Glaubenskurs

Das Schwache hat Gott erwählt

Die Erneuerung der Kirche geschieht durch die einfachen Menschen. Gebet nach einer Zeit der Gottvergessenheit führt zu einem neuer Glaubenskraft. Die Bibel berichtet immer wieder davon.
Seherkinder von Fátima
Foto: imago stock&people | Die Seherkinder von Fátima erhielten von Gott einen wichtigen Auftrag für die Kirche, obwohl sie in den Augen der Zeitgenossen unbedeutend waren. Foto: Imago images

Nach einem gemeinsamen Mittagessen findet der letzte Teil des Glaubenskurses „Nehmt Neuland unter den Pflug!“ zur Neuevangelisierung der Pfarrgemeinde statt, den meine Pfarrei St. Elisabeth in Dresden zwei Dominikanerinnen aus Wettenhausen zu verdanken hat: Zweimal machten sich Schwester Theresia Mende, die im Bistum Augsburg diesen Kurs entwickelte, und die 25-jährige Schwester Magdalena Braun. Letztere ist eine der diesjährigen Gewinnerinnen des Vocation Music Award. Nicht nur durch ihren Gesang, sondern vor allem mit ihrer unerschütterlichen Freude hat sie zu einer tiefen Atmosphäre der Innerlichkeit und der Österlichkeit beigetragen. Mir wird bewusst, dass sich das Wesentliche dieser Wochenenden nur sehr begrenzt ins Wort bringen lässt: Mehr als ein Text zu seinem Leser kann Gott in das Herz eines Menschen sprechen. Ihm dafür Raum zu geben, in mir und durch mich für andere, ist das Große der prophetischen Berufung, die der Glaubenskurs in mir neu entzündet hat.

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Gott vergessen

Einen großen Bogen spannt Schwester Theresia in dieser sechsten und letzten Einheit, in der es um „Sendung“ gehen soll. Sie geht auf die Situation der Kirche ein: „Junge Menschen leben in einer Umwelt, in der oftmals Gott, Kirche, Glaube und Gebet einfach nicht mehr vorkommen. Ohne bösen Willen lernen sie Gott nicht mehr kennen. Die kleine Herde derer, die sonntags noch den Gottesdienst besuchen, besteht aus überwiegend alten Menschen. Es gibt kaum noch Gebet in den Familien. Viele Kinder kennen nicht einmal das Vaterunser.“
Doch das sei gar nichts Neues. Schwester Theresia vergleicht die Situation mit jener zur Zeit des Gideon (Richter 6–7). „Auch er lebte in einer Zeit der Gottvergessenheit. Die Mentalität der Menschen war davon geprägt, dass es ihnen gut ging – wozu sollten sie einen Gott brauchen? Man zweifelte an seiner Existenz und an seinem Interesse an den Menschen und so lebte man, als gäbe es Gott nicht.“

Erst als die Midianiter, ein Nomadenstamm aus dem nordöstlichen Sinai, sieben Jahre lang ins Land einfallen, die Ernten zerstören, die Herden rauben und das Gottesvolk knechten, wendet sich das Blatt. „Kennen wir das nicht auch? Druck, dem wir nicht gewachsen sind, Stress, Ohnmacht, Hoffnungslosigkeit, Sinnlosigkeit – so heißen die Midianiter unseres Lebens, die uns in die Höhlen von Angst und Resignation treiben.“

 

 

