Kommentar um "5 vor 12"

Putin ist der Koch, Schröder nur noch dessen Aushilfskellner

Das Interview von Altkanzler Schröder mit der „New York Times“ gerät zur ultimativen Selbstdemontage.
Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder
Foto: Jens Schicke via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | "Man kann ein Land wie Russland nicht auf Dauer isolieren, weder politisch noch wirtschaftlich“, gibt der frühere Kanzler Gerhard Schröder den global denkenden Weltpolitiker.

Man muss aus deutscher Sicht wirklich schon eine große Menge an geradezu wilhelminisch anmutendem „Viel Feind, viel Ehr‘“-Selbstwertgefühl an den Tag legen, um einer Schlagzeile wie dieser in irgendeiner Art und Weise etwas Gutes abgewinnen zu können: „Der Ex-Kanzler, der Putins Mann in Deutschland geworden ist“, titelte die „New York Times“ in ihrer Ausgabe vom Sonntag. Und in der Tat: Wer das dazugehörige Interview, das deren Berlin-Korrespondentin mit dem früheren Bundeskanzler und jetzigem Russengas-Lobbyisten Gerhard Schröder geführt hat, liest, wird feststellen dürfen, dass die Überschrift nicht nur äußerst treffend gewählt ist, sondern der deutsche Interviewpartner sich diese redlich verdient hat.

Schröder lebt in Potemkinschen Politikruinen

Denn in dem Gespräch wirft Schröder auch zwei Monate nach Putins Überfall auf die Ukraine mit historischen Halbwahrheiten zur Rolle der Sowjetunion im Kalten Krieg und der Relativierung der Rollen Putins sowie Russlands im Ukrainekrieg nur so um sich.Der Ukraine-Krieg?

Den wolle Putin eigentlich gerne ganz schnell beenden, ist sich Schröder sicher. „Aber das ist nicht so leicht. Da gibt es ein paar Punkte, die geklärt werden müssen“, schwurbelt der Altkanzler gegenüber der „New York Times“ herum. Um welche „Punkte“ es sich hierbei handelt, lässt Schröder, sonst gerne Mann klarer Worte, bewusst offen. Denn wer Einblick in die gegenwärtige russische Kriegsführung und Propaganda hat, der wird wohl um unappetitliche Begriffe wie „Entukrainisierung“ und „Genozid“ nicht herumkommen.

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Die Kriegsgräuel in Butscha? Müssten noch „untersucht werden“, sagt der Altkanzler. Er gehe aber davon aus, dass die Befehle dazu, wenn sie denn von russischen Truppen ausgeführt wurden (wovon die Vereinten Nationen bereits uneingeschränkt überzeugt sind), „von unteren Rängen“ gekommen seien, aber selbstverständlich nicht von seinem Freund Putin - der jedoch ausgerechnet die verantwortliche Brigade vor kurzem auszeichnete.

Und Russland selbst? „Man kann ein Land wie Russland nicht auf Dauer isolieren, weder politisch noch wirtschaftlich“, gibt der frühere Kanzler den global denkenden Weltpolitiker. „Wenn dieser Krieg vorbei ist, werden wir wieder mit Russland verhandeln müssen. Das tun wir immer.“ Fragt sich nur in diesem Fall, wer mit dem schröderischen „Wir“ gemeint ist. Und wer Russland überhaupt erst mit dazu in die Lage versetzt hat, dass dieses sich politisch und ökonomisch für den unbarmherzigen und völkerrechtswidrigen Krieg in der Ukraine in der Lage wähnte und nunmehr äußerst schwer zur Rechenschaft gezogen werden kann.

Esken: „Gerhard Schröder soll aus der SPD austreten“

Doch ausgerechnet an diesem Punkt demonstriert Gerhard Schröder ein so eklatant fehlendes Unrechtsbewusstsein, wie es seine Generation ansonsten immer mit Blick auf den von Nazi-Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg und der damit verbundenen vielfach verdrängten Schuld vor allem bei der vorangegangenen Generation verortet hat: „Ich mache jetzt nicht einen auf ,mea culpa‘, das ist nicht mein Ding“, sagte er deswegen mit Blick auf sein gesamtes kremlhöriges Wirken seit seinem Amtsende im Jahr 2005 der „New York Times“ vollkommen ungerührt.

Diese und auch die anderen Aussagen des Altkanzlers im „New York Times“-Interview werden nun selbst der linksorientierten SPD-Co-Vorsitzenden Saskia Esken zuviel: „Gerhard Schröder agiert seit vielen Jahren lediglich als Geschäftsmann und wir sollten damit aufhören, ihn als Elder Statesman, als Altkanzler wahrzunehmen“, teilte die SPD-Politikerin dem Deutschlandfunk gegenüber mit. Und sie ergänzt: „Er verdient sein Geld mit der Arbeit für russische Staatsunternehmen und seine Verteidigung Wladimir Putins gegen den Vorwurf der Kriegsverbrechen ist regelrecht absurd.“ Und auf die Frage, ob er aus der SPD austreten solle, antwortet Esken ohne Umschweife mit: „Ja, sollte er.“ Zuvor hatte bereits SPD-Co-Chef Lars Klingbeil klargestellt, Schröder habe sich „für die falsche Seite der Geschichte entschieden“. Und der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko empfiehlt dem jetzigen Gaslobbyisten, angesichts seines nimmermüden Einsatzes für Putin und dessen Propaganda von Hannover nach Moskau zu ziehen.

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