„Es ging Nacht von ihm aus“

Klemens Kiser hat Visionen der seligen Anna Katharina Emmerick ausgewählt. Von Stefan Meetschen
Anna Katharina Emmerick
Foto: dpa | Nicht nur Heilige, auch Himmel, Hölle und Paradies konnte die Seherin von Dülmen in ihren Visionen besser kennenlernen.

Einem breiten Publikum ist sie als „Ghostwriterin“ des Mel Gibson- Films „Die Passion Christi“ bekannt geworden: die 2004 seliggesprochene Mystikerin Anna Katharina Emmerick (1774–1824), deren vom Dichter Clemens Brentano niedergeschriebene Visionen zum Leben Jesu die Grundlage des audiovisuellen Großprojekts Marke Hollywood bildeten. Doch die stigmatisierte Nonne aus Dülmen sah noch viel mehr: Engel und Heilige, Dämonen und Arme Seelen, Reliquien und Katakomben. Dies belegt in übersichtlicher Weise ein von dem Geistlichen Klemens Kiser herausgegebenes Werk, in dem wichtige Visionen der Emmerick vorgestellt werden.

„Ich sah die unzählbaren Scharen der Heiligen in unendlicher Mannigfaltigkeit. Und doch war in innerer Seele und Empfindung alles eins. Sie lebten und bewegten sich in einem Leben der Freude und alle durchdrangen und spiegelten sich ineinander. Der Raum war wie eine unendliche Kuppel voll von Thronen, Gärten, Palästen, Bogen, Blumenkränzen, Bäumen und alles war mit Bahnen und Wegen, die wie mit Gold und Edelsteinen schimmerten, verbunden.“

Ob die heilige Agatha oder die heilige Justina, der heilige Stephanus oder der heilige Ludwig von Frankreich – Anna Katharina Emmerick sah das Leben dieser auserwählten Glaubensträger mit frappierender Präzision. Im Falle des heiligen Augustinus, dessen Mutter Monika bis heute als tadellose treue Beterin gilt, gelangte die Mystikerin des Münsterlandes sogar zu ziemlich bahnbrechenden Enthüllungen: „Ich sah die Mutter immer, um zu beten, sich in irgendeinen Winkel des Hauses oder des Gartens verstecken, da saß sie dann zusammengebückt, betete und weinte. Bei alldem sah ich sie nicht ohne üble Gewohnheit, und während sie über die Diebereien des Naschwerks ihres Sohnes klagte und weinte, naschte sie selbst und ich sah, dass er es von ihr geerbt hatte. Ich sah, wenn sie in den Keller ging, um ihrem Mann Wein zu holen, dass sie aus den Gefäßen ein wenig trank und dass sie von Esswaren naschte und dass Augustinus von ihr dies lernte.“ Wer hätte das gedacht.

Doch Anna Katharina Emmerick sah auf ihren Reisen der Entrückung („ich war überall, wo ich je in katholischen Kirchen in Europa und anderen Weltteilen gewesen bin“) Schlimmeres. Größere Übel. Bei einer „Gesellschaft von Geistlichen, Laien und Frauen, welche schmausten und leichtsinnig scherzend zusammensaßen“ erschien ihr der Leibhaftige: „Die Gestalt des Satans war entsetzlich. Er hatte kurze Arme mit Krallen, seine Füße waren lang und die Knie verkehrt. Er konnte nicht knien. Sein Angesicht war menschlich, doch kalt, boshaft und hässlich. Er hatte etwas Hautiges wie Flügel. Er war schwarz und verfinsternd. Es ging Nacht von ihm aus.“

Auch ein Blick in die Hölle („ein Land von unendlichen Qualen“) wurde ihr gewährt, ebenso wie ein Blick ins Paradies, das man nicht mit dem Himmel verwechseln darf. Besonders bei den Betrachtungen zur heiligen Messe („Ich sah den wunderbaren Segen des Messehörens“) und zum heiligen Rosenkranz zeigt sich die geistliche Kraft des katholischen Lebensstils, wie er zu den Lebzeiten der Emmerick den meisten Gläubigen noch ganz vertraut war. Dezente Kommentare des Herausgebers unterstreichen dies. So schreibt Kiser im Kapitel „Die Benediktus-Medaille“: „Die Medaillen müssen richtig gesegnet werden. Diese Segnung findet sich im alten römischen Rituale, wobei auch ein Exorzismus zu beten ist.“ Wird es für diese katholische Lebenswirklichkeit noch einmal eine Renaissance geben? Das Schlusskapitel des Buches, „Zerfall der Kirche“, liefert eher düstere Bildsequenzen, die man sich auch als Teil eines spannenden Kinofilms vorstellen könnte: „Als ich die Peterskirche in ihrem abgebrochenen Zustand sah und wie so viele Geistliche auch am Werk der Zerstörung arbeiteten, ohne dass es einer vor dem anderen öffentlich getan haben wollte, dann fand ich solche Betrübnis darüber, dass ich heftig zu Jesus schrie, er solle sich erbarmen.“ Was und wen Anna Katharina Emmerick meinte, als sie von der „schwarze(n) Afterkirche“, vom „Plan von der Verschmelzung der Religionen“ oder von der „Gemeinschaft der Unheiligen“ sprach, entzieht sich der genauen Kenntnis. „Es ist dies eine sehr verbreitete Gesellschaft. Sie arbeitet schneller, aber noch flacher als die Freimaurer.“ Insgesamt ist „Was Heilige von Heiligen berichten“ ein ebenso rätselhaftes wie lesenswertes Werk. Es ist ausgesprochen informativ für Katholiken, die mit mystischen Visionen nicht auf Kriegsfuß stehen. Kompakt, klar und katholisch. Mel Gibson, übernehmen Sie!

Klemens Kiser (Hg.):
Was Heilige von Heiligen berichten – aus den Visionen der seligen Anna Katharina Emmerich.
Christiana-Verlag 2017, 224 Seiten, ISBN 978-3-7171-1285-3, EUR 9,95

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