Beginnen zu beten 

Die Israeliten erinnerten sich in der Stunde der Not an ihren Gott und begannen zu beten – und er antwortet durch den Propheten: „Ich habe euch aus der Hand Ägyptens befreit. Ich habe sie vor euch vertrieben und euch ihr Land gegeben. Und ich habe euch gesagt: Ich bin der Herr, euer Gott! Fürchtet nicht die Götter der Amoriter, in deren Land ihr wohnt“ Aber ihr habt nicht auf meine Stimme gehört!“ (Richter 6, 9–10) „Genau daran krankt es auch in unserem Land. Wir leiden nicht in erster Linie an einer Kirchenkrise, sondern an einer Gotteskrise: Die Kinder können ja nichts dafür, dass sie Gott nicht mehr kennenlernen. Dass es zwischen Gott und Mensch ein persönliches Verhältnis der Liebe und einen täglichen Austausch geben könnte, das ist nie in ihren Horizont getreten. Stattdessen werden die modernen Götzen unkritisch verehrt: Studium, Karriere, Beruf, Gesundheit, Wohlstand etcetera“ Während dieser Schilderungen Schwester Theresias fällt mir auf, dass unsere Situation weniger schlecht ist, als man denken könnte: Es gibt keine grundlegende Ablehnung gegenüber Gott. Der Boom der Esoterikindustrie zeugt ja geradezu von der Sehnsucht vieler Menschen, einen letzten Halt zu finden. Ist die eigentliche Kirchenkrise nicht zuerst die Vernachlässigung ihrer prophetischen Sendung?

Im vorliegenden Schrifttext beruft Gott den Gideon gegen all seine inneren Widerstände. „Gideon fragt sich, warum ausgerechnet er von Gott erwählt wird, er fühlt sich schwach, stammt aus einer kleinen Familie und sieht sich nicht verantwortlich für die Not. Das ist auch ein heutiges Problem: Wenn es nicht vorangeht, dann sollen doch Pfarrer und Bischof etwas machen – aber was hat das schon mit den kleinen Gemeindekatholiken zu tun?“ Schwester Theresia geht davon aus, dass die Erneuerung des Bundesvolkes Gottes, der Kirche, immer von unten her geschehe: „Denken Sie an Fatima! Ausgerechnet die ungebildeten Hirtenkinder, die nicht lesen und schreiben und nur ihren Dialekt sprechen konnten, erhalten eine Botschaft, mit der der Weltkrieg hätte verhindert werden können!“

Wenige gegen viele

Zeugnis von der Bedeutung des Missionseifers geben auch die dreihundert Israeliten, die voller Überzeugung angeleitet von Gideon die Midianiter schließlich schlagen und das Volk Israel befreien werden. Schwester Theresia erklärt es mit der ihr eigenen Ruhe, die dem Pathos dennoch nicht im Wege steht: „Da standen so wenige Männer gegen eine riesengroße Armee. Die Botschaft für die Kirche lautet doch: Es ist keine Ausrede, dass wir wenige sind. Wir sollen nicht sagen: ,Ach, wir können in der Kirche doch sowieso nix bewirken!‘ In Grenzsituationen dürfen wir uns sagen: Wenn alles wegfällt, wenn wir total ohnmächtig und ausgeliefert sind, dann kämpft Gott für uns!“ – „Gott wird uns wie Gideon mit seinem Geist ausrüsten, er hat es in Taufe und Firmung ja schon längst getan! In den Sakramenten haben wir auch die Sendung Gideons empfangen, selbst charismatische Retter für viele Menschen in unserer Umgebung zu werden: Sagen wir heute Ja zu dieser Berufung und Sendung!“

Es geht weiter

Nach der Feier der heiligen Messe wird der Priester, der Dresdener Pfarrer Laurenz Tammer, für die Teilnehmer des Kurses in einer eigenen Sendungsfeier beten. Wenngleich mich selbst ein wenig wie Petrus bei der Verklärung Jesu auf dem Tabor der Wunsch beschleicht, drei Hütten bauen und bei diesem Moment großer Innerlichkeit verweilen zu wollen, weiß ich, dass der Ort des Propheten nicht der einsame Berg, sondern der Alltag ist.

In einer wunderbaren Begegnung nach dem Glaubenskurs entsteht die Idee, ihn fortleben zu lassen in regelmäßigen, wenigstens monatlichen gestalteten Anbetungszeiten. Wir wollen eine Pfarrzelle bilden, die wöchentlich zusammenkommt, für aktuelle Anliegen in der Pfarrei und ihrem Umfeld nicht nur betet, sondern auch tatkräftig zur Verfügung steht – nicht als abgeschlossener Kreis, sondern als für alle offene Gruppe von Gottesfreunden, die sich vom Heiligen Geist treiben lässt, Heiliges zu tun!

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