Abschied nehmen um wiederzukommen

Die Liebe des Niklaus und der Dorothea von Flüe. Von Barbara Stühlmeyer
Blick auf die Obere Ranftkapelle
Foto: KNA | Gott in der Abgeschiedenheit zu suchen ist für Familienväter ein seltener Luxus. Die Obere Ranftkapelle mit der Klause des heiligen Niklaus von Flüe erinnert an einen ungewöhnlichen Glaubensweg.

Niklaus von der Flüe ist ein Heiliger, der viele anspricht. Einer, der zupacken konnte, der als Bauer und Vater einer vielköpfigen Familie seinen Mann stand. Einer, der Rat zu geben wusste und auch in der Gemeinschaft seines Dorfes politisch aktiv war. Einer, der seinen Glauben ernst nahm, der mitten in seinem anstrengenden Alltag die Zeit zum Beten fand und sich stellte, als Gott ihn mehr und mehr an sich zog. Was die in einer langen Phase der Auseinandersetzung mit sich selbst, seiner Frau und seiner Familie herangereifte Entscheidung, in der Mitte seines Lebens eine völlig neue Richtung einzuschlagen und ganz Gott zu gehören, für die Familie bedeutete, erzählt dieses Buch.

Die Autoren, Niklaus Kuster, Kapuziner und Dozent an der Universität Luzern sowie den Ordenshochschulen in Madrid und Münster für Kirchengeschichte und Spiritualität sowie Nadia Rudolf von Rohr, die die Franziskanische Laienbewegung in der Deutschschweiz leitet, in der Erwachsenenbildung und als Reisebegleiterin arbeitet, geben in ihrer Darstellung der Lebensgeschichte des Niklaus von der Flüe seiner Frau Dorothea eine Stimme. Sie, die von Papst Johannes Paul II. bei einem Besuch im Ranft ebenfalls heiliggesprochen wurde, war, wenn man so will, die nach Niklaus am meisten vom der radikalen Wendung in seinem Leben Betroffene.

Wie die Familie unter der Situation zu leiden hatte

Einfühlsam und mit vielen spannenden historischen Informationen durchsetzt, die das Leben in der Schweiz im 15. Jahrhundert plastisch vor Augen stellen, schildert Dorothea, wie sie schon als Kind bewundernd zu Niklaus aufblickt und mit vierzehn gerne die Frau des damals schon 29-Jährigen wurde. Sie beschreibt das Hineinwachsen in die Ehe, aus der schon bald eine schnell wachsende Familie mit vielen Kindern wird und schildert das gemeinsame Gebet der Familie und die Einübung der Rollen, bei der der Vater die Jungen in die Arbeiten mit dem Vieh und Dorothea die Mädchen in die Aufgaben in Haus und Garten einführt.

Ganz langsam legen sich, auch in der Erzählung sukzessive eingeflochten, Schatten über das bis dahin glückliche Familienleben. Niklaus' länger werdende Gebete bringen ihm nun nicht nur die Erfahrung der Ruhe und der Beglückung durch die Gegenwart Gottes, sondern auch Kämpfe. Nicht mit etwas, sondern vielmehr mit dem machtvollen Widersacher. Niklaus Kuster und Nadia Rudolf von Rohr kommen aus einer Denkschule, die Begriffe wie Teufel oder Satan eher scheut. Die Autoren bemühen sich, Brücken aus Worten zu bauen, die das Verstehen jener Auseinandersetzung ermöglicht, in die Niklaus sich gestellt sah.

Wie so oft war der Kampf mit dem Bösen, der sich schließlich in auch für die Familie sichtbaren Zeichen entlud – einer seiner Söhne wurde Zeuge, als Niklaus plötzlich von einer unsichtbaren Macht durch die Luft geschleudert wurde und bewusstlos am Boden liegenblieb – ein Indikator für eine innere Entwicklung, die unaufhaltsam nach außen drängte. Natürlich war Dorothea neben dem Priester, der ihn begleitete, die erste, mit der Niklaus über seine Sehnsucht nach einem neuen, ganz anderen Leben sprach.

