Ukraine

Ukrainische Katholiken: Kirche im Überlebenskampf

Die ukrainischen Katholiken des byzantinischen Ritus blicken auf eine leidvolle Geschichte von Invasionen, Verleumdungen und Verfolgungen zurück.
Untergrundkirche
Foto: Archiv Stephan Baier | Bischof Pawlo Wasylyk ließ sich durch Verleumdungen und Verfolgungen nicht einschüchtern. Erst 1990 wurde die Kirche wieder legalisiert.

Das Oberhaupt der ukrainischen Katholiken des byzantinischen Ritus, Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk, sprach es offen aus: „Wir wissen aus der Geschichte, dass jedes Mal, wenn Russland unser Land eroberte, die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche systematisch zerstört wurden. Gott bewahre, dass das jetzt wieder geschieht!“ Historisch wurzelt die griechisch-katholische Kirche der Ukraine ebenso wie die gespaltenen orthodoxen Kirchen in Russland und der Ukraine in der Taufe der „Kiewer Rus“ unter Großfürst Wolodymyr (russisch: Wladimir, deutsch: Waldemar) im Jahr 988.

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Trennung von Kiew

Damals gab es keine Nationen im modernen Sinn. Wolodymyr nahm die Taufe von Konstantinopel her an, der Legende nach wegen als himmlisch empfundenen Liturgie. Sein Reich hielt jedoch stets auch Kontakt zum Papst. Selbst nach dem Schisma von 1054 brachen die Beziehungen zwischen den Metropoliten „von Kiew und der ganzen Rus“ und dem Heiligen Stuhl nie ganz ab.

1448 trennte sich die Moskauer Kirche von der alten Kiewer Metropolie und erlangte 1589 sogar den Status eines Patriarchats. 1596 unterstellte sich in der Union von Brest die Mehrzahl der ukrainischen Bischöfe dem Papst, wobei Rom ihnen die Beibehaltung des byzantinischen Ritus ausdrücklich zugestand. Die Polen, zu deren Staatsverband die westukrainischen Gebiete gehörten, missverstanden diese Union gleichwohl als Einladung zu Latinisierung, was zum Missbehagen zwischen beiden Völkern erheblich beitrug.

Toleranz von Österreich- Ungarn 

1654 fielen die östliche und zentrale Ukraine unter russische Herrschaft, womit eine Russifizierung des Landes und die Unterstellung der Kirche unter das Moskauer Patriarchat begann. Jede Ausdehnung des Zarenreichs brachte den „Unierten“ Russifizierung und Diskriminierung. Als in Folge der Teilungen Polens auch die westliche Ukraine großteils an das zaristische Russland fiel, begann auch hier eine brutale Verfolgung. Zarin Katharina II. löste alle unierten Diözesen und viele Klöster auf. 1837 wurde die gesamte Kirchenverwaltung dem Moskauer Synod der russischen Orthodoxie unterstellt.

Damit schien diese mit dem Papst unierte Teilkirche völlig von Russlands Orthodoxie aufgesaugt und vernichtet zu sein. Doch in einem kleinen Teil des Landes, in dem unter habsburgischer Verwaltung stehenden Galizien und in der Karpato-Ukraine konnte sich die griechisch-katholische Kirche halten. Hier konnten die „Unierten“ ihren Glauben ohne Behinderungen ausüben.
Österreich-Ungarn tolerierte und pflegte die religiöse und sprachliche Vielfalt. Bereits unter Maria Theresia wurde die griechisch-katholische Kirche der römisch-katholischen rechtlich gleichgestellt. In Lemberg (Lviv) gab es unter Kaiser Franz Joseph nicht nur drei katholische Erzbischöfe (für den lateinischen, den byzantinischen und den armenischen Ritus), sondern auch eine große und vitale jüdische Gemeinde. Mit der Zerstörung Österreich-Ungarns endete der Religionsfrieden.

Stalin führte bei der Vernichtung selbst Regie

Die Zwischenkriegszeit war gekennzeichnet von Versuchen einer ukrainischen Staatsbildung, vom Krieg mit Polen im Westen und einer brutalen Russifizierung, die der sowjetische Diktator Josef Stalin am Ende mit einer künstlich ausgelösten Hungersnot – dem berüchtigten Holodomor (Hunger-Mord) – vorantrieb. In den 1930er Jahren verhungerten Millionen ukrainischer Bauern mitsamt ihren Familien, während die Sowjetunion gleichzeitig Millionen Tonnen Weizen ins Ausland verkaufte. Dieser Genozid, der die Identität des Volkes zerstören sollte, war bis zum Ende der Sowjetunion 1991 völlig tabuisiert.

