Kiew

„Putin kann den Krieg nicht gewinnen“

Das Moskauer Patriarchat agiere als Dienerin des russischen Staates, meint der ukrainische Kirchenhistoriker und Priester Andriy Mykhaleyko.
Russlands Machthaber Wladimir Putin
Foto: IMAGO/Mikhail Klimentyev (www.imago-images.de) | Mykhaleyko ist überzeugt: „Putin kann den Krieg nicht gewinnen, aber sogar nach einem militärischen Sieg bräuchte er gut 500.000 Soldaten, um das Land zu kontrollieren."

Die Ukrainer erlebten derzeit „die schmerzhafte Geburt der Nation“, an der auch die Russischsprachigen in der Ostukraine mitwirken, meint der in Lemberg lehrende Kirchenhistoriker und griechisch-katholische Priester Andriy Mykhaleyko im Gespräch mit der „Tagespost“. Den Ukrainern gehe es in diesem Krieg vor allem um die Verteidigung der Lebensform der Freiheit und der Selbstbestimmung. Dazu komme ein starker Bezug zum Heimatboden und ein Zusammenrücken als Nation.

Lesen Sie auch:

Mykhaleyko ist überzeugt: „Putin kann den Krieg nicht gewinnen, aber sogar nach einem militärischen Sieg bräuchte er gut 500.000 Soldaten, um das Land zu kontrollieren. Selbst in den besetzten Orten gehen die Menschen auf die Straße, weil das russische Gesellschaftsmodell für sie inakzeptabel ist.“ Wladimir Putin werde schlicht nicht die Kapazitäten haben, die ukrainische Gesellschaft in die Knie zu zwingen.

Kyrill findet in der Ukraine keine Akzeptanz mehr

Überrascht zeigt sich der Kirchenhistoriker, „wie unvernünftig Patriarch Kyrill handelt“. Dieser glaube, für die Ukraine verantwortlich zu sein, handle aber nicht als Hirte. „Da war kein Gebet für den Frieden, sondern die Übernahme der Sprache Putins.“ Die russische Kirche agiere „als Dienerin des Staates“. Insgesamt sei das orthodoxe Bekenntnis in Russland „eher ein kulturelles Phänomen“, und weniger eine religiöse Praxis.

Für die orthodoxen Gläubigen in der Ukraine sei es „eine Zumutung, im Gottesdienst weiter für Patriarch Kyrill zu beten, nachdem dieser klar auf Putins Seite steht“. Darum würden jetzt viele Gemeinden das Moskauer Patriarchat verlassen und sich der autokephalen Orthodoxie anschließen. „Da er ganz die Sicht Putins referiert, wird Kyrill in der ukrainischen Gesellschaft keine Akzeptanz mehr finden“, so Mykhaleyko gegenüber der „Tagespost“. Als Gegenpol zu Kyrill gewinne der Ökumenische Patriarch Bartholomaios an Gewicht.  DT/sba

Lesen Sie einen ausführlichen Hintergrund zur Krise der Orthodoxie angesichts des Kriegs in der Ukraine in der kommenden Ausgabe der Tagespost.

Weitere Artikel
Ein Podium des Katholikentags befasst sich mit Begegnung und Erinnerungskultur in Europa. Der Görlitzer Bischof hofft, dass im Ukrainekrieg die Wahrheit auf den Tisch kommt.
28.05.2022, 11  Uhr
Gerd Felder
Auch wenn der Vatikan den Ukrainern Verständnis und Solidarität zeigt, macht sich der Papst nicht zum Wortführer eines „gerechten Kriegs“ des Westens gegen Russland.
27.05.2022, 19  Uhr
Guido Horst
Themen & Autoren
Vorabmeldung Geistliche und Priester Kirchenhistoriker Russlands Krieg gegen die Ukraine Wladimir Wladimirowitsch Putin

Kirche

Das Erzbistum Köln hat die Chance, wieder zueinander zu finden. Denn es gibt Gläubige, die sich von Kampagnen nicht beirren lassen. Eindrucksvolles Beispiel: der Wallfahrtsort Neviges.
28.05.2022, 11 Uhr
Regina Einig
Die theologischen Dialoge müssen weitergeführt und intensiviert werden, so der „Ökumene-Bischof“. Eine Herausforderung bleibe aber die Frage der Eucharistiegemeinschaft.
27.05.2022, 20 Uhr
Oliver Gierens
Der Lateranpalast hat seine Türen als Museum für Besucher geöffnet. Die ehemaligen Privaträume überraschen in ihrer Schlichtheit: ein Symbol, dass auch der Papst letztlich Diener Gottes und ...
28.05.2022, 10 Uhr
Vorabmeldung