Feuilleton

Es besteht noch kein Wille, Entschuldigung zu sagen

Ein Gespräch mit Andriy Mykhaleyko, dem Direktor des Instituts für Kirchengeschichte an der Ukrainischen Katholischen Universität in Lemberg (Lviv). Von Stephan Baier
Bischof Pawlo Wasylyk feierte seine Messen in Privathäusern, auf Wiesen und in Wäldern.
Foto: Archiv Baier | Ein Dokument der Verfolgungszeit: Bis 1989 feierte der unierte Bischof Pawlo Wasylyk seine Messen in Privathäusern, auf Wiesen und in Wäldern.

Um die Stellung der mit Rom unierten Griechisch-Katholischen Kirche in der Ukraine zu verstehen, muss man wissen, dass die Sowjetunion 1946 versuchte, diese Kirche völlig zu liquidieren.

Die eigentliche Geschichte der Liquidierung begann bereits 1939. Nach dem Molotow-Ribbentrop-Pakt wurde die West-Ukraine in die ukrainische Sowjetrepublik eingegliedert. Zwischen 1939 und 1941 versuchten die Sowjets bereits, die Tätigkeit der Kirche einzuschränken. Zeitschriften wurden verboten. Die Priester durften nicht mehr in die Schulen. Es gab auch Versuche, einige Priester als Agenten anzuwerben, unter anderen den späteren Leiter der Initiativgruppe, der die Zusammenarbeit mit dem Staat pflegte. Während des Krieges war dieser Kampf nicht mehr aktuell, doch als die Sowjetunion 1944 die West-Ukraine wieder eroberte, hat man zunächst nicht gewagt, die Kirche wieder anzugreifen.

Lag das am Prestige des damaligen Metropoliten Andrej Scheptytskyj, der die griechisch-katholische Kirche von 1900 bis 1944 leitete, im ukrainischen Volk?

Es ist nachgewiesen an sowjetischen Geheimdokumenten, dass die lokalen Behörden dem Staat schriftlich empfohlen haben, die Kirche solange nicht anzugreifen, solange Scheptytskyj lebt. Obwohl er schon krank war, hatte er ein hohes Ansehen in der West-Ukraine. Darum gingen die Behörden vorsichtig vor. Nach dem Tod des Metropoliten aber hat man vier Monate lang versucht, mit der Kirche zu spielen. Die lokalen Behörden empfahlen dem neuen Metropoliten Josyf Slipyj, eine Delegation nach Moskau zu senden, um die kirchlichen Fragen zu klären. Die aus vier Leuten bestehende Delegation war in Moskau und hat die Wünsche der Kirche vorgetragen. Es wurde versprochen, dass die Griechisch-Katholische Kirche dieselben Rechte wie jede andere Religionsgemeinschaft haben wird. Der entscheidende Punkt war aber damals die Stellung der Kirche zur Widerstandsbewegung in der West-Ukraine. Das war nur eine sowjetische Taktik, um Zeit zu gewinnen, denn noch vor dem Kriegsende wurde Josyf Slipyj mit den anderen Bischöfen inhaftiert, ebenso viele Priester. Nach dieser Entmachtung der Kirche, und nachdem die Kirche ihrer Leitung beraubt worden war, begann man von staatlicher Seite einen Prozess der Bildung einer sogenannten Initiativgruppe, welche für alle Belange der Griechisch-Katholischen Kirche zuständig war. Die sowjetischen Behörden sagten, nur jene Priester dürften in ihren Gemeinden bleiben, die ein Dokument dieser Initiativgruppe haben. Man musste sich also bei dieser Initiativgruppe melden, um die Erlaubnis zu bekommen, in der eigenen Gemeinde zu bleiben. Bereits im März hatte Stalin persönlich ein Dokument zur „Liquidierung der Griechisch-Katholischen Kirche und ihrer Vereinigung mit der Russisch-Orthodoxen Kirche“ unterschrieben.

Warum machte man dieses ganze Theater, wo doch jeder wusste oder wissen musste, dass eine Synode ohne die Bischöfe – die ja alle bereits verhaftet waren – keine Legitimität haben kann?

Sie wussten ganz genau, nach welchen Canones die Kirche verwaltet wird. Die Sowjets wollten zumindest eine minimale Rechtsbasis haben: Es gab keine griechisch-katholischen Bischöfe, aber bereits vor der Synode hatte man zwei Priester aus der Griechisch-Katholischen Kirche heimlich zu orthodoxen Bischöfen geweiht. Auf diese Weise versuchte man doch, eine bischöfliche Präsenz zu zeigen.

Welche Rolle spielte die Russisch-Orthodoxe Kirche bei der Exekution der Griechisch-Katholischen Kirche durch Stalin?

Das ist der eigentliche Streitpunkt zwischen den Historikern und zwischen den Kirchen! Die Rolle der Russisch-Orthodoxen Kirche in diesem Prozess ist noch nicht ausreichend studiert, weil es keinen guten Zugang zu den Dokumenten in den sowjetischen Geheimarchiven gibt. Der entscheidende Punkt ist, dass die Russisch-Orthodoxe Kirche keine neuen Bischöfe ohne Erlaubnis der sowjetischen Geheimdienste weihen durfte. Die Sowjets haben aber angeordnet, in der West-Ukraine die Strukturen der russischen Orthodoxie neu einzuführen. Die Russisch-Orthodoxe Kirche wurde also zumindest instrumentalisiert für diese Prozesse.

Gab es nach 1991 irgendeine Form der Entschuldigung seitens der Russisch-Orthodoxen Kirche?

