Geniale Paare

Dorothee und Niklaus von Flüe: Sehnsucht nach Einsamkeit

Von der Sehnsucht nach Einsamkeit und Entsagung: Dorothee und Niklaus von Flüe.
Nikolaus von der Flüe
Foto: Wiki | Familienleben ist nicht alles: Bruder Klaus war zu Höherem berufen.

Niklaus von Flüe (1417-1487) gilt in der Schweiz als Nationalheiliger. Zwanzig Jahre lebte er ohne Nahrung in seiner Einsiedelei oberhalb des Vierwaldstätter Sees. Berühmt wurde der Bauer aus dem Flüeli-Ranft jedoch nicht als Hungerkünstler. Der Eremit im Tal der eiskalten Melcha mit seinen langen Wintern sehnte sich nach Einsamkeit, fand sie aber nicht. Denn viele Pilger und Eidgenossen suchten seinen Rat. Heilige brechen oft mit ihren Vätern, um allein Christus zu folgen. Niklaus von Flüe aber hatte mit Dorothee Wyss (1430/32-1495/96) zehn Kinder. „Er ist nie als ehebrüchig oder als Trinker vermerkt, er war weder leichtfertig noch wagemutig in Kriegen“, berichtet ein Zeitzeuge. Sein jüngstes Kind war gerade geboren worden. Doch er wollte nicht mehr Niklaus von Flüe sein, sondern Bruder Klaus. Gerade der suchende Mensch geht oft in die Irre. Hatte Gott dem Ehepaar mit seinem Kindersegen nicht ein eindeutiges Zeichen für den Sinn ihres Lebens gegeben?

Oberhalb der Klause liegt heute das Jugendstilhotel Pax Montana in einer Kulturlandschaft von großem Liebreiz. Das Essen ist herrlich und stammt ausschließlich von Produkten der Innerschweiz. Doch wer an einem regnerischen Herbsttag zur Klause des Einsiedlers hinabsteigt, der wird von einer unheimlichen Stimmung ergriffen. Wie konnte ein Mensch in der Kälte des Winters hier überleben? Bruder Klaus suchte kein Kloster auf Zeit, er wollte auch nicht in der Wildnis des Melchtales einige spirituelle Survivalwochen erleben. Seine Anfechtungen waren nicht psychologischer Art. Wie die Wüstenväter wurde er vom Teufel versucht. Das ist wörtlich zu verstehen.

„Dorothee erinnert an die uralte Tugend der Demut.
Man kann sich in ihr üben, aber sie letztlich nur als Gnade empfangen und leben“

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„Prüfe, ob du wirklich Gott suchst!“, hatte Benedikt von Nursia allen Gottesfreunden zur Mahnung in seine Regel geschrieben. Bruder Klaus befand sich nicht in einer Midlifekrise. Die Sehnsucht nach Einsamkeit und Einssein mit Gott war ihm bereits als Kind ins Herz geschrieben. Als Bauer, Vater, Ehemann und Eidgenosse war er seinen Pflichten gewissenhaft nachgekommen. Dorothee und Niklaus waren zu bescheidenem Wohlstand gekommen. Die ältesten Kinder konnten den Hof besorgen. Die wachsende Freiheit von der familiären Verantwortung ließ die ureigene Sehnsucht nach Stille und Abgeschiedenheit aufflammen. Während die Kinder schliefen, durchwachte der Vater die Nacht im Gebet. Dorothee beobachtete ihren Mann und gab ihn schließlich frei. Von seiner Pilgerreise in Richtung Vogesen zu den Stillen im Lande kam er bald zurück.

So entstand ein ganz spezielles Verhältnis zwischen den Eheleuten. Ihr Wohnhaus, wenngleich nicht mehr im Originalzustand, steht noch heute vor dem Eingang ins Melchtal mit seinen im ewigen Schnee liegenden Bergen. In dieser völligen Abgeschiedenheit hätte sich Bruder Klaus verkriechen können. Aber er wählte einen Ort, der nur wenige Minuten von seiner Familie entfernt lag. Natürlich hatte er Besuch von seinen Kindern und seiner Frau. Katzen streunten im Sommer durch die Wiesen und rieben zuweilen ihren warmen Leib am kalten Körper des Fastenheiligen. Ein Hund gehört zu jedem Hof. Katzen versorgen sich selbst. Hunde brauchen Essensreste. Doch wo nichts gegessen wird, gibt es auch keine Abfälle.

Das Misstrauen der Welt gegen den Gottesmann

Bruder Klaus hatte sich langsam an den Verzicht auf Nahrung gewöhnt. Nach einiger Übung aß er nichts mehr. Wie Anna Katharina Emmerick wurde er genau beobachtet. Weder Betrug noch Täuschung lagen vor. Besucher beschreiben eine äußerst hagere Gestalt mit eiskalten Gliedmaßen, aber weißen Zähnen. Wer nichts isst, kann auch keine Zahnfäule bekommen. Die Legende plagt sich nicht mit weltlichen Begründungen für das Fastenwunder: Ein Engel habe im Liestal den Gottsucher mit einer Lanze durchbohrt und ihm allen Hunger außer nach Gott genommen. Im fünfundsiebzigsten Jahr der Heiligsprechung versucht eine Ausstellung im Bruder-Klaus-Museum von Sachseln den Asketen als als Meister des Weglassens zu begreifen. Fastende aus vielen Religionen werden ins Bild gesetzt. Moslems, Juden, Buddhisten und zum Trost für alle Übergewichtigen ein schwer beleibter Kapuzinerpater, der trotz Heilfastens kein Pfund abgenommen hat. Niemand soll ausgegrenzt werden.

