Allein mit Gott

Aus dem normalen Leben aussteigen, um in engem Kontakt mit Jesus zu sein – wer wollte das nicht? Wenigstens vorübergehend. Immer wieder gab es Gläubige, die sich auf das Abenteuer einer Eremiten-Existenz eingelassen haben. Auch heutzutage ist das möglich. Von Burkhardt Gorissen
"Die Versuchung  des heiligen Antonius", Hieronymus Bosch
Foto: IN | Der Einsiedler Antonius tritt in vielen Bildern von Hieronymus Bosch auf.

Wenn von Eremiten, Einsiedlern und Klausnern die Rede ist, denken die meisten Menschen zu Recht an einen Menschen, der sich durch seinen zurückgezogenen religiösen Lebensstil vom normalen Leben in der Welt unterscheidet, ohne aber dabei in den Rahmen einer geistlichen Gemeinschaft involviert zu sein. Das Wort Eremit (eremos) stammt aus dem Griechischen, es bedeutet „Wüste“ und „unbewohnt“. So verstanden folgt ein Eremit – symbolisch oder sogar ganz konkret – dem jesuanischen Weg in die Wüste, um sich in Einsamkeit und Stille ganz der Betrachtung der göttlichen Dinge hinzugeben. Die Wüste, in der er lebt, sie kann so zum Ort der tiefen Gottesbegegnung und Heilserfahrung werden.

Zu den Eremiten der ersten Stunde in Europa gehört zweifellos der heilige Korbinian (um 670–730), der zuerst als Eremit lebte und später aus dem fränkischen Raum nach Bayern zog, um Missionsarbeit zu leisten und sich also stärker unter die Leute zu begeben. Die Zeit der Zurückgezogenheit zu Beginn gab ihm die Kraft und das innere „Standing“ für diesen öffentlichen Dienst. Als Prototyp des Mönchs, der die Gegenrichtung wählte, gilt dagegen der heilige Antonius (um 1195–1231), der nach einem großen Lehr- und Verkündigungsdienst als Franziskaner seine letzten Lebenswochen in der Einsiedelei Camposanpiero verbrachte. Zu den bekannten Eremiten Europas zählt ebenfalls der Schweizer Familien-Flüchtling und Wald-Einsiedler Nikolaus von der Flüe (1417–1487), der bis heute viele Menschen anzieht.

Seine Klause in der Ranftschlucht ist längst zu einer Wallfahrtskapelle geworden. Immer wieder suchen und suchten Menschen (bis hin zu Persönlichkeiten wie Konrad Adenauer) die Klause auf, um wenigstens vorübergehend aus der geschäftigen Welt auszusteigen oder um sich auf eine schwere Aufgabe vorzubereiten. Ohne Ablenkung, ohne menschliche Kommunikation.

Doch eigentlich ist das christliche Eremitensein keine wirkliche Erfindung des mittelalterlichen Europas. Dieser radikale Weg der Nachfolge Jesu boomte an anderer geographischer Stelle bereits Ende des 3. Jahrhunderts. Unter der Herrschaft des römischen Kaisers Diokletian verließen einige christliche Gläubige ihre ägyptischen Dörfer und flüchteten in die Wüste oder das schwer zugängliche Sumpfgebiet des Nildeltas, um sich dem Zugriff der politischen Macht geistig (wie körperlich) zu entziehen. Das Wort „anachoreo“ („sich zurückziehen“) gab ihnen den Namen: Anachoreten. Im Leben dieser frühen Wüstenväter und -mütter liegen – wenn man von Jesus' Wüstenaufenthalt absieht – die eigentlichen Ursprünge des christlichen Eremitentums.

Unter diesen frühen Anachoreten oder Eremiten ist Antonius der Große (251–356) in unseren Breitengraden der Bekannteste. Vermutlich auch deshalb, weil er mit all seinen spirituellen Leistungen und Versuchungen oft in der europäischen Literatur, Musik und Kunst behandelt wurde. Von seinem Glaubenskampf zeugen Freskodarstellungen aus dem 10. Jahrhundert. Später im Buchdruck des Spätmittelalters kam es zu einer ersten Häufung der Darstellung des Themas. Im 15. Jahrhunderts entstanden dann die großen bekannten Gemälde der Antoniusversuchungen. Am eindringlichsten sind jene von Hieronymus Bosch, Michelangelo und jene fast ätherische Darstellung von Matthias Grünewald.

