Vatikanstadt

Der Papst hat es versucht

Doch den russischen Patriarchen Kyrill konnte Franziskus nicht zu einer Friedensinitiative gegen das „sinnlose Massaker“ in der Ukraine bewegen.
Papst Franziskus
Foto: IMAGO/ALESSIA GIULIANI / ipa-agency.ne (www.imago-images.de) | Papst Franziskus hat versucht, Kyrill zu einer Friedensinitiative zu bewegen.

Eigentlich war es unmissverständlich, was Papst Franziskus bei einer Videokonferenz vor einer Woche dem Moskauer Patriarchen Kyrill ins Gesicht gesagt hatte: „Die Kriege sind immer ungerecht. Denn wer zahlt, ist das Volk Gottes ... Der Krieg ist nie der Weg. Der Geist, der uns eint, verlangt von uns als Hirten, den Völkern zu helfen, die unter dem Krieg leiden.“ Doch Putins Mann im Patriarchat blieb eisenhart. Zwar erinnerte Franziskus sein Gegenüber – das aus dem Patriarchat der Russisch-Orthodoxen Kirche in Moskau zugeschaltet war – an die geistliche Pflicht: „Wir sind Hirten desselben Volkes Gottes, das an Gott glaubt, an die Allerheiligste Dreifaltigkeit, an die heilige Mutter Gottes: Deswegen müssen wir unsere Kräfte vereinigen, um dem Frieden zu dienen, um mit denen, die leiden, Wege des Friedens zu suchen, um das Feuer einzustellen.“

Dissens zwischen Papst und Patriarch könnte tiefer nicht sein

Bei der Videoschalte war auf vatikanischer Seite Kardinal Kurt Koch vom vatikanischen Einheitsrat mit dabei, neben Kyrill saß Metropolit Hilarion, der Chef des Amtes für die Auswärtigen Beziehungen im Moskauer Patriarchat. Doch der Aufwand lohnte sich nicht. Die Begegnung beider Kirchenführer, so hieß es im vatikanischen Kommuniqué kurz darauf, sei von dem Willen geleitet gewesen sein, „als Hirten ihres Volkes einen Weg zum Frieden zu weisen“. Nett formuliert – aber letztlich doch blauäugig. Der Dissens zwischen Papst und Patriarch könnte tiefer nicht sein.

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Denn Kyrill, der am gleichen Tag ebenfalls per Video mit dem Anglikanischen Primas und Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, sprach, ließ sich auch von Franziskus persönlich nicht im Geringsten umstimmen. Am Sonntag zuvor hatte er in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale dem Kommandanten der in der Ukraine kämpfenden Nationalgarde eine Marien-Ikone mit den Worten überreicht: „Möge dieses Bild junge Soldaten inspirieren, die den Eid ablegen und den Weg der Verteidigung des Vaterlandes einschlagen.“

Patriarch segnet Krieg mit Gottesmutter

Das Bild von Kyrill, dem Kommandanten Viktor Solotow und dem Gnadenbild Mariens, war um die ganze Welt gegangen und hatte für Entsetzen gesorgt – so, als segne der orthodoxe Patriarch Putins Angriffskrieg auch noch mit der Gottesmutter. Die Antwort des Papstes ist bekannt: Zwei Tage später, am Vorabend des Tags der Videokonferenz mit Kyrill, kündigte Franziskus an, Russland und die Ukraine am 25. März der Gottesmutter Maria weihen zu wollen.

Und kaum hatte Franziskus dem Moskauer Kirchenführer persönlich zu seiner Aufgabe als Friedensstifter gedrängt, machte Kyrill deutlich, dass er sich überhaupt nicht von dem Drängen des Papstes beeindrucken ließ. Vor dem Obersten Kirchenrat wiederholte er zwei Tage später das Narrativ Putins von dem gemeinsamen „historischen Schicksal“ der Russen und Ukrainer, was die russische Kirche trotz des „sehr negativen politischen Kontextes“ dazu verpflichte, „die geistige Einheit unseres Volkes – des russischen und des ukrainischen Volkes – als ein einziges Volk zu bewahren, das aus dem Kiewer Taufbecken hervorgegangen ist“.
Fast zynisch klangen seine Worte, zwischen ihm und Papst Franziskus bestehe „ein hohes Maß an Übereinstimmung und Verständnis“ zum Krieg Russlands gegen die Ukraine.

Grausam, unmenschlich und frevelhaft!

So war Franziskus am vergangenen Sonntag frei genug von allen ökumenischen Rücksichtnahmen, um seine bisher kräftigsten Worte gegen den Krieg in der Ukraine zu finden. „Die gewaltsame Aggression gegen die Ukraine“ gehe unvermindert weiter, sagte er gleich nach dem Gebet des „Angelus“, es sei „ein sinnloses Massaker, bei dem sich die Gräueltaten jeden Tag wiederholen. Dafür gibt es keine Rechtfertigung! Ich appelliere an alle Akteure der internationalen Gemeinschaft, echte Anstrengungen zu unternehmen, um diesen abscheulichen Krieg zu beenden“.

Der Papst erinnerte daran, dass er am Samstag zuvor das vatikanische Kinderkrankenhaus „Bambino Gesù“ besucht hatte. „Ich habe die verwundeten Kinder besucht, die hier in Rom sind. Einem fehlt ein Arm, das andere hat eine Kopfverletzung... Unschuldige Kinder. Ich denke an die Millionen von ukrainischen Flüchtlingen, die fliehen müssen und alles zurücklassen, und ich empfinde große Trauer für diejenigen, die nicht einmal die Chance haben zu fliehen.“ Der Krieg sei angesichts der Leiden der Unschuldigen und Kinder sogar ein „Sakrileg“, denn er richtet sich „gegen die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens, vor allem gegen das wehrlose menschliche Leben, das geachtet und geschützt werden muss, nicht beseitigt werden darf, und das vor jeder Strategie steht! Vergessen wir nicht: Es ist grausam, unmenschlich und frevelhaft!“

Damit die Königin des Friedens der Welt den Frieden bringt

Ein Wort richtete der Papst auch an die Geistlichen in der Ukraine: „Es tröstet mich zu wissen, dass die Menschen, die unter den Bomben geblieben sind, die Nähe der Hirten nicht vermissen, die in diesen tragischen Tagen das Evangelium der Nächstenliebe und der Brüderlichkeit leben. In den letzten Tagen habe ich einige von ihnen am Telefon gehört, wie nah sie dem Volk Gottes sind.“ Besonders erwähnte er den Nuntius in der Ukraine, Erzbischof Kulbokas, der mit seinen Mitarbeitern in Kiew geblieben ist. Franziskus endete mit der Einladung an alle Gemeinschaften und alle Gläubigen, mit ihm morgen, am Hochfest der Verkündigung, den Akt der Weihe der Menschheit, insbesondere Russlands und der Ukraine, an das Unbefleckte Herz Mariens zu vollziehen, „damit sie, die Königin des Friedens, der Welt den Frieden bringt“.

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