Dass sie nicht begeistert war, kann jeder verstehen. Denn die dunkle Zeit des Ringens hatte gerade zu einer neuen, engeren Gemeinschaft zwischen ihnen geführt und Dorothea war wieder schwanger. Dass sie es nicht ideal fand, dass ihr Mann ihr gerade in diesem Moment eröffnete, er wolle sie und die Familie verlassen, um auf einer Pilgerfahrt mit ungewissem Ausgang Gott zu suchen, kann man sich vorstellen. Zwar hatte Niklaus Verhalten schon zuvor zu Konflikten geführt. Die schon nahezu erwachsenen Söhne beklagten sich seit langem über den immer abwesender wirkenden Vater, der einfach nicht zum Melken erschien, die Arbeit auf dem Feld ihnen überließ und forderten, dass Niklaus, wenn er schon nicht mehr verlässlich war, ihnen den Hof doch lieber gleich übergeben solle. Doch wie es mit solchen Forderungen zu sein pflegt, waren auch sie nicht froh, als sie erfuhren, dass ihr Vater genau dies tun und die Familie verlassen wollte. Dorothea holte sich Rat, sprach mit dem Pfarrer, fragte andere Frauen, deren Männer ebenfalls Pilgerfahrten unternommen hatten und die davon berichteten, wie dies ihrer Ehe neuen Schwung und mehr Tiefe verliehen habe.

Doch ihr Fall lag offenkundig anders. Niklaus wollte gehen, für immer. Und er brauchte dafür ihre Zustimmung, ihr Wohlwollen, ihren Segen. Und den ihrer gemeinsamen Kinder. Das zu bewerkstelligen war schwer und dass es der Familie gelang, ist bemerkenswert. Doch als Niklaus schließlich ging, kehrte damit noch lange keine Ruhe auf dem Hof in Flüe ein. Denn kaum war er weg, kehrte Niklaus auch schon wieder zurück. Im Gehen war ihm klar geworden, dass er zwar weggehen musste, um sein neues Leben mit Gott zu beginnen, dass sein Ziel aber doch eher der nahegelegene Ranft als das bei Santiago gelegene Ende der Welt war. Man könnte meinen, dass dies für die Familie eine Verbesserung gewesen wäre.

Eine Berufung, die beängstigend wirkte

Aber Dorothea schildert es anders. Die Nähe – nur eine Viertelstunde Fußweg – machte die Situation zu einer schwärenden Wunde. Die Fernnähe musste mühsam eingeübt werden und außerdem war es für die Familie ganz einfach peinlich, dass der Vater den Winter über in einer selbstgebauten Hütte aus Zweigen und Holzlatten lebte, an keiner Familienfeier mehr teilnahm und aufhörte zu essen. Sie fürchteten schlicht, dass er am Ende doch den Verstand verloren hatte oder an seiner sehr besonderen Form der Spiritualität zugrunde gehen würde.

Ebenso langsam, wie Niklaus sich seiner Familie entfremdete und den Schritt in sein neues Leben wagte, bildete sich inmitten dieses besonderen Gewirrs aus Schmerz und liebender Annahme das neue Leben von Niklaus und Dorothea. Nachdem er ihre Besuche zunächst abgewehrt hatte, fanden sie zu einer neuen Gesprächsgemeinschaft und Niklaus' Einsamkeit öffnete sich weit, weil er zu einem Ratgeber wurde, an den sich zunächst das nähere Umfeld und schließlich sogar politische Verantwortungsträger aus anderen Ländern wandten. Es war also nicht nur die Familie, die Kompromisse machte, auch Niklaus' selbst sah ein, dass ein festes Haus mit einem Dach über dem Kopf und einem Ofen seiner Zwiesprache mit Gott nicht schaden würde. Die Nahrungslosigkeit aber war eine Gabe Gottes, die sein Umfeld mit Staunen, wenngleich nicht ohne sorgsame Überprüfung akzeptierte.

Fernnahe Liebe ist ein sensitiv geschriebenes Buch, das wegweisend wirken kann, wenn es darum geht, in einer Ehe dem anderen den nötigen Freiraum zu lassen und doch die Bindung zu bewahren. Insofern ist es ein Zeichen für unseres Zeit und die Lektüre sehr empfehlenswert.

Niklaus Kuster, Nadia Rudolf von Rohr: Fernnahe Liebe. Niklaus und Dorothea von Flüe
Patmos, Ostfildern, 2017, 192 Seiten, ISBN978-3-8436-0876-3, EUR 19,60

Themen & Autoren
Gott Johannes Paul Johannes Paul II.

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