Vatikan

Karl Rahner: Neue Art der Theologie

In der lockeren „Tagespost“-Serie über die „Köpfe des Konzils“ ist die Reihe an einen Vordenker und Gewährsmann für heutige Debatten: Karl Rahner und seine Neuinterpretation der Lehre.
Karl Lehmann und Karl Rahner
Foto: Ernst Herb (KNA) | Der spätere Bischof und Kardinal Karl Lehmann (m.) arbeitete als Assistent von Karl Rahner (r.) zwischen 1964 und 1967 an den Universitäten von München und Münster und erlebte auch das Zweite Vatikanische Konzil in ...

Fragt man nach den bedeutendsten Theologen des vergangenen Jahrhunderts, fällt in deutschen Landen immer wieder der Name Karl Rahner. So verwundert es nicht, dass auch sein theologisches Denken in die Diskussionen und Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils eingeflossen ist. Anders als damalige theologische Newcomer wie Joseph Ratzinger oder Karol Wojtyla nahm Rahner zu Beginn der sechziger Jahre als gestandener und bekannter Innsbrucker Theologieprofessor am Konzil teil. Schon in die Vorbereitung war er eingebunden, zunächst für den Wiener Kardinal Franz König, später dann im Auftrag von Johannes XXIII. als Peritus und somit offizieller Berater des Konzils.

Distanz zwischen deutschen Theologen und Rom

Dabei ist bereits die Berufung Rahners durch Kardinal König einer Erwähnung wert, verdeutlicht sie doch die bis heute vor-herrschende Distanz zwischen vielen deutschsprachigen Theologen und dem römischen Kirchenapparat. In einem unveröffentlichten Vortrag Kardinal Königs aus dem Jahr 1994 berichtet dieser darüber, wie er den Theologen Rahner während des Konzils erlebt hat.

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Er selbst war derjenige, der Rahner als seinen Berater beim Konzil dabeihaben wollte. Doch als er diesem seine Entscheidung mitteilte, habe Rahner geantwortet: „Ja, wie stellen Sie sich das denn vor? Ich war noch nie in meinem Leben in Rom. Es scheint, dass man gegen meine Lehr- und Schreibweise bereits Bedenken habe. Was werden also die Römer sagen, wenn ich da plötzlich als Konzilstheologe auftauche?“

Neue Art, Theologie zu schreiben

Grund für die geäußerte Skepsis war nach Ansicht von Kardinal König Rahners neue „Art, Theologie zu treiben“. In gewisser Weise ähnlich wie beim jungen Karol Wojtyla ging es Rahner darum, den einzelnen Menschen in den Blick zu nehmen und die christliche Theologie so in Worte zu fassen, dass sie von den Menschen verstanden wird. Im Unterschied zu Wojtyla, der in seiner Sichtweise keine Zweifel an der tradierten Lehre ließ und den Einzelnen in der Verbindung von Wahrheit, Freiheit und Verantwortung in diese Lehre hineinzuholen versuchte, wählte Rahner den Weg einer Neuinterpretation der Lehre, die auf den Menschen der damaligen Gegenwart zugehen sollte.

Wenngleich folglich die Herangehensweise grundverschieden war, bleibt der Adressat doch derselbe: der Mensch. Diese Sichtweise bringt auch Kardinal König im angesprochenen Vortrag auf den Punkt, wenn er herausstellt: „Das Grundanliegen Rahners war der Mensch sowie der Dienst der Theologie an der Seelsorge.“

Elaborate des Selbstsicheren

Rahners Mitarbeit am Konzil begann mit der Vorbereitung des kirchlichen Großereignisses. Für Kardinal König setzte er sich mit allen von der Kurie vorbereiteten Textentwürfen auseinander und unterrichtete den Kardinal über die Ergebnisse seiner Textbegutachtung. Und diese fiel zuweilen äußerst kritisch aus.

So habe Rahner dem Wiener Kardinal beispielsweise geschrieben: „Nein, diese Schemata (Entwürfe) tun nicht alles, was man tun kann; sie sind die Elaborate der gemächlich Selbstsicheren, die ihre Selbstsicherheit mit der Festigkeit des Glaubens verwechseln, …es sind die Elaborate von guten und frommen Professoren, …selbstlos, aber einfach der Situation von heute nicht gewachsen.“ Während des Konzils war Rahner sodann insbesondere in den Arbeitsgruppen tätig, die sich mit der Kirche und ihrem Verhältnis zur Welt sowie mit der göttlichen Offenbarung auseinandersetzten.