Heilige sind Ausnahmemenschen. In der Überflussgesellschaft kann Bruder Klaus kein Vorbild für Zuckerfasten und Laktovegetarier sein. Der Heilige sperrt sich gegen jede Vereinnahmung. Das gilt auch für Dorothee. Feministische Stimmen fordern Gerechtigkeit für die Mutter von zehn Kindern. Ihre Heiligsprechung sei überfällig. Denn sie war Frau, Bäuerin und Beschützerin ihres Mannes. Ja, das war sie gewiss. Doch geht es in dieser Berufung nicht um Freigabe des Partners für eine neue Lebensform. Das Leben des Bruders Klaus in der Einsiedelei blieb für die Familie eine Zumutung. Dorothee hat sie ertragen. Das macht ihre Größe aus.

Sein Rat eint die Eidgenossen und verhindert Bürgerkrieg

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Bruder Klaus war als Büßergestalt ein strenger Ratgeber. Was ihn zur Buße bewegte, wissen wir nicht. Sein radikales Leben der Entsagung gab seinen Worten jenen letzten Ernst, dem sich kein Besucher entziehen konnte. Ins kulturelle Gedächtnis der Schweiz ist Bruder Klaus als politischer Heiliger eingegangen. Er stiftete Frieden unter den streitenden Eidgenossen und gab ihnen bei der Frage nach der Erweiterung des Bündnisses einen Rat von bleibender Bedeutung: „Macht den Zaun nicht zu weit!“ Doch wäre es falsch, ihn zum Experten für Fragen der Migration oder der Osterweiterung der NATO zu erklären.

Bruder Klaus war ein Meister der Abgrenzung. Das Fresko der unteren Kirche im Ranft von Albert Hinter und Robert Durrer zeigt ihn als Retter der Schweiz im Ersten Weltkrieg und bezeugt: „Im August 1914, als der Weltkrieg Tod und Verderben brachte, haben wir dich um deine Fürbitte bei Gott angerufen. Lob und Dank dir seliger Bruder Klaus. Unser liebes Vaterland blieb wunderbar behütet und verschont.“ Ihm sei es auch zu verdanken, dass Hitler nicht in die Schweiz einmarschierte. Das Altarbild in der Pilgerkirche von Melchtal zeigt die abwehrende Hand des Heiligen.

Die Ehefrau als Geschenk Gottes

Im Pax Montana übernachten Touristen aus aller Welt und wissen nichts von dem Drama, das sich in unmittelbarer Nachbarschaft im Bauernhof von Dorothee Wyss abgespielt hat. Dafür verbringen die Dominikanerinnen eines Schweizer Klosters hier ihren Urlaub. Ihr Blick vom Rande des Tales in die Tiefe gibt ein malerisches Bild. Es wäre eines Caspar David Friedrich würdig. Alle echte Romantik weiß um die unwiederbringlichen Verluste. In dem Ort Melchtal steht ein Benediktinerinnenkloster mit einer Inschrift zur Ehre des seligen Nikolaus von Flüe über der Pforte “IN HONOREM BEATI NICOLAII DE FLUE“. Von 1868 bis 1998 befand sich hier ein Mädcheninternat. Im Jahr 2019 musste das Kloster aus Altersgründen und wegen fehlenden Nachwuchses aufgelöst werden. Der chinesische Milliardär Yunfeng Gao erwarb die Gebäude. Neben Arabern, Russen und Japanern wird die Innerschweiz auch von chinesischen Touristen gerne besucht. Der Käufer des ehemaligen Klosters hat neben dem Benediktinerkloster Engelberg ebenfalls ein Hotel erworben. Wo ist dieser Geist der Innovation in kirchlichen Dingen geblieben?

Das Leben von Dorothee und Niklaus von Flüe ist sehr sperrig. Es passt nicht in unsere Zeit. Diese neigt dazu, Anliegen der Gegenwart von historischen Vorbildern abzuleiten und damit zu legitimieren. Doch war Dorothee keine Powerfrau und kein Urbild der Laienbewegung in der Kirche. Vielmehr entspricht sie einem höchst unmodern gewordenen Vorbild für Geduld und Demut. Wie Maria stellte sie sich in den Dienst und beugte sich unter einen Willen, der nicht ihren eigenen Wünschen entsprach. Der Name „Dorothee“ oder „Dorothea“ bedeutet „Geschenk Gottes“. Sie war für ihren Mann ein Gottesgeschenk und niemand kennt ihr Geheimnis. Dieses Charisma teilt sie mit unendlich vielen Müttern, Ehefrauen und Schwestern, die nicht ihr eigenes suchen. Dorothee erinnert an die uralte Tugend der Demut. Man kann sich in ihr üben, aber sie letztlich nur als Gnade empfangen und leben. Insofern ist die Heiligsprechung überfällig. Aber ist sie wichtig und notwendig, um Dorothee zu verehren und in ihr ein unzeitgemäßes Vorbild zu erkennen?

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