Graz/Kiew

Kyrills Macht in der Orthodoxie zerfällt

Die Glaubwürdigkeit des Moskauer Patriarchen scheint am Nullpunkt angelangt zu sein, meint der orthodoxe Theologe Grigorios Larentzakis.
Der Moskauer Patriarch Kyrill
Foto: IMAGO/Sergei Karpukhin (www.imago-images.de) | Professor Larentzakis zeigt sich im Gespräch mit der „Tagespost“ überzeugt: „Das Patriarchat von Moskau versucht seit Jahrzehnten, das Ökumenische Patriarchat zu diskreditieren.“ Im Bild: der Moskauer Patriarch Kyrill.

Durch den Krieg, in dem russische Bomben auf Christen und Kirchen jeder Konfession fallen, sei es „psychologisch und menschlich unvorstellbar, dass Teile des ukrainischen Volkes Patriarch Kyrill weiterhin als ihr geistliches Oberhaupt betrachten können“. Diese Ansicht vertritt der griechisch-orthodoxe Theologe Grigorios Larentzakis im Gespräch mit der „Tagespost“. Viele ukrainische Gemeinden und Diözesen, die bisher unter russischer Jurisdiktion waren, würden nun zur autokephalen Kirche wechseln. „Wer will jetzt als Ukrainer noch unter Moskauer Jurisdiktion bleiben?“, so Larentzakis.

Rache und Erpressung

Die Anerkennung der vollständigen kirchlichen Unabhängigkeit (Autokephalie) der ukrainischen Orthodoxie durch den Ökumenischen Patriarchen war nach Larentzakis Auffassung „prophetisch, kirchenrechtlich korrekt und pastoral heilend“. Der seit Jahrzehnten ökumenisch engagierte Theologe, der an der Grazer Theologischen Fakultät lehrte, erinnert daran, dass alle Autokephalien durch Konstantinopel verliehen wurden, beginnend mit Moskau. „Dabei folgten häufig die kirchlichen Strukturen den politischen Entwicklungen.“ Jedoch habe das Moskauer Patriarchat immer versucht, seine Grenzen zu erweitern. „Diese Tendenz gibt es schon lange, und sie hat Spannungen in Jerusalem und sogar auf dem Berg Athos ausgelöst. Viele Diözesen in Serbien, Griechenland und Zypern erhalten viel Geld aus Russland.“

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Wenige Wochen vor Putins Invasion in der Ukraine habe die russische Orthodoxie ein Exarchat mit zwei Diözesen in Afrika gegründet, also auf dem Territorium des Patriarchen von Alexandria. Larentzakis erklärt gegenüber dieser Zeitung: „Der offizielle Vorwand war, dass etwas mehr als hundert Priester in Afrika angeblich darum baten, aber der wahre Grund ist, dass die Kirche von Alexandria die Autokephalie der Ukraine anerkannte. Deshalb behauptet Moskau, die Kirche von Alexandria sei nun ebenfalls schismatisch und ihre Gläubigen außerhalb des Heils.“ Es handle sich dabei um einen „Racheakt“ und um „Erpressung“, denn Moskau wäre bereit, seine Pläne aufzugeben, wenn das Patriarchat von Alexandria die Anerkennung der ukrainischen Autokephalie zurückzieht.

Unzufriedenheit mit Kyrills Kurs wächst

Professor Larentzakis zeigt sich im Gespräch mit der „Tagespost“ überzeugt: „Das Patriarchat von Moskau versucht seit Jahrzehnten, das Ökumenische Patriarchat zu diskreditieren.“ Viele Stimmen in der weltweiten Orthodoxie würden jetzt aber sagen, dass die Glaubwürdigkeit von Patriarch Kyrill durch den Krieg und seinen Umgang damit am Nullpunkt angelangt sei. „Wenn das so ist, dann muss Kyrill an die eigene Brust klopfen und überlegen, wie er die Zerstörung von Wohnhäusern, Kirchen, Klöstern und Kunstdenkmälern mit seinem Gewissen vereinbaren kann“, meint Grigorios Larentzakis. Auch innerhalb des russisch-orthodoxen Klerus gebe es bereits Stimmen, die mit Kyrills Kurs unglücklich sind.  DT/sba

Lesen Sie eine ausführliche Analyse zur Lage der weltweiten Orthodoxie angesichts des Kriegs in der Ukraine in der kommenden Ausgabe der Tagespost.

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