In der neueren Kunst haftet den bildnerischen Ergüssen, wie denen von Félicien Rops, Max Ernst oder Salvador Dalí, zuweilen etwas getrieben Erotomanisches an, das mehr dem Wunsch des Versuchers als der Pein des Versuchten entspricht. Die Kernaussage schimmert dennoch hindurch, wenn auch schwächlich: Der Mensch ist in der Welt ein Getriebener, solange er nicht in Gottes Hand ruht. Genau darum geht es offenbar auch denjenigen, die heute in die Wüstenspuren Jesu und der frühen Eremiten treten. Pater Wolfgang Götz etwa lebt seit 1988 in einer im Wald versteckten Eremitage auf dem Vallendarer Schönstattgelände. Seinen Mitbrüdern steht er als spiritueller Berater zur Verfügung. Für ihn ist die Stille gar nicht still: „Gott redet dauernd, wir hören ihn nur nicht“, sagt er. Diese Auffassung teilt auch Maria Anna Leenen, die als „Diözesaneremitin“, wie die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) schreibt, in einer Klause in Ankum im Bistum Osnabrück lebt. Als Autorin etlicher Bücher, darunter ist das aktuell erschienene Buch „Einsam und allein? Eremiten in Deutschland“, weiß die 58-Jährige, die immerhin über eine Homepage und ein Handy verfügt, also im Prinzip nicht ganz aus der Welt ist, um die Erlösungsbedürftigkeit der heutigen spirituell sinnentleerten Gesellschaft, und beschreibt die Sinngebung schlechthin: ein Leben in einer vertrauensvollen Beziehung zu Gott. Für Jung und Alt, Einzelne oder Gruppen versucht sie ein offenes Ohr zu haben. Den Lebensunterhalt bestreitet sie (neben dem Verkauf von Büchern) mit der Verzierung von Opfer-, Altar-, Oster- und Taufkerzen.

Auch die Journalistin Ebba Hagenberg-Miliu hat sich in ihrem Buch „Allein ist auch genug: Eremiten heute“ mit dem modernen Eremitendasein in Deutschland beschäftigt. In ihren Porträts zeigt sie, dass Eremiten keine kauzigen Eigenbrötler und „Freaks“ sein müssen, was auch möglich wäre und psychologisch vielleicht sogar naheliegend ist, sondern zumeist aus dem seelsorgerischen Dienst am Nächsten ihre Glaubenskraft weitergeben. Wobei die Wege zum Eremitentum so vielfältig sind wie der Ort, an dem der Eremit oder die Eremitin lebt. So gewährt Hagenberg-Miliu dem Leser ihres Buches Einblick in 33 moderne Eremiten-Existenzen: Vom früheren Kaufhaus-Leiter bis zur ehemaligen Erfolgsärztin, vom höchsten Stock eines Hochhauses bis zur Höhle. Nicht immer jedoch dient den praktizierenden Eremiten, welche die Journalistin vorstellt, der Glaube und die authentische Lehre der Kirche als Orientierung.

Ich bin dann mal ganz weg – für manchen Eremiten von heute steckt dahinter auch nur eine esoterische Motivation, der Wunsch, ungestört eins zu sein mit der Natur. Ohne Stress und menschliche Fremdbestimmung. Eine Form von Weltflucht, wie man sie in aller Gefühlsintensität auch schon bei den Romantikern findet: „Ich bin der Welt abhanden gekommen,/ Mit der ich sonst viele Zeit verdorben,/ Sie hat so lange nichts von mir vernommen,/ Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!“, heißt es in einem Gedicht von Friedrich Rückert, einer Perle der deutschen Romantik, das Gustav Mahler genial vertont hat. Man merkt deutlich: bei diesen Versen handelt es sich um eine von elegischen Tönen getragene Ego-Klage, die eher der Welt- und Beziehungsüberdrüssigkeit geschuldet ist, als einer bewussten gottesfürchtigen Selbst-Aufgabe. So heißt es bei Rückert im letzten Vers nicht zufällig: „Ich bin gestorben dem Weltgetümmel,/ Und ruh' in einem stillen Gebiet!/ Ich leb' allein in meinem Himmel,/ In meinem Lieben, in meinem Lied!“. Mein Himmel, mein Lieben, mein Lied – die blaue Blume der Romantik ist bei all ihrer melancholischen Schönheit eben doch kein Symbol des Christentums.

