Buchrezension

Tomáš Halík: Brainstorming gegen das Mittagstief

Der tschechische Theologe Tomáš Halík möchte die Kirche aus ihrer kulturellen Obdachlosigkeit zu neuer spiritueller Tiefe führen
Gerüste an Notre-Dame
Foto: Corinne Simon (KNA) | Wie sich die Substanzlosigkeit hinter den Mauern dieses Kulturchristentums offenbart, beschreibt der tschechische Religionsphilosoph Tomáš Halík in seinem Buch.

Carl Gustav Jung verglich den Verlauf eines menschlichen Lebens einst mit dem Ablauf eines Tages. Während sich am Vormittag des Lebens eine Persönlichkeit entwickelt und sich ihr Image erarbeitet, wird es an der Schwelle des Lebens – in der Mittagskrise – herausgefordert, all jenes in seine Persönlichkeit zu integrieren, was es am Vormittag vernachlässigt hatte. Je nachdem, ob das gelingt, kann ein Mensch weise werden oder verbittern. In jener Analogie sieht der tschechische Religionsphilosoph Tomáš Halík die Kirche und das Christentum heute an der Schwelle zum Nachmittag.

Macht verdrängt Vollmacht

Für die großen Konflikte der gegenwärtigen Mittagskrise will Halík eine Kairologie vorlegen, eine Lehre, diesen Augenblick der Kirchengeschichte zu verstehen. Er erschließt ihn in großen Linien und weist auf die gefährlichen Allianzen mit den Mächten der Welt hin, die das Christentum infolge der Konstantinischen Wende überhaupt erst eine Religion mit kultischem Charakter werden ließen. Die Religion, kultiviert im Schutz starker Kirchenmauern und starrer Dogmen, wurde aus seiner Sicht gleichsam zum Panzer, zur Maske des Christentums.

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Dessen politischer Einfluss verschaffte ihm jene weltliche Macht, die die Vollmacht Jesu, welche die Jünger einstmals begeistert hatte, zu verdrängen begann. Wie eine leer gewordene Gewohnheit, die ein Mensch im Laufe des Lebens etabliert hat, droht auch dem Christentum jene innerliche Leere. Wenn im Mittelalter Kultur und Christentum zu einer Einheit verschmolzen, ist diese Einheit in der Moderne herausgefordert, das Wesen des Christlichen in Konformität zum Zeitgeist als Dienstleisterin für Kultur und Sozialisierung zu suchen.

"Wissenschaft von der Religion"

Hatte sich einst das Christentum die Kultur einverleibt, droht sich nun umgekehrt die Kultur des Christentums zu ermächtigen, wie Halík daran beobachten will, dass die Theologie heute weniger eine „Wissenschaft von Gott“ und mehr eine „Wissenschaft von der Religion“ sein will.

Die Substanzlosigkeit hinter den Mauern dieses Kulturchristentums offenbart sich in der Mittagskrise durch das Offenbarwerden des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch „Geistliche“, durch die Sprachlosigkeit der Kirche in der Zeit von Covid-19, aber auch durch die fehlende Konfliktfähigkeit der kirchenpolitischen Fundamentalisten zwischen Progressiven, welche das „Aggiornamento“ des Konzils „nur im Sinne einer Konformität gegenüber der säkularen Gesellschaft und als unbedachten Ausverkauf der Tradition“ missverstünden, und Konservativen, deren „schicksalhaftes Defizit“ darin bestünde, „dass sie nicht in der Lage sind, eine realistische Alternative zu bieten“. Beiden Seiten fehle das prophetische Verständnis für die Zeichen der Zeit.

