Kirche

War Papst Pius XII. ein Antisemit?

Am 9. Oktober 1958 starb der Pacelli-Papst. Seine Seligsprechung stockt auch sechzig Jahre später. Von Michael F. Feldkamp
Pius XII.: Kühle Diplomatie oder Ausdruck von Sympathie für das NS-Regime?
Foto: KNA | Kühle Diplomatie oder Ausdruck von Sympathie für das NS-Regime?: Kardinalstaatssekretär Pacelli (Mitte) und Vizekanzler Franz von Papen (2. von links) unterzeichnen im Juli 1933 das Reichskonkordat.

Um keinen Papst in der nun 2 000-jährigen Kirchengeschichte ranken sich so viele Legenden wie um Papst Pius XI. Selbst die vielen Spekulationen um eine vermeintliche Päpstin Johanna können nicht dagegen an. Vier Epochen der deutschen und europäischen Geschichte hatte Eugenio Pacelli als Friedensunterhändler, Nuntius, Kardinalstaatssekretär und als Papst Pius XII. begleitet und beeinflusst: den Zusammenbruch des Kaiserreichs, die erste Demokratie in Deutschland, den Nationalsozialismus und schließlich den Wiederaufbau eines geeinten Europas.

Das „Schweigen“ zum Holocaust

Ungeachtet seiner Verdienste als Oberhaupt der Kirche begann zu seinen Lebzeiten die Auseinandersetzung um sein „Schweigen“ zum Holocaust. Der kommunistischen Propaganda war Pius XII. schon gegen Ende des Zweiten Krieges ausgesetzt gewesen, als die sowjetische Zeitung „Prawda“ den Papst als Faschisten und als Verbündeten Hitlers bezeichnete. Bereits der NS-Propagandaminister Joseph Goebbels tat diese Äußerung als „geradezu humoristisch“ ab (Tagebuch, 9.1.1945).

1954 erschien im Ost-Berliner Dietz-Verlag das aus dem Russischen übersetzte Werk „Der Vatikan im Zweiten Weltkrieg“. Darin versuchte der Autor, ein gewisser M. M. Scheinmann, unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit zu belegen, der Papst habe sich mit Hitler gegen den Bolschewismus verschworen und zum Preis dafür beim Mord an den Juden tatenlos zugesehen. Fortan stand die These vom Papst als einem Antisemiten im Raum.

Hat Papst Pius XII. eine Mitverantwortung?

Der Schriftsteller Rolf Hochhuth griff in seinem im Februar 1963 uraufgeführten Drama „Der Stellvertreter“ diese Thesen auf. Er unterstellte dem Papst, dieser habe eine „Mitverantwortung“ an der Vernichtung der europäischen Juden. Intellektuelle wie Ludwig Marcuse, Martin Niemöller und Martin Walser stellten sich auf die Seite von Hochhuth.

Zu den Verteidigern von Pius XII. zählte sein langjähriger Pro-Staatssekretär Giovanni Battista Montini, der einer der engsten Mitarbeiter des Pacelli-Papstes war. Ihn hatte Pius XII. 1954 zum Erzbischof von Mailand ernannt, ohne ihn jedoch zum Kardinal zu kreieren. Das wurde von Beobachtern als ein Zerwürfnis zwischen beiden gewertet. Vor diesem Hintergrund ist die Verteidigung durch Montini sogar unverdächtig, der wenige Tage vor seiner Wahl zum Papst (Paul VI.) im Juni 1963 in einem Leserbrief für die in England erscheinende katholische Zeitschrift „The Tablet“ die Behauptungen Hochhuths als falsch und geschichtsfremd zurückwies.

Die Verteidigung durch Giovanni Battista Montini

Montini, der allerdings während des Zweiten Weltkriegs im Staatssekretariat nicht mit außenpolitischen Fragen beschäftigt war, schrieb: „Gesetzt den Fall, Pius XII. hätte das getan, was ihm Hochhuth vorwirft, nicht getan zu haben, dann hätte das zu derartigen Repressalien geführt, dass der gleiche Hochhuth mit größerer geschichtlicher, politischer und moralischer Einschätzung nach Kriegsende ein anderes Drama hätte schreiben können, das er so mutig, aber so unglücklich in Szene gesetzt hat, nämlich das Drama des ,Stellvertreters‘, dem wegen politischem Exhibitionismus oder psychologischer Unachtsamkeit die Schuld zufallen würde, in der schon sehr gequälten Welt eine noch viel weitere Zerstörung ausgelöst zu haben, weniger zum eigenen Schaden als zum Schaden unglücklicher Opfer.“

Eine Antwort von Paul VI. war die Beauftragung von vier Kirchenhistorikern 1963, die vatikanischen Akten zum Zweiten Weltkrieg zu sichten und zu veröffentlichen. In einem Zeitraum von nur 15 Jahren kamen die elf Bände umfassenden „Actes et documents du Saint Siege relatifs a la seconde guerre mondiale“ mit insgesamt 7 664 Seiten heraus, in denen alle wichtigen Akten und Dokumente des Heiligen Stuhls zum Zweiten Weltkrieg veröffentlicht wurden.

Neue Quellen entlasten den Papst ebenfalls

Diese Forscherleistung wurde in den letzten Jahren durch neue Quellen, darunter britische und amerikanische Geheimdienstberichte, bestätigt. Auch die Quellen entlasten den Pacelli-Papst. Der Vorwurf, Pius XII. sei mitschuldig am Holocaust, fand von Beginn an Interesse auf jüdischer Seite. Besondere Beachtung fand in den 1960er Jahren die Monographie des israelischen Diplomaten und Religionsphilosophen Pinchas Elias Lapide, der basierend auf Quellen jüdischer Provenienz berechnete, dass die katholische Kirche mindestens 700 000, wahrscheinlich aber sogar 860 000 Juden vor dem sicheren Tod rettete.