Leider nicht. Es gab nur ein Versöhnungsangebot seitens unseres Kardinals Myroslav Lubachivskyj im Vorfeld des Millenniums der Taufe der Kiewer Rus 1988. Er sagte: Ich reiche die Hand der Versöhnung und hoffe auf ein ähnliches Zeichen von der anderen Seite. 2006 beging man dann das 60-Jahr-Jubiläum der Pseudo-Synode von Lemberg. Aus diesem Anlass hat die Griechisch-Katholische Kirche ein offizielles Dokument publiziert, in dem sie deutlich ihre Positionen dargelegt hat, andererseits aber auch ihre Versöhnungsangebote und ökumenischen Perspektiven. Zur selben Zeit wurde ein Dokument der Russisch-Orthodoxen Kirche vorgelegt, in dem es heißt, dass das 1946 eine legitime Synode war und dass diese Synode den Wunsch einer Mehrheit der griechisch-katholischen Gläubigen zum Ausdruck gebracht habe, sich mit der Russisch-Orthodoxen Kirche zu vereinigen. Daher können wir leider noch nicht von einer Versöhnung in diesen Fragen sprechen.

Dennoch scheint der Umgang der Griechisch-Katholischen Kirche mit den Orthodoxen in der Ukraine viel einfacher und besser geworden zu sein in den zurückliegenden Jahren.

Hier handelt es sich dabei um gemeinsame Stellungnahmen zu gesellschaftlichen und politischen Problemen in der Ukraine. Aber man schließt bewusst die schwierigen Fragen der Geschichte aus. Man will die Fragen, die das historische Gedächtnis angehen, nicht berühren. Und auch nicht die theologischen und dogmatischen Differenzen.

Vieles wurde in der Ukraine zwischen 1945 und 1989 völlig tabuisiert. Die Menschen mussten mit den Lügen leben. Gibt es hier eine Aufarbeitung durch die Impulse, die aus dem ukrainischen Exil gekommen sind oder gibt es innerhalb der Gesellschaft noch Verwerfungen?

Mein Eindruck ist, dass der Staat sich für die Bewältigung der Vergangenheit kaum interessiert. Auch werden diese Fragen vor den Wahlen instrumentalisiert. Wenn ein Politiker oder eine Partei mehr Wähler in der Ost-Ukraine hat, dann übernimmt diese Partei die Terminologie der orthodoxen Kirche, die dort am stärksten ist. Wenn es um eine Partei geht, die in der West-Ukraine die meisten Stimmen will, werden sicher die Positionen der Griechisch-Katholischen Kirche vertreten. Unter Präsident Wiktor Janukowitsch wird wieder eine Kirche als Staatskirche gesehen und behandelt, und alle anderen interessieren die Politik weniger. Wenn es um staatliche Feierlichkeiten geht, ist nur diese eine Kirche vertreten, und zwar die orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats. Auch zur Amtseinführung des Präsidenten kam der Moskauer Patriarch Kyrill persönlich, um eine Andacht zu halten. Das ist ein deutliches Zeichen an die anderen Kirchen, in welche Richtung sich die staatliche Kirchenpolitik bewegt.

Ist die Leidensgeschichte der Griechisch-Katholischen Kirche also nur partiell im Bewusstsein der Bevölkerung?

Ja, denn für einen Teil der ukrainischen Bevölkerung ist das überhaupt keine Leidensgeschichte, sondern es scheint ganz normal, dass die Ostslawen alle orthodox sein müssen. Die Stellung der Orthodoxen Kirche ist immer noch, dass dies eine Rettung der Kirche in der West-Ukraine gewesen sei.

Weiten wir das Thema Vergangenheitsbewältigung aus: In den 30er Jahren führte Stalin bewusst eine Hungersnot in der Ukraine herbei, bei der zwischen acht und zehn Millionen Menschen ums Leben kamen. Gibt es in der Ukraine, die seit zwei Jahrzehnten ein selbstständiger Staat ist, eine historische Aufarbeitung dieses lange künstlich tabuisierten Genozids?

Leider haben wir auch in dieser Frage keinen Konsens in der Ukraine. Ein Teil der Gesellschaft hält diese Hungersnot nicht für einen Genozid des ukrainischen Volkes. Der andere Teil hält es für absichtliche und künstliche Maßnahmen gegen das Volk, die darauf ausgerichtet waren, die Widerstandsbewegung unter den ukrainischen Bauern zu zerstören. Man sieht auch hier eine pro-russische beziehungsweise pro-ukrainische Position. Das Problem ist: Wie viel wird noch von der alten sowjetischen Propaganda geprägt? Für Russland ist das noch ein Problem, denn Russland versteht sich als Nachfolgestaat der Sowjetunion. Russland wehrt sich sehr stark gegen solche Interpretationen der Vergangenheit. Da besteht noch kein Wille, eine Entschuldigung zu sagen.

Wie wichtig ist für die Identitätsfindung des ukrainischen Volkes eine ehrliche und unideologische Beschäftigung mit den Traumata der jüngeren, der sowjetischen Vergangenheit?

Davon bin ich fest überzeugt. Vielleicht aber ist die beste Lösung, 20 Jahre nicht über diese Fragen zu diskutieren. Vielleicht müssen wir erst abwarten, bis alle Quellen vorliegen und alle Materialien aufgearbeitet sind. Das größte Problem ist ja die Einmischung der Politik in diese historischen Fragen. Sie versuchen immer, wenn es um die Wahlen geht, diese Angelegenheiten politisch zu instrumentalisieren. So werden diese Fragen zur Ideologie gemacht. Und so wird das Gedächtnis der Menschen manipuliert. Ich bin als Historiker dafür, dass zunächst die Quellen von den Fachleuten studiert werden. Erst dann wird es zu einer Versöhnung kommen können. Ich hoffe, dass die neue Generation diese Fragen neu auslegt.

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