Wandel des 20. Jahrhunderts

Dabei wurde Rahner klar, dass sich im Laufe des 20. Jahrhunderts ein grundlegender Wandel vollzogen hatte. Die Kirche war zwar schon aufgrund ihres Katholischseins Weltkirche; dieser Aspekt war im Zuge von Globalisierung und weltweiter Vernetzung jedoch wesentlich deutlicher in Erscheinung getreten als in den fast zwei Jahrtausenden zuvor. Dies aber hatte zwangsläufig Auswirkungen auf die Sicht auf den Menschen und das Verhältnis der Kirche zu den nicht-christlichen Religionen. Hier mussten Antworten formuliert, Standortbestimmungen vorgenommen und Lösungen gefunden werden.

Das Konzil fand sie unter anderem in den Erklärungen „Nostra aetate“ und „Dignitatis humanae“, den beiden Texten zum Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen und zur Religionsfreiheit. Kardinal König formuliert dies in besagtem Vortrag auch dahingehend, „dass heute nach der Lehre des Konzils die Zahl der Geretteten nicht mehr identisch ist mit denen, die innerhalb der christlichen Kirche sich befinden“.

Sorge um das Seelenheil der Menschen

Mit dieser Feststellung ist der Bogen zu einem der wichtigsten und bekanntesten Begriffe in Rahners Theologie geschlagen: den anonymen Christen. Wieder geht es hierbei grundsätzlich um die Sicht auf den Menschen. Diesmal aber – anders als beispielsweise bei Wojtyla – auch um den Menschen, der nicht im christlichen Glauben behaftet ist, der nicht einmal diesem Glauben angehört, vielleicht sogar nie mit ihm in Berührung gekommen ist. Es ist diese Sicht auf den Menschen, die Sorge um sein Seelenheil, die Rahner um- und antreibt, die das Konzil unter anderem in der Wertschätzung nichtchristlicher Glaubensüberzeugungen aufgreift und die auch Eingang in die Dogmatische Konstitution „Lumen gentium“ finden.

Denn dort ist zu lesen: „Wer nämlich das Evangelium Christi und seine Kirche ohne Schuld nicht kennt, Gott aber aus ehrlichem Herzen sucht, seinen im Anruf des Gewissens erkannten Willen unter dem Einfluss der Gnade in der Tat zu erfüllen trachtet, kann das ewige Heil erlangen.“ Hier wird deutlich, wie sehr das Konzil zum einen die Themen aufgriff, die Rahners theologisches Denken schon vorher bestimmt hatten, wie sehr andererseits aber auch die Auseinandersetzung mit diesen Themen während des Konzils ihren Einfluss auf Rahners weiteres theologisches Denken und Arbeiten genommen hat.

Das Erbe Karl Rahners

Für Rahner erlangte während des Konzils und weit darüber hinaus noch ein anderer Aspekt Bedeutung. Dabei ging es um die Frage, die gerade gegenwärtig und wiederum primär von deutschsprachigen Bischöfen aufgegriffen und für die eigene theologische Marschrichtung ins Feld geführt wird. Es handelt sich dabei – mit Rahner formuliert – um die Frage, „wie die Einheit der Kirche mit einem legitimen Pluralismus der Teilkirchen (Kulturen) vereinbart werden kann“.

In allem Gesagten wird deutlich, wie sehr der Theologe Rahner in seinem theologischen Denken mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil untrennbar verwoben ist. Kardinal König resümiert: „Wenn die Kirche mit dem letzten Konzil einen gewaltigen Sprung nach vorne getan hat, so ist es vor allem auch das kaum überschaubare Erbe Karl Rahners, der uns stets aufs Neue ermutigt, uns den Herausforderungen der Zeit zu stellen und den eingeschlagenen Weg weiterzugehen, ohne durch übertriebene Kritik verunsichert in Mutlosigkeit steckenzubleiben.“

Die Reformer von heute können folglich in Karl Rahner einen Gewährsmann sehen, einen Vordenker, der auch das Zweite Vatikanische Konzil in seinem Sinne mitgeprägt hat und indirekt noch Einfluss auf gegenwärtige Debatten nimmt.

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