Denn dieses ist nicht traurig, sondern beseelt durch die Heiterkeit von Gottes Schöpfung. Selbst den Schmerz zeigt das Christentum voller Gnade; nicht umsonst vergleicht der Dichter Sedulius, ein lateinisch-christlicher Dichter des 5. Jahrhunderts, die Jungfrau Maria mit einer stachellosen Rose. Was nicht heißt, dass christliche Eremiten immer alles gut fanden, was in ihrer Zeit geschah – und nicht unter ihren eigenen Schwächen zu leiden gehabt hätten: Der eremitische Weg gibt Kraft, aber er kostet auch Kraft. „Wir müssen demnach dem Hochmuth in jeder Hinsicht entsagen…“, weiß schon Ephräm der Syrer, der im 4. Jahrhundert lebte und sich in seinen „56 Hymnen gegen die Häresien“ gegen manche häretischen Auswüchse an den Rändern der damals noch jungen Kirche wendete. Denn: „...die Beschaffenheit des Ortes wird uns zu Nichts frommen, wenn wir nicht in Demuth wandeln…“.

Echtes Eremitentum stellt also erwiesenermaßen keine Kapitulation vor der Welt oder manchen hässlichen Runzeln und Beulen des Volkes Gottes dar, sondern ist stattdessen eine gesteigerte geistige Auseinandersetzung mit den Unvollkommenheiten. Den eigenen und denen der anderen. Vor allem aber führt das Eremitensein in ein tieferes Verstehen der grundlegenden spirituellen Herausforderungen unserer kurzen irdischen Existenz.

Was wohl auch der Grund ist, wieso in der von Pervertierung jeglicher Schattierungen gekennzeichneten Welt, in welcher wir heute leben, die Zahl der Eremiten stetig wächst. Nach Angaben von Maria Anna Leenen sind es aktuell rund 90 Christen, die ihr Dasein in Deutschland in selbst gewählter Abgeschiedenheit verbringen. „Tendenz steigend“, wie die Eremitin selbst sagt. Wobei man unterscheiden muss zwischen Ordenseremiten, die bei Orden gemeldet sind und ihrem Abt oder dem Oberen ihres Konventes unterstehen, und eben solchen „Diözesaneremiten“ wie Leenen, die nach katholischem Kirchenrecht vom Bischof anerkannt sind und vor diesem auch ihre Gelübde abgelegt haben und für ihn und seine Anliegen besonders beten (Canon 603). Nicht zu reden von den Institutions-freien Eremiten, die allein Christus oder dem gestirnten Himmel unterstehen.

Aber auch international scheint die Schar der christlichen Einsiedler zu wachsen. Dort, wo Nikolaus von der Flüe einst so intensiv mit Gott im Gebet und im Gespräch war, finden jedenfalls seit einigen Jahren internationale Eremiten-Treffen statt. Sogar aus den Vereinigten Staaten und dem Irak reisen die Teilnehmer an. Ein wichtiges „Forum“ aus Sicht von Maria Anna Leenen, die sich laut KNA wünschen würde, dass es mehr institutionelle Hilfen oder sogar spezielle Ausbildungen zum Eremitensein geben sollte. Was schon überraschend und, bei allem Respekt vor Deutschlands Vorzeige-Eremitin, eigentlich wie ein Spiegelbild des modernen sozialpädagogisch dominierten Denkens wirkt. Eine Anleitung zum Eremiten-Dasein – ist das nicht so paradox wie eine behördliche Anleitung zur Revolution oder ein Mystik-Schnellkurs bei der VHS?