Gleiches gilt für den Vernichtungsfeldzug, den Stalin ab 1945 gegen die „Unierten“ startete. Am 17. Dezember 1945 schrieb der damalige Chef der Kommunistischen Partei in der Ukraine, Nikita Chruschtschow, an Josef Stalin: „Als ich in Moskau war, habe ich Sie informiert über die geleistete Arbeit zur Zerstörung der unierten Kirche und den Übertritt der unierten Geistlichkeit in die orthodoxe Kirche. Als Ergebnis der geleisteten Arbeit bildete sich aus der Zahl der unierten Geistlichkeit eine Initiativgruppe.“ Diese Gruppe wurde bald zum Instrument der Vernichtung der mit Rom unierten Kirche. Die Korrespondenz zwischen Chruschtschow und Stalin beweist, dass der Kreml dabei Regie führte.

Lemberger Synode 

Kurz zuvor war das populäre Oberhaupt der unierten Katholiken verstorben: Metropolit Andrej Scheptyzkyj (oft Andrey Sheptytskyj geschrieben), der seine Kirche von 1900 bis 1944 geleitet, sie geschickt und mit sicherer Hand durch insgesamt sieben politische Regimewechsel gesteuert und sowohl Kommunisten wie auch Nazis scharf kritisiert hatte. Dennoch warf die Sowjetpropaganda den ukrainischen Katholiken des byzantinischen Ritus nun Kollaboration mit den Nazi-Besatzern und damit Vaterlandsverrat vor.

In Zusammenarbeit mit der Sowjetregierung und dem Moskauer Patriarchat inszenierte die erwähnte Initiativgruppe im März 1946 eine „Lemberger Synode“, auf der die „freiwillige Selbstauflösung“ der griechisch-katholischen Kirche und ihre „freiwillige Rückkehr in den Schoß der Russisch-Orthodoxen Kirche“ proklamiert wurde. Freiwillig war daran gar nichts.

Am 11. April 1945 wurde Metropolit Josyf Slipyj zusammen mit allen seinen Bischöfen verhaftet und in sibirische Straflager deportiert. Binnen weniger Monate wurden mehr als 800 Priester sowie hunderte von Ordensleuten und Laien festgenommen und deportiert. Die gesamte Hierarchie der ukrainischen Kirche des byzantinischen Ritus litt in sowjetischen Arbeitslagern. Der spätere Kardinal Slipyj wurde von einem Militärgericht wegen „antisowjetischer Agitation und Propaganda“ verurteilt. Doch während alle anderen Bischöfe in Stalins Lagern umkamen, wurde Slipyj nach 18 Jahren Haft im Jahr 1963 auf Vermittlung von Papst Johannes XXIII. und US-Präsident John F. Kennedy des Landes verwiesen und nach Rom verbannt.

Im Vatikan hatten viele die „Unierten“ abgeschrieben

Seine Kirche überlebte im Exil – und im Untergrund, wo ich im September 1988 in Begleitung des Augsburger Bischofs Josef Stimpfle dem heldenhaften Untergrundbischof Pawlo Wasylyk und mehreren leidgeprüften katholischen Priestern und Laien begegnen konnte. In Privatwohnungen und in den Wäldern feierten sie heimlich die Heilige Messe. Die Fotos auf dieser Seite schmuggelte ich damals auf Bitte von Bischof Wasylyk aus der Sowjetunion; sie wurden im Oktober 1988 erstmals in der „Tagespost“ veröffentlicht.

Kraftvolle Kirche 

Nicht nur in Moskau, auch im Vatikan hatten viele die unierten Ukrainer bereits abgeschrieben, doch Papst Johannes Paul II. hob sie 1988 mit einem Apostolischen Schreiben neu ans Licht. Der Staatszerfall der Sowjetunion brachte der griechisch-katholischen Kirche nicht nur die Legalisierung, sondern einen neuen Frühling. 1991 konnte Slipyjs Nachfolger, Kardinal Myroslav Lubachivsky, triumphal aus dem Exil in die Ukraine heimkehren. Als Papst Johannes Paul II. im Jahr 2001 nach Lemberg eilte, versammelten sich hier fast eineinhalb Millionen Katholiken zur Messe im byzantinischen Ritus: Der päpstliche Mauerbrecher aus Polen erlebte im westukrainischen (einstmals polnischen) Lemberg die Renaissance einer Teilkirche, die kraftvoll und neu, in vielen Berufungen erblühend aus den Katakomben sowjetischer Tyrannei auferstanden war.

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