Sehnsucht Gottes

Welche Nachmittagsperspektive bietet sich nun? Halík sieht sie nicht in einer Anpassung der Glaubensinhalte, sondern vor allem in einer neuen Art, Christ zu sein. Einerseits bedürfe es des Bewusstseins, dass der Kern des christlichen Glaubens die Sehnsucht Gottes ist, Mensch zu werden und Mitmenschlichkeit gerade in den Abgründen menschlichen Lebens zu zeigen. Die Kirche müsse aus der Sphäre dogmatischer Definitionen zu vorbehaltloser Nächstenliebe geführt werden.

Sie solle weniger die Frage stellen, was sie nun eigentlich ist, als sich vielmehr fragen, wie sie ist. Und dazu brauche es – andererseits – eine Gebetshaltung aus dem Glauben, dass sich Gott in der Welt und im Nächsten finden lässt: Das Gebet ist wichtig, „nicht als ein Mittel, durch das der Mensch Gott beeinflussen könnte, damit er seinen Willen erfüllt, sondern als Erzeugung einer inneren Stille, in der sich der Mensch bemüht, die Anwesenheit des verborgenen Gottes wahrzunehmen und seinen Willen zu verstehen“.

Leben hat Sinn, in Freude und Leid

Auch die Kirchenkrise selbst müsse aus dieser Haltung heraus betrachtet werden, dass der Zeitgeist weder Feind noch Freund der Christen sei, sondern Herausforderung zur geistlichen Unterscheidung. Sie rufe zu einem reifen und demütigen Glauben, welcher den Weg von der Selbstzentrierung zur Selbsttranszendenz bahne.

Die wichtigste Herausforderung für die Evangelisierung in der Gegenwart sieht Halík in der „Wende von der Religion zur Spiritualität“, nach welcher sich Menschen unabhängig von ihrer Kirchenzugehörigkeit sehnten. „Spirituell ist das, was den Sinn betrifft, sowohl den ,Sinn des Lebens‘ als auch den Sinn einer bestimmten Lebenssituation. Für den Menschen ist es notwendig, nicht nur theoretisch zu wissen, sondern wirklich zu erleben und zu erfahren, dass das eigene Leben mit all seinen Freuden und Schmerzen einen Sinn hat.“

Die Sehnsucht geistlich deuten 

Hier verortet der Religionsphilosoph, der zugleich Priester der Erzdiözese Prag ist, auch die Zukunft der Seelsorge. Immer wieder kämen nicht-kirchliche Menschen zu ihm auf der Suche nach Sinn. Gerade die Kategorialseelsorge in Krankenhäusern oder Gefängnissen zeigt die Sehnsucht vieler Menschen, die Wirklichkeit geistlich deuten zu können. Wenn es sich auch in Anbetracht der dargestellten Abgründe jener Kirchenkrise, die Halík in der ersten Hälfte seines zwischen 2015 und 2021 geschriebenen Opus darstellt, als herausfordernd erweist, seinen teilweise provokativen Ausführungen zu folgen, so entschädigt die zweite Hälfte mit einer Hoffnungsperspektive, die der das Schlusskapitel einleitende Absatz gut wiedergibt:

„Nach einer tschechischen Legende hat der Baumeister einer gotischen Kirche in Prag das hölzerne Baugerüst nach dem Ende des Baus anzünden lassen. Als das Feuer aufloderte und das brennende Gerüst in Flammen mit Getöse zu Boden stürzte, geriet der Baumeister in Panik und beging Selbstmord, weil er dachte, sein Bau sei eingestürzt. Mir scheint, dass viele Christen, die in der heutigen Zeit des Wandels in Panik verfallen, einem ähnlichen Irrtum erliegen. Das, was am Einstürzen ist, ist vielleicht nur das hölzerne Gerüst; wenn es verbrannt ist, wird das Gebäude der Kirche zwar Spuren des Feuers aufweisen, aber das Wesentliche, das lange Zeit verdeckt war, wird sich dann erst zeigen.“

Tomáš Halík: Der Nachmittag des Christentums.
Eine Zeitansage. Herder, Freiburg, 320 Seiten, ISBN: 978-3-451-03355-1, EUR 22,–

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