Immerhin: In einem Punkt scheint die eremitisch bewährte Frau entschieden Recht zu haben. Ohne eine gewisse Lebenserfahrung, also ein gewisses Alter, eine solide Kenntnis der Bibel, der Kirchengeschichte und des Kirchenrechts sowie natürlich der Stundengebete riskiert der zur Eremiten-Existenz Willige ein schnelles Ausstiegsrisiko. Denn was in der Phantasie oder auf dem Papier so schön und nachahmenswert klingt, wird in der Realität von zahlreichen Entbehrungen bestimmt, die den Eremiten-Alltag rund um die Uhr prägen.

Gerade der Faktor Einsamkeit ist wohl nicht zu unterschätzen. Denn so sehr der Mensch in dieser Zeit der Reizüberflutung auch dringend eine „Kultur der Einsamkeitsfähigkeit“ (Otto Marquard) sucht und verlangt, so schwierig ist es dann doch, diese Einsamkeit, dieses radikale Allein–vor–Gott–Stehen als etwas Vitales und Bereicherndes zu verstehen und im Sinne Jesu zu verwirklichen. „Einsamkeit kann als Vereinsamung und als sozial bedingte Vereinzelung und Isolierung erlebt werden! Einsamkeit kann aber auch freiwillige Selbstbegrenzung sein“, wie der Wallfahrtsdirektor von Maria Vesperbild, Wilhelm Imkamp, sagt. Genau um diese Grenzlinie geht es beim christlichen Eremiten, was nicht ausschließt, dass die Einsamkeit der Wüste die Einsamkeit des Kreuzes berührt. „Bei Jesus finden wir die gesuchte und in der Wüste gefundene Einsamkeit als Kommunikation mit dem Vater und am Kreuz erlebt Jesus die absolute Vereinsamung und den Abbruch der Kommunikation mit dem Vater.“

Das eremitische Leben beinhaltete immer schon den Versuch, über die irdischen Grenzen hinauszugehen, um in Einklang mit Gott zu kommen, also jene „unio mystica“ zu vollziehen, von der Jesus deutlich sprach: „Ihr müsst von Neuem geboren werden“ (Joh. 3, 7). Diese Neugeburt setzt einen Weg der Einsamkeit voraus, weil sie jenseits der Grenzen des Mitteilbaren verläuft. Geistliche Disziplin ist dafür unerlässlich.

Doch gibt es nicht auch einen Mittelweg? Kann man nicht auch als normaler Berufstätiger und Familienmensch etwas vom eremitischen Lebensstil übernehmen, ohne gleich in die nächste oder ferne Wüste oder Waldklause zu flüchten? Sicher. Regelmäßige Zeiten der Stille und des Alleinseins braucht jeder Mensch. Sie sind wichtig, um neu auf Gott hören zu können. Sie sind nötig, um mit angemessener Sensibilität der eigenen inneren Stimme und den Stimmen der Umwelt lauschen zu können. Und schließlich hat auch der französische Philosoph Blaise Pascal mit seinem berühmten Bonment nicht Unrecht, dass das ganze Unglück des Menschen daher rühre, dass die meisten nicht in der Lage seien, allein in ihrem Zimmer zu bleiben.

Wieso also nicht die Zahl der christlichen Teilzeit- oder Vollzeit-Eremiten weiter anheben? Der modernen Wüste unserer Zerstreuungen, Süchte und Gelüste, dieser Wüste, der schon Nietzsche ein weiteres Wachstum prognostizierte, tun einzelne Gebets- und Rückzugs-Höchstleister sicher nur gut. Ebenso wie der Kirche.

Themen & Autoren

Kirche

Kirchenführung durch Interviews wahrzunehmen, halte er für äußerst fragwürdig, so der DBK-Vorsitzende. Am „Synodalen Ausschuss“ will er weiter festhalten.
27.01.2023, 15 Uhr
Drei Pariser Innenstadtkirchen sind im Laufe einer Woche Brandanschlägen zum Opfer gefallen. Stadt und Polizeipräsidium kündigen Sicherheitsmaßnahmen an.
26.01.2023, 16 Uhr
Meldung