Freiheitsstreben

Mit List und Geschick den Machthabern Schnippchen schlagen

Über den Individualismus und den Freiheitsbegriff im ungarischen Denken. Ein Meinungsbeitrag.
Budapest
Foto: dpa/Robert Michael | Blick über die Donau auf das ungarische mit Parlamentsgebäude. Aus Sicht des Autors lässt sich die temperamentvolle Vehemenz der Politik Ungarns nur richtig einschätzen, wenn man die Tiefenschichten der politischen ...

In den europäischen Debatten wird viel zu häufig übersehen, dass Ungarn mit seiner manchmal eigenwilligen und für viele westeuropäische Beobachter gewöhnungsbedürftigen Politik gerade nicht für Unfreiheit und Unterdrückung, sondern für Freiheit und Freiheitswillen steht. Die Hintergründe für den besonderen ungarischen Freiheitsbegriff und den ausgeprägten Hang zum Individualismus lassen sich ohne ideengeschichtliche, politische und kulturhistorische Vorkenntnisse des Landes sowie der Mentalität, den eingespielten Mustern und Verhaltensweisen seiner Bewohner kaum verstehen.

„Seine Höhepunkte fand der ungarische Freiheitsdrang in der Geschichte immer wieder
in Revolten, Aufständen und Revolutionen gegen Osmanen, Habsburger und Sowjets“

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Ein bekannter Staatsmann pflegte einst zu sagen, es sei schwer, Ungarn zu regieren, denn das Land habe zehn Millionen Freiheitskämpfer. An dieser Aussage ist kaum zu rütteln, sie beschreibt ein Grundverständnis der Ungarn, das tief in ihrer Volksseele und im nationalen Bewusstsein verankert ist. Der ständige Kampf, das permanente Rebellieren und das nicht enden wollende Hinterfragen gerade von Entscheidungen der Obrigkeit und des Staates reichen weit zurück in die wechselvolle Geschichte des Landes und fanden ihre Ausprägungen während diverser Fremdherrschaften. Perfektioniert wurde diese Attitüde in den Jahrzehnten des Kommunismus und in den darauffolgenden wirren und unsteten Neunzigerjahren. Seine Höhepunkte fand der ungarische Freiheitsdrang in der Geschichte immer wieder in Revolten, Aufständen und Revolutionen gegen Osmanen, Habsburger und Sowjets.

Während es in Zeiten der Fremdherrschaft und Besatzung immer wieder galt, sich gegen die von außen kommenden Einflüsse zu stemmen, gipfelte im Kommunismus diese Herangehensweise mit der Herstellung der zweiten Öffentlichkeit, eines klug austarierten Systems der Wechselwirkung zwischen öffentlichen und privaten Meinungsäußerungen sowie auch offiziellen und inoffiziellen Verfahrensweisen. Es galt als besonders clever und feinsinnig, dem autoritären Staat etwa dadurch passiv Widerstand zu leisten, dass man sich an bestimmte Regeln nicht hielt und mit Chuzpe, List und Geschick den Machthabern kleine und große Schnippchen schlug. Diese Einstellung lebt auch heute noch, weshalb es keinesfalls absonderlich ist, sich seine eigenen persönlichen Freiheiten selbst zu definieren und auszuleben – oft ohne Rücksicht auf das Gemeinwohl.

Die Menschen haben für ihre Freiheit gekämpft und wollen sie behalten

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Auf der Ebene der Politik sind diese Prägungen, Erfahrungen und daraus resultierende Mentalitäten nicht immer leicht zu erkennen. Oftmals werden Entscheidungen aus Brüssel oder anderswo durch die Brille der eigenen nationalen Souveränität betrachtet und bewertet. Nach den Wirrungen und Irrungen der ungarischen Geschichte erlangte das Land mit der demokratischen Wende seine volle Souveränität. Als Wiederherstellung dieses wichtigen Merkmals eigener Staatlichkeit gilt der 2. Mai 1990, der Tag der konstituierenden Sitzung der ersten nach der Wende frei gewählten Ungarischen Nationalversammlung. Dass man nach langer Zeit diverser Abhängigkeitsverhältnisse als freier und souveräner Staat nunmehr für sich selbst zuständig ist und frei und selbstbestimmt entscheiden kann, bildet eine Grunderkenntnis, die viele in Westeuropa gar nicht mehr teilen. Für die Ungarn sind dies die schönsten da freiesten Jahre, gelang es ihnen doch nunmehr, zu sich selbst zu finden.

Die ungarische Politik muss sich an der eigenen Bevölkerung ausrichten und ihnen Ideen, Orientierung und Entscheidungen angedeihen lassen, die dem Wohl des Landes zugutekommen. Anhand dieser Denkweise sind viele Aspekte der Kommunikation und der Politik der ungarischen Regierung zu erklären. Nur von diesem Standpunkt her ist zu verstehen, worauf die politische Führung des Landes hinaus will und welchen Herausforderungen sie sich gerade auch im feinfühligen Umgang mit der eigenen Bevölkerung zu stellen hat. Dies findet seine Entsprechung im Freiheitswillen der ungarischen Politik mit internationalen Akteuren, oftmals mit den Verantwortlichen der Europäischen Union.

Ungarn reagieren empfindlich auf Regierungshandeln

Die Ungarn gelten als große Individualisten und Freiheitskämpfer. Neben den geschichtlichen und politischen Aspekten sind diese Befindlichkeiten und Einstellungen im tagtäglichen Leben der Menschen auszumachen. Die Postdiktaturgesellschaft erlebte in den Neunzigerjahren einen in Deutschland kaum erklär- oder begreifbaren Boom an individuellen Freiheitsrechten, der darin gipfelte, staatliche Maßnahmen immer skeptisch zu begegnen, fast rundweg abzulehnen und sie nur dann zu befolgen, wenn man selbst den Nutzen eingesehen hat.

Diese Mentalität lebt auch heute noch fort, weshalb es für staatliche Vertreter bis hin zur höchsten Führung des Landes so mühselig ist, das Land zu regieren. Seit 2010 gibt es indes eine geistig-moralische Wende, die zumindest in einigen Teilbereichen der Gesellschaft einen fairen Ausgleich zwischen Individualinteressen und Gemeinwohl herzustellen bestrebt ist. Für die freiheitsverliebten Ungarn sind die oftmals notwendigen und nützlichen Maßnahmen ein erstes Zeichen einer Einengung ihrer Freiheit. Denn das, was in Europa als Regierungshandeln gilt, wird in Ungarn zunächst einmal als Einschränkung wahrgenommen. Sie machen dann ihrem Unbehagen und ihrem Ärger lautstark Luft – für nichtsahnende Beobachter aus dem Ausland kann es sich bei den kritisierten Maßnahmen in ihren Augen wohl nur um Schritte Richtung Freiheitsentzug und Diktatur handeln, sonst würden die Leute ja nicht so massiv aufbegehren.


Der Autor ist Direktor des Deutsch-Ungarischen Instituts für Europäische Zusammenarbeit,
Mathias Corvinus Collegium Budapest/Ungarn.

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