, bleibt Glied des Leibes Christi. Deswegen kann auch nur ein Getaufter geweiht werden, und die Ordination kann die Taufe nicht ersetzen.

Das Sakrament der Repräsentanz kann nicht einer Frau übertragen werden

Das Sakrament der Weihe befähigt ihn, jemanden zu „repräsentieren“, der er nie „werden“ kann: das „Gegenüber“ der Kirche, also Christus als Haupt und Bräutigam. Die Gläubigen beim Gottesdienst „repräsentieren“ dagegen nicht die Kirche – allenfalls in dem Sinn, wie in einem Teil das Ganze gegenwärtig sein kann –, sie sind es aufgrund ihrer Gliedschaft am Leibe Christi durch die Taufe (vgl. Can. 204 – § 1). Warum aber kann dieses Sakrament der Repräsentanz nicht einer Frau übertragen werden? Zu einem Sakrament gehört die Einsetzung durch Christus, das heißt die Verknüpfung eines sichtbaren Gegenstands oder Vollzugs mit einer neuen Bedeutung und einer von Christus selbst verbürgten Wirkung. Wenn etwas ein „Zeichen“ sein soll, dann muss es auf den bezeichneten Gehalt bestmöglich hinweisen (Signifikanz). Öl oder Wein haben eine andere Signifikanz als Wasser. Dieser Aspekt ist relevant, weil die Sakramente per definitionem „wahrnehmbare Zeichen“ für eine unsichtbare Wirklichkeit sind. Unter diesem Gesichtspunkt leuchtet ein, dass eine Frau kein signifikantes Zeichen für den Bräutigam der Kirche ist. Wie umgekehrt ein Mann kein signifikantes Zeichen für die Braut Kirche ist. Nota bene sind diese „Bilder“ nicht auf den irdischen Jesus beschränkt, sondern werden auf den erhöhten Herrn angewendet.

Christus „interpretiert“ die Schöpfung, wenn er die Sakramente einsetzt

Die Plausibilität des Arguments beruht dabei nicht nur auf einem natürlichen Vorverständnis – ebenso wenig wie die Sakramente einfach die religiöse Variante natürlicher Riten sind –, sondern auf der Verbindung zwischen Schöpfungswirklichkeit und geschichtlicher Offenbarung Gottes. Die Schöpfung und ihre Symbolik wird zur Mitteilung der Erlösungswirklichkeit verwendet. Christus „interpretiert“ die Schöpfung, wenn er die Sakramente einsetzt. Dass das Verhältnis zwischen Jahwe und seinem geliebten Volk als Ehebund umschrieben wird, die Evangelien Jesus als „Bräutigam“ bezeichnen, Paulus von der Braut Kirche (vgl. 2 Kor 11, 2; Eph 5) spricht, die ihr Leben dem Bräutigam verdankt, oder dass die eschatologische Freude ohne Ende, deren sakramentales Vorausbild die Eucharistiefeier ist, einem Hochzeitsmahl gleicht (siehe etwa Apok 22), ist nicht beliebige Bildsprache, die man ersetzen könnte. Die in der Heiligen Schrift als dem Niederschlag der Selbstmitteilung Gottes verwendeten Symbole sind vielmehr der Weg, wie das unergründliche, göttliche Geheimnis der Liebe Christi uns nahegebracht wird. Dass diese Argumentation nicht wenigen fremdartig erscheint, weil die Denkvoraussetzungen sich gewandelt haben, sagt noch nichts über den Wahrheitsgehalt. Es könnten auch die Denkvoraussetzungen einer Überprüfung und meta-noia bedürfen. Der Glaubensinhalt ist mehr als das, was einem schon immer naheliegt.

Marianne Schlosser ist Universitätsprofessorin und Vorstand des Fachbereichs Theologie der Spiritualität an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

Kurz gefasst
Die katholische Kirche möchte dem Beispiel Christi treu bleiben. Deshalb schreibt sie sich nicht die Vollmacht zu, Frauen zur Priesterweihe zuzulassen. Damit erkennt das Lehramt seine Grenzen an und erklärt: Es gibt Grundlagen der Kirche, die ihrer Kompetenz entzogen sind, weil sie diese als von ihrem Stifter vorgegeben erkennt. Dazu gehört die ungebrochenen Praxis, Frauen nicht zu Priestern zu weihen. Dies wurde bereits von Paul VI. dargelegt und von Johannes Paul II. endgültig bestätigt. Johannes Paul II. betonte, dass es hier nicht um eine neue Einsicht gehe, sondern um die Bestätigung einer zum Glaubensgut gehörenden Lehre, die bereits vorher den Status der Endgültigkeit inne hatte.

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