Die Diskussion um Pius XII. erhielt erneut Auftrieb, als am 18. November 1965, während der letzten Sitzungsperiode des Zweiten Vatikanischen Konzils, ein Seligsprechungsverfahren für Pius XII. angekündigt wurde, zu dessen Postulator der noch heute in Rom lebende Jesuitenpater Peter Gumpel bestellt wurde. Durch den Seligsprechungsprozess sahen sich nun aber etliche Forscher bemüßigt, Dokumente zu finden, die die Seligsprechung verhindern könnten. Bisher fehlte ihnen nur der Nachweis, Pius XII. sei Antisemit gewesen.

Die Unterstellung nach Amtsantritt

In diesem Zusammenhang unterstellte man Pacelli zunächst, er habe gleich nach Amtsantritt als Papst 1939 eine Enzyklika, genauer gesagt einen Enzyklika-Entwurf, „unterschlagen“, in dem sein Vorgänger den Antisemitismus und Rassismus verurteilen wollte.

Als am 12. März 1998 Papst Johannes Paul II. „das Verbrechen, das als Shoah bekannt wurde“, als „einen untilgbaren Schandfleck in der Geschichte dieses nun zu Ende gehenden Jahrhunderts“ bezeichnete, sahen manche die Möglichkeit, auch den Seligsprechungsprozess von Pacelli zu stoppen. Doch auch in dem Schuldbekenntnis des Papstes von 2000 blieb eine Schuldzuweisung an Pius XII. aus. Durch die Vorbereitung der Seligsprechungen der Päpste Pius IX. und Johannes XXIII. am 3. September 2000 geriet das Seligsprechungsverfahren für Pius XII. erneut in den Blickpunkt.

Schon im Herbst 1999 war die Pius-Biographie von John Cornwell erschienen. Hatte Hochhuth das Schweigen des Papstes 1963 mit Geldgier zu erklären versucht und der Genfer Historiker Saul Friedländer 1964 mit Pacellis tiefem Antikommunismus, so glaubte Cornwell nun, bei Pacelli einen Antisemitismus von Kindesbeinen an nachzuweisen zu können. Abgesehen davon, dass er entlastende Aktenstücke und Vorgänge unerwähnt ließ, geriet seine Darstellung des Frühjahrs 1919 in eine Schieflage, weil er für seine These zentrale italienische Dokumente falsch ins Englische übersetzt.

Schauen wir dazu zurück: Lorenzo Schioppa, nach Pacelli der Zweite Mann in der Münchener Nuntiatur, beantragte am 18. April 1919 eine Schutzerklärung von dem „Volksbeauftragten des Auswärtigen“ der „Räterepublik Baiern“, Hermann Dietrich. Dazu ging Schioppa in die Münchener Residenz, in der noch wenige Monate zuvor der König gelebt hatte und nun die Revolutionäre hausten. Der Bericht Schioppas an das Staatssekretariat, den Pacelli in seiner Eigenschaft als Nuntius unterzeichnete, verdient deswegen besondere Beachtung, weil er an einer entscheidenden Stelle falsch zitiert beziehungsweise falsch übersetzt wurde. Der Brief wurde tatsächlich missbraucht, um beim Nuntius Antisemitismus ausmachen zu können.

Die Studie „Hitlers Pope“

Der Journalist John Cornwell schrieb in seiner – schon wegen ihres reißerischen Buchtitels – viel beachteten Studie „Hitlers Pope“, dass Pacellis engster Mitarbeiter (also Schioppa) auf eine Gruppe jüdischer Frauen gestoßen sei. Bei Cornwell wird in der englischen Originalausgabe von „female rabble“ gesprochen.

„Female rabble“ bedeutet aber so viel wie „weiblicher Mob“ oder „Pöbel“. In der auf dem englischen Original basierenden deutschen Übersetzung wurde „rabble“ abschätziger als „weiblicher Abschaum“ übersetzt. Im italienischen Original jedoch heißt es lediglich: „A capo di questo gruppo femminile vi e l'amante di Levien: una giovanne russa, ebrea, divorziata, che comanda da padrona. [übersetzt: Anführer(in) der dortigen Gruppe von Frauen ist die Geliebte von Levien: eine junge Russin, Jüdin, geschieden, die als Chefin kommandiert.] Dieser Brief kann jedenfalls nicht als Beleg eines stereotypen Rassismus bei Pacelli gewertet werden. Hier stammen die verbalen antisemitischen Entgleisungen von Cornwell beziehungsweise von seinem Übersetzer.

Zwar hat noch der Harward Historiker Daniel Jona Goldhagen im Jahre 2003 Cornwells Thesen und falscher Übersetzung übernommen. Aber bis heute ist der Beleg für einen Antisemitismus bei Eugenio Pacelli nicht erbracht.

Michael F. Feldkamp hat in den letzten 20 Jahren wiederholt über Papst Pius XII. geforscht und publiziert. Soeben ist sein neues Buch erschienen: Pius XII. – Ein Papst für Deutschland, Europa und die Welt (= Propyläen des christlichen Abendlandes, Band 2), Patrimonium-Verlag, Aachen 2018, ISBN 978-3-86417114-7, € 14,80

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